The 2nd try
Chapter 6: bear

Übersetzung: moenoel


Es war noch sehr früh, doch die Sonne stand bereits hoch genug, um das Schlafzimmer mit Morgenlicht zu fluten. Shinji war schon seit einigen Minuten wach, doch er hatte nicht die Absicht schon aufzustehen. Er genoss diesen Moment viel zu sehr.

Sie einfach nur anzusehen, während sie in seinen Armen schlief. Ihr weiches Haar, das in den frühen Sonnenstrahlen in seinem strahlenden Rot glänzte. Das leichte Auf und Ab ihrer Brust im Rhythmus ihres Atems. Das leise, kaum wahrnehmbare Geräusch ihres Schnarchens. Ihre Finger, die lose auf seinen Schultern lagen und hin und wieder ziellos umherstreiften. Ihr süßer, berauschender Duft, der alles in den Schatten stellte, was er sich vorstellen konnte. Der fast schon niedliche Tropfen Sabber im Winkel ihres leicht geöffneten Mundes, den er nicht wagen würde wegzuwischen, aus Angst er könnte sie aus ihrem friedlichen Schlummer reißen. Er konnte für Stunden so bleiben, ohne jemals die Freude daran zu verlieren.

Aber so sehr er diesen friedlichen Moment auch schätze, es gab immer Störungen, die er nicht verhindern konnte – wie das allmorgendliche Krähen, das ohrenbetäubend vom Hühnerstall erschallte.

"Nn... verdammt, eines Tages werde ich diesen dämlichen Hahn umbringen...", grummelte eine langsam erwachende Asuka.

"Naja, er ist sogar ein bisschen spät dran", sagte Shinji lachend, bevor er sich zu ihr herüber lehnte. "Guten Morgen, Frau Ikari."

Asukas Lippen trafen seine in einem kurzen Kuss. "Morgen, Herr Soryu", antwortete sie, nun schwach lächelnd.

Shinji kicherte leise. Ihre 'Hochzeit' war nun schon ein paar Monate her und, offiziell oder nicht, zweifelte keiner von ihnen an ihrer Vermählung. Selbst obwohl die täglichen Routinen längst wieder eingesetzt hatten.

"Naja, ich geh' dann mal lieber und sehe nach ihnen", sagte er, langsam aufstehend und zum Schrank gehend um ein paar Kleider zu holen. Er wusste, dass wenn sie noch länger im Bett blieben, sie es für eine ganze Weile nicht verlassen würden. "Möchtest du Eier zum Frühstück?", fragte er über seine Schulter.

Ihre Antwort kam nicht sofort und für einen Moment dachte er, sie sei wieder eingeschlafen. Doch als er sich umdrehte, riss sie sich von ihren Gedanken los.

"Oh, kein Frühstück für mich...", murmelte sie schläfrig.

"Schon wieder?"

Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich auf. "Ich... bin einfach nicht wirklich hungrig."

"Hm, wenn du meinst...", Shinji sah sie für einen Moment neugierig an, während er versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal zusammen gegessen hatten. Es war nicht Ungewöhnliches für sie eine Mahlzeit zu überspringen wenn sie viel zu tun oder nicht genug im Haus hatten. Aber weil sie nicht Hungrig war?

Ein wissendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als ein Gedanke ihn traf. Sich über sie beugend, gab er ihr einen kurzen Schmatz auf die Wange. "Du weißt, dass du für mich immer wunderschön sein wirst. Und du brauchst wirklich kein einziges Gramm zu verlieren", sagte er sanft zu ihr.

Offensichtlich hatte er einen Nerv getroffen, denn sie fuhr überrascht und mit großen Augen hoch. "N-nein, das ist es wirklich nicht! Ich bin einfach nicht hungrig!"

Shinji kicherte auf die fast schon fieberhafte Leugnung seiner Frau. "Okay, okay. Aber denk dran: Nur weil wir bis jetzt Glück mit unserem Garten hatten, heißt das nicht, dass es keine schlechten Zeiten, mit wenig zu Essen auf dem Tisch, geben wird. Es gibt also keinen Grund für eine extra Diät solange wir genügend Ressourcen zur Verfügung haben."

"Nun, sieh es als Sparmaßnahme an, um Vorräte für solche harten Zeiten zu sparen!", erwiderte sie nachdrucksvoll, um zu betonen, dass sie nicht länger über dieses Thema sprechen wollte. "Wo wir gerade bei Vorräten sind, wir haben keine Seife mehr und das Toilettenpapier und die Sonnencreme sind fast leer. Und außerdem haben wir kaum noch Sprit im Tank."

"Schon wieder?", stöhnte er, während er sich ein T-Shirt über den Kopf zog. "Na gut, ich gehe nach dem Frühstück. Und wenn ich schon mal dabei bin, kann ich auch gleich den Müll zur Halde bringen. Wir haben schon wieder drei volle Säcke und die fangen langsam an zu stinken."

Asuka nickte langsam. "Sei vorsichtig."



**************************



Wilde Tiere hatten langsam damit begonnen das Territorium zurückzufordern, aus dem sie von den Menschen durch den Bau ihrer Städte aus Stahl und Beton gewaltsam vertrieben worden waren. Doch die zerschmetterten Überreste von Tokyo 3 lieferten nicht besonders viel Nahrung, wodurch die meisten Aktivitäten in der Nähe der Mülldeponien zu beobachten waren. Bis dahin waren sie zwar noch nicht auf wirklich aggressive Tiere gestoßen, doch das war vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Ihr Garten war noch kein bevorzugtes Ziel und um sicher zu gehen, dass dies auch so blieb, mussten sie ihren verlockenden Müll schnellstmöglich entsorgen. Aber Shinji war sich sicher, dass sie nicht dazu in der Lage wären sie noch viel länger zurück zu halten. Sie hatten bereits drei Kohlköpfe und mehrere Karotten an ein paar Streuner verloren, bevor sie sie verjagen konnten. Und natürlich war da noch ihr neuer Freund der Hahn, der eines Tages einfach aufgetaucht war und immer wieder kam, Egal wie oft sie ihn verscheucht hatten. Seinetwegen hatten sie nicht nur ihren eigenen "Weckdienst", sondern sie mussten auch jedesmal alle Eier prüfen, falls sie keine "kleine Überraschung" darin finden wollten.

Der Gestank, der die Luft erfüllte, ließ keinen Zweifel daran, dass er sein Ziel fast erreicht hatte. Das zerstörte Tor durchfahrend, stoppte Shinji den Wagen vor dem gigantischen Berg aus Abfall. Wie jedes Mal, wenn er hier her kam, musste er den Kopf schütteln, als er daran dachte, dass dies nicht einmal die Hauptdeponie der Stadt gewesen war. Das Recycling-Gut und der brennbare Müll waren also nicht hier gelandet.

Durch die Fenster spähend versicherte er sich, dass sich draußen nicht größeres bewegte. Doch außer einem leisen Rascheln, das sich von ihm weg bewegte, war alles ruhig. Normalerweise jagte der laute Motor des Pickups die meisten Tiere davon und dieses Mal war es wohl nicht anders gewesen.

Vorsichtig öffnete er die Tür und sah sich noch einmal um, bevor er endlich ausstieg. Es würde nicht lange dauern, die Müllsäcke loszuwerden, weil es praktisch egal war, wo er sie hinwerfen würde. Die ersten beiden folgten zügig denen von der letzten Fahrt hierher.

Aber als er den dritten Beutel von der Ladefläche nehmen wollte, fühlte dieser sich unnatürlich schwer an. Ein wütenden Zischen zeigte ihm gleich darauf die Ursache: Eine fette Ratte hatte ihre Klauen in das Plastik gegraben, unwillig von seiner Beute abzulassen.

"Hey, lass los!", rief Shinji, den Sack heftig schüttelnd. Das Biest hielt sich mit aller Kraft fest, doch sein eigenes Gewicht war zu viel für den Plastikbeutel. Die Krallen rissen ihn auf und der Inhalt verteilte sich über den ganzen Wagen. Das verängstigte Tier eilte nach seiner unsanften Landung auf dem Hinterteil davon und ließ einen leise fluchenden Shinji allein zurück.

Er hatte keine große Wahl, als die Sauerei zumindest vom Auto zu entfernen. Die Zähne zusammenbeißend, um die Abscheu davor den Müll mit der bloßen Hand anzufassen zurückzuhalten, begann er damit den Müll vom Truck zu werfen. Er war fast fertig, als er ein kleines Paket zwischen den verrottenden Überresten ihres Essens bemerkte. Es sah so aus, als sei es mit Zeitungspapier oder Seiten aus anderen Magazinen eingewickelt und tief in den Sack gesteckt worden war. Das Papier war an einigen Stellen eingerissen, ob nun durch die Krallen der Ratte, oder die Reibung mit dem anderen Müll. Unter normalen Umständen hätte er es überhaupt nicht bemerkt und das war genau das, was sein Interesse weckte: Derjenige, der es in den Müllbeutel getan hatte, hatte es verstecken wollen.

Neugierig riss er die Überreste des Zeitungspapiers ab und öffnete das verdreckte Paket. Er brauchte einen Moment um zu realisieren, was er darin sah. Doch als er tat blieb ihm der Atem im Halse stecken. Langsam sackte er zu Boden, den Blick immer auf das kleine weiße Objekt in seiner Hand fixiert.

Er hätte nachher nicht sagen können wie lange er dort gesessen hatte.



**************************



"Ich... ich bin zu Hause."

Die schwach gemurmelte Begrüßung, die endlich, nach den vielen Stunden seiner Abwesenheit, kam, brachte Asuka dazu zur ihrer Quelle im Flur zu stürmen. Verärgert und besorgt nach der ungewöhnlich langen Wartezeit, kümmerte sie sich nicht um Höflichkeit bei ihrer Antwort.

"Wo warst du die ganze Zeit? Ich war kurz davor nach dir suchen zu gehen!" Sie verzog das Gesicht, in seine Richtung riechend und fuhr angeekelt zurück. "Und du stinkst! Bist du etwa die ganze Zeit auf der Mülldeponie gewesen?"

Aus irgendeinem Grund reagierte er kaum. Er hielt nur seinen Blick gesenkt, als könne er es nicht fertig bringen ihr in die Augen zu sehen. "Es tut mir leid", sagte er unangenehm flach. "Ich... musste für eine Weile nachdenken..."

"Nachdenken? Worüber...?" Asuka verstummte langsam als sie das kleine weiße Etwas sah, dass er fest mit der Hand umklammerte. Sie spürte wie eine Mischung aus Angst und Zorn in ihrem Magen aufbrodelte. Im Bruchteil einer Sekunde waren alle ihre Hoffnungen zerstört. Alle ihre Anstrengungen es geheim zu halten und sich wie immer zu verhalten, alle ihre Sorgen – alles ruiniert. "Ich wusste ich hätte den Test nicht hier machen sollen...", murmelte sie angeekelt, als sie ihre Augen von ihm abwandte. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können?

Shinji reagierte gar nicht auf ihr Geständnis und fuhr einfach fort. "Zu – zu Anfang war ich nicht sicher warum du nichts gesagt hast. Ob du mich überraschen wolltest oder... oder ob du einfach nicht wusstest, wie du es mir sagen sollst..." Er machte eine Pause, aber Asuka konnte sich nicht dazu bringen zu antworten.

'Warum habe ich es nicht irgendwo in die Ruinen geworfen?', dachte sie, am ganzen Körper zitternd, während sie einfach seine Worte auf sich wirken ließ. 'Er hätte es dort nie gefunden. Jetzt – er wird es niemals verstehen. Nicht das. Er kann nicht...'

"Du... du wolltest nie, dass ich es erfahre, oder?", schlussfolgerte Shinji. "Darum hast du in letzter Zeit auch kaum etwas gegessen... Du wolltest... du wolltest es – es töte..."

"NA UND?!", schnitt sie ihn abrupt ab, unfähig die Spannung in sich länger zurückzuhalten. "Ich will dieses... dieses Ding nicht! Es zerstört alles was wir bis jetzt erreichen konnten! Alles was wir haben!"

"Asuka...", er starrte sie mit einer Mischung aus Angst und Horror an. "Ich... ich kann nicht glauben das du so redest. Wa-was du das tust – wenn... wenn du nicht aufhörst riskierst du nicht nur das Leben des Kindes, sondern auch dein eigenes!"

"Siehst du? Es steht bereits zwischen uns!", kreischte Asuka, als blinde Raserei ihren Verstand übernahm. Sie versuchte nicht einmal mehr ihm zuzuhören. Es war egal wie er es sagte. Alles war vorbei.

"Wenn es wirklich das ist, was du denkst, dann hast du vermutlich recht", murmelte er traurig. "Aber dann ist es nicht die Schuld des Kindes denke ich..."

Alles...



**************************



Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal in 'seinem' Zimmer geschlafen hatte. Es fühlte sich so klein an und gleichzeitig so leer.

Für den Rest des Tages hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Der Streit war der schlimmste gewesen, den sie in einer ganzen Weile gehabt hatten. Tatsächlich war es sogar der erste, den sie in einer ganzen Weile gehabt hatten. Und dann von einer Intensität von der er nicht geglaubt hätte sie jemals wieder zu erleben.

Es sah nicht so aus als würde er bald einschlafen. Ihr Leben war so ruhig geworden, dass der Einschlag der Neuigkeiten des Tages auf seinen Verstand sogar noch größer war – falls das überhaupt möglich war. Der Gedanke daran ein Kind zu haben war ihm niemals gekommen und vielleicht war es das sogar, was ihn blind für die Anzeichen gemacht hatte: Dass sie manchmal länger als sonst im Badezimmer verbracht hatte, dass sie öfters müde wirkte, obwohl sie nicht wirklich hart gearbeitet hatten, Stimmungsschwankungen, die die alte Asuka vor Neid erblasst lassen hätten, der leicht geschwollene Bauch – auch wenn es eher so wenig war, dass man es nicht bemerken würde, wenn man nicht gezielt darauf achtete.

Und selbst jetzt, nachdem er die Bestätigung hatte, wirkte alles so surreal.

Gerade als es den Anschein hatte, dass der Schlaf ihn übermannen würde, jagte das Öffnen der Tür ihn wieder davon. Er überlegte ob er sich zu ihr umdrehen sollte oder vorgeben sollte zu schlafen.

Nach einem Moment der Stille begann sie zu sprechen. "Shinji? Komm zurück ins Bett."

Er gab jedoch kein Lebenszeichen von sich, obwohl sie zu wissen schien, dass er wach war.

"Verdammt, lass mich nicht betteln...", murmelte sie kaum hörbar. Er merkte, dass sie verzweifelt war, aber er versuchte sich nicht darum zu kümmern. "Ich... ich muss wissen, dass du noch da bist, wenn ich aufwache..."

Endlich zeigte er eine Reaktion. Er hob die Decke und bedeutete ihr zu ihm zu kommen. "Nach all dem muss ich wissen, dass du noch da bist, wenn ich aufwache", erklärte er müde. Er sah sie immer noch nicht an.

Zögerlich nahm Asuka seine Einladung an und stieg zu ihm ins Bett. Die gespannte Atmosphäre war jedoch alles andere als vergangen.

"Wann war das letzte mal, dass wir so geschlafen haben?", fragte sie seufzend. "Mit der Spannung eines Streits in der Luft?"

"Ich weiß nicht..."

"Es ist noch nicht zu spät, oder? Du... du wirst mich doch noch... ?"

"Ich weiß es nicht...", log er. Ihr Verhalten hatte ihn verletzt, obwohl er sich nicht sicher war, ob ihr Misstrauen oder das was sie versucht hatte zu tun mehr schmerzte. Aber er liebte sie immer noch.

"Es ist ein Fluch...", flüsterte sie plötzlich mit flacher Stimme, mehr zu sich selbst als zu ihm.

"Was?"

"Es muss so sein. Vielleicht gibt es wirklich einen Gott und das ist seine Strafe für mich, weil ich seine Boten getötet habe."

Shinji fühlte wie sich ein wohlbekannter Klumpen der Schuld in ihm bildete. "Warum... warum denkst du das?"

"Warum sollte ich nicht?", erwiderte Asuka eindringlicher als zuvor. "Wann immer ich denke, dass ich mein Glück gefunden habe passiert etwas, das es mir wieder nimmt. Mamas Tod, als ich endlich etwas hatte um mich vor ihr zu beweisen! Die EVA-Serie, die Einheit 02 zerstörte als ich gerade erfahren hatte, dass sie die ganze Zeit über darin über mich gewacht hatte! Und jetzt trennt mich das hier vom ersten Menschen, der mich seit langer Zeit wirklich geliebt hat!"

"Asuka..."

"Ja, richtig, es ist meine eigene Schuld, ich weiß!", leierte sie mit brüchiger Stimme. "Aber solltest du nicht auf meiner Seite sein, anstatt auf der von irgendeinem Ding, das du nicht einmal kennst?"

"So-so ist das nicht. Aber was du da tust..."

"Hätte ich dich überhaupt fragen brauchen, ob du eine Abtreibung versuchst?", fragte sie vorsichtig in dem Versuch, seinen Zorn nicht noch zu schüren, als sie gerade dabei waren sich wieder zu vertragen. Sie hatte nicht wirklich Erfolg.

Seine einzige Antwort war ein scharfes Ausatmen. Selbst wenn er gewusst hätte wie – wäre er überhaupt in der Lage gewesen so etwas zu tun?

"Siehst du? Darum habe ich es dir nicht erzählt: Du hättest mir nicht helfen wollen..."

"Wie... wie konnte das überhaupt passieren?", unterbrach er sie plötzlich – ein verzweifelter Versuch, die Richtung, die das Gespräch nahm, zu ändern. "Ich dachte du nimmst die Pille?"

"Das tue ich! Glaubst du wirklich ich wäre so unvorsichtig?", grummelte Asuka. "Ich habe keine Ahnung wie es möglich ist. Ich meine, es ist kein hundertprozentiger Schutz. Und wer weiß schon ob sie noch richtig funktionieren, wenn sie so alt sind..."

Shinji traute seinen Ohren nicht. "Du hast abgelaufene Medikamente genommen?"

"Tja, solange du keine Neuen machen kannst, habe ich wohl keine große Wahl!", schoss sie zurück.

"Aber du bist sicher, dass Schwangerschaftstests...?"

Er sah sie nicht nicken, aber er hatte kaum einen Grund an ihr zu zweifeln. "Ich habe sogar zwei unterschiedliche gemacht. Habe sie getrennt versteckt, also hast du den anderen vermutlich weggeworfen."

"Und... wie lange... ?"

"Es ist eine knappe Woche, seit ich die zweite Periode hintereinander verpasst habe", gab sie zu. "Ich habe es zu Anfang nicht einmal gemerkt. Die Morgenübelkeit war nicht so schlimm, dass ich mir viele Gedanken gemacht habe. Ich habe es einfach auf unsere unausgewogene Ernährung geschoben. Als es dann anfing zu offensichtlich zu werden..." Sie seufzte bitter. "Ich weiß nicht. Ich glaube ich habe einfach versucht es zu ignorieren. Ich wollte es nicht akzeptieren. Aber die Angst nagte an mir, also habe ich bei einem Versorgungstrip nach Gora vor einer Woche oder zwei, die Schwangerschaftstests aus einer Apotheke mitgebracht. Aber ich konnte mich irgendwie nicht dazu bringen sie direkt zu machen. Ich habe sie für mehrere Tage versteckt und mir immer wieder gesagt: 'Tu es endlich! Dann wirst du ja sehen, dass du dir umsonst Sorgen gemacht hast!'" Sie beendete ihre Erklärung mit einem kurzen sarkastischen Lachen. "Aber natürlich habe ich mal wieder
recht gehabt..."

Er spürte wie sie sich bewegte, wahrscheinlich um ihn anzusehen. "Wie kannst du so ruhig bleiben?", übernahm sie die Rolle des Fragenstellers. "Ich habe erwartet, dass du ausrastest, wenn du es herausfindest – oder was für deine Definitionen am nächsten an 'Ausrasten' heran kommt."

Shinji grübelte für eine kurze Weile darüber nach, aber die einzige Antwort auf die er kam, war die einzige auf die er in den letzten Stunden oft gekommen war. "Ich... ich weiß nicht", sagte er kopfschüttelnd. "Noch nicht. Als ich erkannte was der Test bedeutete, haben mich tausend Gedanken und Gefühle getroffen. Und ich bezweifle, dass ich sie schon alle verarbeitet habe. Vielleicht will ich mich selbst als ein besserer Vater beweisen, als es mein eigener gewesen ist. Vielleicht will ich nur wissen wie es ist. Ich... weiß nicht...", schloss er leise. "Das einzige das ich weiß ist, dass ich es nicht einfach ignorieren kann... und dir noch weniger dabei helfen kann, was du tust..."

Keine Antwort oder neue Fragen folgten darauf. Nach mehreren Momenten der Stille fragte er sich, ob sie überhaupt noch wach war, bis er ihr leises Atmen hörte. Er drehte sich ein wenig, um sie anzusehen und bestätigte seine Vermutung. Aber seine Augen ruhten nicht lange auf ihren geschlossenen, als er langsam die Hand nach ihr ausstreckte.

"Nicht." Seine Hand stoppte abrupt auf das Erklingen ihrer sanften Stimme, wenige Zentimeter vor ihrem Bauch. "Bitte nicht..."

Leise rollte er zurück auf seine Seite.



**************************



Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: vermutlich zwischen 10 und 13

Ich dachte es wäre vielleicht eine gute Idee hiermit anzufangen, da es meine Aufgabe ist Asukas Schwangerschaft zu beobachten. Dieses Tagebuch wird mir hoffentlich eine Hilfe dabei sein, mögliche Probleme und Komplikationen zu analysieren. Besonders dann, wenn die Zeit kommt, in der ich mit den gegenwärtigen Ereignissen zu beansprucht bin, um mich an jedes vielleicht signifikante Detail zu erinnern. Nicht, dass ich jetzt nicht beansprucht wäre. Der Gedanke daran, so früh schon Vater zu werden, hat so viele Gedanken und Gefühle in mir ausgelöst, dass es vermutlich Tage oder sogar Wochen dauern wird, sie alle zu verarbeiten.
Ich denke für Asuka ist es ähnlich. Zumindest hoffe ich, dass es so ist. Ich weiß nicht was ich tun soll, wenn sie diesen destruktiven Weg weiter geht. Ich habe wirklich Angst um die Gesundheit des Kindes und ihrer eigenen. Sie sagte es sei nicht so, dass sie überhaupt nichts esse (zugegeben, ich habe sie einmal einen Apfel essen sehen) und dass sie ihre "Diät" nur so lange halten würde, bis sie sicher sein konnte, dass "es weg ist". Sie scheint so kalt zu sein. Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt realisiert, dass es ein lebendes Wesen, gar ihr eigenes Kind ist.
Wie es passieren konnte kann ich immer noch nicht sagen. Vielleicht war die Pille wirklich abgelaufen und wir haben Glück, dass "nur" das hier passiert ist. Auf der anderen Seite haben wir mehr als einmal den Lauf der Zeit aus den Augen verloren, also hat sie vielleicht einfach vergessen sie zu nehmen und will es nicht zugeben – sie ist immerhin Asuka. Oder wir sind in das eine oder so Prozent Fehlerquote der Pille gefallen. Immerhin haben wir schon schlechtere Chancen geschlagen. Natürlich war das in einer anderen Zeit.




**************************




Ein lautes Krachen riss Shinji gewaltsam aus dem Schlaf. Im Schock und seinem halbwachen Zustand zwischen Traum und Realität, dachte er zuerst, dass es ein Einbrecher sein könnte. Als er daran dachte, dass niemand auf dem Planeten übrig war, der bei ihnen einbrechen könnte, war sein nächster Gedanke ein wildes Tier, dass es irgendwie geschafft hatte herein zu kommen.

Aber als er nach Asuka sehen wollte, fand er sie nicht wie erwartet friedlich schlafend neben sich liegend. Als er bemerkte, dass das Bett leer war, verging seine Angst langsam, nur, um von einer anderen ersetzt zu werden. Was machte sie so spät noch? Es hatte sich nicht so angehört, als sei sie auf dem Klo gewesen.

Er überlegte einen Moment, ob es das Risiko wert war, einen weiteren Streit zu beginnen, aber am Ende siegte seine Neugier. So leise wie möglich stand er auf. Als er die Tür öffnete hörte er die Geräusche noch besser und auf Zehenspitzen folgte er ihnen zur Küche. Ein schwaches Licht ging von der geöffneten Tür aus und flackerte leicht, als sich jemand vor dessen Quelle bewegte. Er lehnte sich vorsichtig gegen den Türrahmen und spähte hinein.

Asuka saß dort, vor der geöffneten Tür des Kühlschrankes, der auch die einzige Lichtquelle in dem sonst dunklen Raum war. Dort lagen ein paar Äpfel und eine Dose Fleisch, die sie aus dem Lagerraum geholt haben musste. Genauso wie zwei Tomaten, eine Gurke und ein paar Scheiben Brot, die um sie herum auf dem Boden verteilt lagen. In der Hand hielt sie ein frisch gemachtes Sandwich, das sie, soweit er sehen konnte, nur vor ihr Gesicht hielt und anstarrte.

Plötzlich erschütterte etwas, das sich wie ein wütendes Schluchzen anhörte, ihren Körper und sie nahm einen riesigen Bissen. Sie schlang das ganze Ding in weniger als einer Minute herunter, wie ein Wanderer in der Wüste lange vermisstes Wasser herunterstürzen würde.

Er konnte ihren schnellen Atem von der Tür aus hören, aber er konnte nicht sagen, ob sie sich eher verärgert oder niedergeschlagen anhörte.

"Verdammt...", hörte er sie kaum hörbar fluchen, "Verdammt."

Als sie einen Apfel aufnahm zog sich Shinji leise zu ihrem Schlafzimmer zurück.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.




**************************




Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: zwischen 11 und 14

Asuka weigert sich noch immer vernünftig zu essen und es macht mich sowohl wütend als auch ängstlich.
Ich habe während meiner Studien erst vor kurzem gelernt, dass die Bedürfnisse des Fötus noch so gering sind, dass ihre Versuche sowieso ziemlich sinnlos sind, es sei denn sie will es mit in den Tod nehmen. Aber natürlich will sie nicht auf mich hören. Sie ist so dickköpfig geworden; fast noch schlimmer, als zu der Zeit, zu der wir uns kennen gelernt haben. Als wir heute Morgen darüber gestritten haben, war ich sehr versucht ihr zu sagen, dass ich weiß, was sie nachts trieb. Aber so wie sie im Moment ist, würde sie sich vielleicht eher noch härter dazu zwingen nichts zu essen.
Trotzdem, obwohl ich froh war, dass sie überhaupt etwas isst, sind ihre nächtlichen Mahlzeiten nur ein Tropfen auf den heißen Stein, die uns nur ein wenig mehr Zeit verschaffen. Ich hoffe, dass ich sie nutzen kann, bevor es zu spät ist. Selbst wenn es nicht für sie ist. Die Bedürfnisse des Kindes werden mit der Zeit größer werden und wenn es noch länger so weiter geht sehe ich nicht viel Hoffnung, für keinen der beiden.




**************************




"Komm schon Asuka, das wird jetzt wirklich langsam kindisch."

"Na und?", fuhr sie ihn an und schob den vollen Teller erneut von sich weg. "Es ist nicht meine Schuld, dass du nicht verstehst, dass ich das nicht essen werde!"

"Bitte..."

"Nein!"

Shinji ließ den Kopf hängen, müde, aber noch nicht geschlagen. Er hatte genug. Er wusste zwar, dass er sie niemals absichtlich körperlich verletzen konnte, aber er würde sie aus ihrer Dickköpfigkeit zwingen. Er musste es einfach. Sonst würde er seine Familie im Stich lassen, genauso wie ihre beiden Väter es zuvor getan hatten.

"Warum hast du gelogen?", sagte er leise.

"Was?"

"Als es offensichtlich wurde, dass wir als einzige zurückgekehrt sind war ich froh, dass wenigstens du bei mir warst. Nicht weil es irgendjemand war, sondern weil du es warst. Und ich habe dir geglaubt, als du sagtest, dass du genauso fühlst. Aber das war nur eine Lüge, oder? Es war dir immer egal ob ich es war, oder jemand anderes. Du wolltest nur nicht allein sein. Jeder hätte..."

Ein heftiger Schlag ins Gesicht, stark genug um ihn zurücktaumeln zu lassen, stoppte seine Anschuldigungen. Trotzdem blieb er ruhig stehen, auch wenn er sich nicht dazu bringen konnte, ihre bebende Gestalt anzusehen.

"Wie... wie kannst du es wagen...?", sagte sie mit brüchiger Stimme, ihre noch immer ausgestreckte Hand niederzwingend.

Es tat weh. Die schmerzende Wange spürte er kaum, aber diese Worte hatten ihn genauso verletzt, wie er wusste, dass sie sie verletzt hatten. Nur ein paar Wochen zuvor hätte er niemals gedacht, dass es soweit kommen würde, aber nachdem alle seine Versuche sie mit Liebe und Zuneigung zu überzeugen fehlgeschlagen waren, war sie zu verletzen scheinbar der einzige Ausweg. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

"Wenn du mich wirklich liebst, warum versuchst du mir dann zu wegzunehmen, was ich mehr liebe als alles andere auf der Welt?"

Sie senkte ihren Blick auf den Boden, weg von ihm, ihre Stimme war erfüllt mit dem Schmerz des Verratenen. "Also liebst du es schon mehr als..."

"Ich rede über dich!", brüllte er schon fast. "Kannst du nicht einsehen, dass es dich töten wird, wenn du so weitermachst?"

Sie antwortete nicht, hielt ihren Blick fern von ihm, aber ihr Mund klappte auf und zu, in dem verzweifelten Versuch Worte der Erwiderung zu finden. Aber solche Worte existierten einfach nicht.

"Hast du nicht gesagt, du würdest nie wieder das Leben aufgeben?", fuhr er fort.

Das war er, der letzte Tropfen. Er seufzte in sich hinein, die Schuld war beinahe unerträglich, als er sah, wie sie beinahe unbewusst mit zitternden Fingern an ihr linkes Handgelenk fasste. "Ich-ich wollte... wollte nicht... ich..."

"Also, willst du mich wirklich allein hier zurücklassen...", fuhr er letztendlich fort und schob ihr erneut den Teller hin, "... oder wirst du jetzt etwas essen?"

Sie starrte die Mahlzeit mit einem Ausdruck an, den er nicht entziffern konnte. Gerade als er dachte, sie würde den letzten Rest ihres Stolzes zusammen nehmen und einfach gehen, sackte sie auf dem Stuhl zusammen und nahm die Gabel in ihre zittrige Hand. "Das ist nicht fair..."

"Nein", stimmte er kopfschüttelnd zu, "das ist es nicht..."




**************************




"Hallo", begrüßte er niemand bestimmten, aber jeden der ihn hören konnte, was entweder niemand oder die gesamte Menschheit war. Es war schwer zu sagen, wenn alles was er neben dem riesigen Kopf, der noch immer sein ewiges Lächeln behielt, sehen konnte, der rote Ozean war. Shinji hoffte einfach, dass die, die er erreichen wollte, ihn irgendwie hören konnten. "Es... es ist eine Weile her, seit wir das letzte Mal hier waren", fuhr er fort und warf dabei einen kurzen Blick zu Asuka, die einige Meter von ihm entfernt saß.

"Ich habe... große Neuigkeiten, glaube ich. Wir – Asuka, sie... sie ist schwanger." Er seufzte und ließ seinen Blick auf den Sand niederfallen, in dem er kniete. "Das sollte ein glücklicher Moment sein, oder nicht? 'Ein Kind: Der größte Beweis der Liebe zwischen zwei Menschen.' Aber Asuka sieht es wohl nicht so. Ich bin nicht ganz sicher, was sie in ihm sieht. Sie fürchtet es aus irgendeinem Grund, genug um zu versuchen es verhungern zu lassen."

"Sie hat mich einmal gefragt, warum ich nicht 'ausgerastet' bin, als ich es erfahren habe. Und ich habe mir diese Frage selbst mehrmals gestellt. Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe, eher das Gegenteil. Aber wann immer ich darüber nachdenke, konnte ich niemals das Kind selbst fürchten, ich hatte immer Angst um es. Ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffen soll, ein guter Vater zu werden. Ich habe sogar weniger Erfahrung als die meisten zukünftigen Eltern, die sich diese Frage vor mir gestellt haben. Und in Zeiten des Zweifelns, haben wir niemanden, den wir um Rat fragen können, niemanden, der uns versichert, dass wir alles richtig machen." Er schüttelte den Kopf. "Dass wir ein neues Leben in diese zerstörte Welt zu bringen, scheint so unglaublich unverantwortlich zu sein. Aber jetzt, wo es passiert – ich weiß nicht warum, aber ich kann es nicht fürchten."

"Aber Asuka – ich habe sie endlich dazu gebracht zu essen, aber es ist jedes Mal ein neuer Kampf. Ich bin nur froh, dass das er einzige Weg war, der ihr eingefallen ist, um..." Er beendete den Satz, erstickend an Worten wie 'töten' oder 'es los werden'. "Wer weiß, was hätte passieren können, wenn sie versucht hätte irgendwelche Medikamente zu nehmen? Oder wenn sie versucht hätte das Kind – und dabei wahrscheinlich auch sich selbst – körperlich zu verletzen?"

"Aber das ist nur ein schwacher Ausgleich. Es waren nur ein paar Wochen, aber ich fühle mich bereits so ausgelaugt. Wie soll ich es schaffen, noch für mehrere Monate weiterzukämpfen? Oder sogar Jahre, falls sie es nicht akzeptiert? Ich... ich weiß einfach nicht, ob ich es schaffen kann." Mit einem falschen Gefühl der Hoffnung ließ er seinen Blick über den Ozean wandern. "Ich glaube ich bräuchte eure Hilfe momentan mehr als jemals zuvor. Jemanden, der sie überredet. Oder mir einen Rat gibt. Zumindest ein paar aufmunternde Worte..."

Aber die einzige Antwort, die das Meer gab, war das Rauschen der Wellen.

In diesem Moment fühlte sich Shinji unwahrscheinlich müde. Jede anrollende Welle legte ein weiteres Gewicht auf seine Schultern. "Helft mir", flehte er leise, als seine Knie nachgaben und er nach vorne in den Sand zusammensackte. "Bitte..."

Seine zittrigen Finger gruben sich ziellos in den Sand, die Körner ronnen zwischen ihnen hindurch, als er seine Hände zwang sich zu schließen. Schwer atmend hielt er seinen Kopf gesenkt, darauf wartend, dass ihm irgendjemand oder irgendetwas sagte, was er tun sollte, bis zwei Füße neben ihm stoppten.

Seine Ehefrau sah zu ihm herunter, Mitleid und Abscheu stritten sich um die Vorherrschaft ihrer Augen. "Komm schon", sagte sie kalt, "lass uns nach Hause gehen."




**************************




Die Leute hielten die Nacht oft für die Zeit des Schreckens, in der man Angst hatte vor dem Unbekannten, das in der Dunkelheit lauerte. Aber nicht alles sah besser aus im Morgenlicht.

Federn waren über den ganzen Platz verteilt, getrocknetes Blut war über sie und den Boden vergossen. Hier und da lagen ein paar Fetzen Fleisch, das während des Kampfes von den Fangzähnen herausgerissen worden war.

Obwohl sie in ihrem Leben schon schlimmere Massaker erlebt hatte, oder vielleicht sogar wegen diesen schrecklichen Erinnerungen, schüttelte sich Asuka bei dem grausigen Anblick.

In der Nacht zuvor waren sie durch ein lautes Krachen und Geräusche aus dem Hühnerstall aufgeweckt worden. Mit den nächstbesten 'Waffen' ausgerüstet, einer Harke und einer Schaufel, hatten sie versucht das Schlimmste zu verhindern, doch sie waren bereits zu spät. Als sie den Stall erreicht hatten, war eine Henne bereits tot, der Hahn zappelte noch einige Sekunden vergeblich im Maul der Bestie. Im Dunkeln hatte es fast ausgesehen wie ein Wolf, aber Asuka vermutete, dass es doch nur ein wilder Hund, verrückt vor Hunger, gewesen war. Sonst wären sie wohl nicht in der Lage gewesen ihn so einfach zu verjagen und ihn dazu zu bewegen, seine Beute zurückzulassen.

"Wir... wir sollten es wohl von der positiven Seite sehen", murmelte Shinji und schreckte sie damit aus ihren Gedanken auf. "Jetzt werden wir nicht mehr zu früh aufgeweckt. Ähm... für eine Weile zumindest..." Er warf einen flüchtigen Blick auf ihren dicker werdenden Bauch. "Und... naja... wir werden auch diese Überprüfungen nicht mehr machen müssen...", fuhr er hastig fort, um ihr keine Zeit zu geben einen Streit anzufangen und legte das Ei, das er gegen das Licht gehalten hatte, zur Seite.

Aber sie war sowieso nicht wirklich in der Stimmung zu streiten. Trotz seiner Versuche es sachlich hinzunehmen, wusste Asuka, dass er den Vorfall nicht besonders gut verkraftete.

Obwohl ein paar Kratzer am Arm die einzigen körperlichen Verletzungen waren, die er davongetragen hatte, zeigte es überdeutlich, dass sie eine stärkere Verteidigung brauchten, als einen schwachen Zaun, der sogar schon an einigen Stellen eingefallen war.

"Und... wir haben mal wieder was anderes zu Essen..."

Das überraschte sie. "Du willst sie ...?"

"Naja, du – ich meine wir könnten ein wenig Abwechslung vertragen. Und es-es wäre eine Verschwendung denke ich, wenn wir nicht..."

Seine hohle Stimme hörte sich ziemlich genauso an, wie sie sich fühlte. Natürlich wäre Hühnchen zum Mittag eine angenehme Abwechslung, nach all den Konserven, Fisch und was sie angebaut hatten, aber der Gedanke daran etwas zu essen, mit dem man für mehr als ein Jahr zusammen gelebt hatte, verdarb ihr den Appetit. Egal wie dämlich es zu sein schien, sich emotional so an ein verdammtes Federvieh gebunden zu fühlen...

Wütend schüttelte sie den Kopf. Es war nur ein verdammtes Federvieh und es war dämlich so eine Gelegenheit abzulehnen. Die Hormone spielten anscheinend mal wieder mit ihr.

"Trotzdem, werden uns nicht die Eier knapp werden, oder so?", fragte sie letztendlich, um ihren Kopf weg von dem Thema zu bekommen. "Nicht, dass es mir was ausmachen würde..."

"Ich glaube nicht. Wir haben immer noch eine gewisse Reserve, die bestimmt noch ein oder zwei Wochen hält", erklärte Shinji und hielt ein weiteres Ei vor das Licht. "Und es sieht so aus, als hätten sie uns ein paar kleine Geschenke hinterlassen...", schloss er und legte es vorsichtig auf einen zweiten Haufen.




**************************




"Warum hat das so lange gedauert?", begrüßte Asuka ihn, als er zu dem Krankenzimmer zurückkehrte.

"Tut mir leid, ich habe den Generator so schnell angeschmissen, wie ich konnte", erklärte Shinji und deutete auf die Untersuchungsliege. "Warum hast du dich nicht schon einmal hingelegt?"

Der Rotschopf grummelte etwas das er nicht verstehen konnte, legte sich aber schließlich hin. Währenddessen überprüfte er die Geräte und versuchte sich daran zu erinnern, was er über ihre Funktionalität gelernt hatte. Nachdem er ein paar Knöpfe gedrückt hatte und das Gerät mit einem Summen zum Leben erwachte, nahm er einen Gürtel und ging zu Asuka, um ihn um ihren Bauch zu legen.

"Könntest du kurz etwas hoch...? Danke."

"Wofür ist der?", wollte sie wissen, als er ihn um sie fest zog, doch er antwortete nicht. Sie zischte plötzlich, als er begann das Übertragungsgel auf ihrem Bauch zu verteilen. "Scheiße!"

"Tut mir leid, das habe ich vergessen. Ist es zu kalt?"

"Ich bin kein Weichei, ich halte das aus. Aber du hättest mich warnen können!"

"Tut mir leid", wiederholte er halb stöhnend und nahm das auf, was er für den Messwandler des Dopplers hielt. Es dauert nicht besonders lange, bis...

"Was ist das für ein Geräusch?"

Shinji hatte ein strahlendes Lächeln im Gesicht, als das schnelle Pochen den Raum erfüllte. "Das ist der Herzschlag..."

"Der...?", begann sie, ein wenig Erstaunen in der Stimme. "Ist das nicht ein bisschen schnell für einen Herzschlag?"

"Nein", schüttelte er den Kopf und warf einen Blick auf das Display. "155 Schläge pro Minute, das sollte ziemlich normal sein."

"Hm, wie auch immer", schnaubte Asuka und wandte sich von ihm ab. "Beeil dich einfach."

Nickend befestigte er das Gerät an dem Gürtel, bevor er die Sonde für den eigentlichen Ultraschall nahm. Asuka unterdrückte ein zweites Zischen, als er noch mehr von dem Gel auf sie tat. "Okay, lass uns einen Blick riskieren."

"Wie auch immer. Beeil dich einfach!"

Shinji seufzte und nahm einen tiefen Atemzug. Mit den Herzschlägen seines Kindes, die den Raum erfüllten, fühlte er wie sein eigener sich beschleunigte, als er begann die Sonde zu bewegen. In nur wenigen Momenten würde er es zum ersten Mal sehen. Und trotz ihrer Worte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie auch Asuka neugierig ihren Blick auf den Monitor richtete.

Das Ultraschall-Gerät war ein klassisches zweidimensionales Modell und zuerst schien dort nichts als Rauschen zu sein, eine wilde Mischung aus schwarz, weiß und blau. Nach einer Weile fragte er sich, ob er überhaupt dazu in der Lage war, etwas so kleines mit seinen untrainierten Augen zu finden, doch plötzlich konnte er die ersten Konturen ausmachen. Der hervorstehende Kopf kam als erstes in sein Sichtfeld. Und dann folgte der unproportional kleine Körper. Und damit auch die vier kleinen Gliedmaßen, die noch nicht voll ausgebildet waren, aber trotzdem bereits kleine Bewegungen in dem Wasser machten, das sie umgab. Das war sein Kind, ihr Kind.

"Shinji...?"

Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er den Monitor für mindestens eine volle Minute angestarrt hatte und weder die Freudentränen gespürt hatte, die sich in seinen Augen sammelten, noch das breite Lächeln auf seinem Gesicht. Als er sich zu Asuka umdrehte, konnte er keine Worte finden, um seine Gefühle zu beschreiben.

Aus irgendeinem Grund tat sie ihr Bestes, seinen Blick nicht zu treffen und drehte ihren Kopf schnell zur Seite weg, jedoch nicht schnell genug, als dass ihm das Glitzern in ihren Augen entgangen wäre.

"Können wir jetzt nach Hause gehen?", fragte sie sanft. "Ich... ich hab' ein bisschen Hunger..."



**************************



Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: 14 – 15 (mit ziemlicher Sicherheit)

Ich habe immer wieder gelesen und gehört, dass es ein bedeutender Moment ist, wenn man sein Kind zum ersten Mal auf dem Ultraschall sieht. Ich muss zugeben, dass ich nie wirklich verstanden habe warum. Jeder Fötus sieht mehr oder weniger aus wie der andere – kennst du einen, kennst du sie alle, so hatte ich es erwartet.
Aber es ist eine Sache darüber Bescheid zu wissen, eine andere so ein kleines Leben wirklich zu sehen – es war überwältigend. Ich wusste, was ich zu erwarten hatte, ich wusste, wie es vermutlich aussehen würde. Und doch konnte ich mich kaum darauf konzentrieren zu überprüfen, ob alles in Ordnung war, anstatt erstaunt jede kleine Bewegung anzustarren.
Ich frage mich, was Vater gedacht hat, als er mich das erste Mal gesehen hat. Hatte er dasselbe überwältigende Glücksgefühl, das ich heute hatte? Hat er überhaupt ein Ultraschallbild von mir gesehen? Es hört sich vielleicht komisch an, aber irgendwie glaube ich, dass er es hatte. Vielleicht nicht so stark, aber es ist schwer zu glauben, im Moment sogar fast absurd, dass es auch nur einen werdenden Vater gegeben hat, der absolut nichts in dem Moment gefühlt hat. Nicht einmal er.
Glücklicherweise scheint Asuka genauso zu fühlen wie ich, anders kann ich mir das plötzliche Erwachen ihrer Mutterinstinkte nicht erklären. Naja, zumindest isst sie inzwischen anständig, ohne zu viel zu streiten. Natürlich sagt sie, dass sie es nur tut, weil sie mein Genörgel leid ist. Aber wir wissen beide, dass sie einfach nur ihren Fehler nicht zu schnell eingestehen will. Sei es drum, es mir ziemlich egal, solange sie endlich ihr bestes tut, um sich von jetzt an um sie beide zu kümmern. Und (um zumindest ein bisschen Professionalität in diesen Eintrag zu kriegen), kam ihr Sinneswandel nicht zu spät. Soweit ich es beurteilen kann, wurde die Entwicklung des Kindes nicht zu sehr beeinflusst von Asukas "Diät", aber wer weiß schon, wie lange es noch gut gegangen wäre...




**************************




"Warum musste ich mitkommen?", jammerte Asuka, "Es ist sowieso noch viel zu früh für diesen Kram!"

Shinji seufzte leise. "Ich dachte nur du willst vielleicht dabei helfen, die Sachen für das Baby auszusuchen. Wir haben noch gar nichts, keine Spielsachen, keine Kleidung, keine Möbel..."

"Das ist mir klar! Aber es sind noch Monate bis es soweit ist! Wir wissen noch nicht mal, ob es eine Junge oder ein Mädchen wird", sagte sie, hinter ihm her schlurfend. "Und warum sollte mich das überhaupt interessieren?", fügte sie eilig hinzu.

Ein wenig zu eilig. Ein weiterer Seufzer entkam ihm, als er sich müde die Augen rieb. Egal, was sie sagte, er konnte sehen, dass es ihr unter den Fingern brannte jeden Winkel in dem gesamten Babyladen zu erkunden. Er wünschte sich nur, sie würde nicht dieses Schauspiel abhalten. All die unnötigen Streitereien laugten ihn mehr und mehr aus.

"Ich weiß, dass es noch eine Weile dauert", sagte er. "Aber wir müssen wahrscheinlich sowieso mehr als einmal fahren, also warum nicht gleich damit anfangen? Wir haben für heute alles erledigt, was zu erledigen war, also..."

"Na gut, na gut", unterbrach sie ihn. "Wenn wir schon mal hier sind, kann ich mich auch gleich nach Umstandskleidung umsehen. Sogar meine weitesten Hosen werden mir langsam zu eng."

Er lachte sanft zu sich selbst. Wenn sie es nicht schon längst wäre, würde ihre Schwangerschaft langsam beginnen offensichtlich zu werden. Aber er war weise genug nicht von selbst dieses Thema anzusprechen.

Als Shinji sich umsah, konnte er nicht anders, als erstaunt und auch ein wenig überwältigt von der Größe des Geschäfts zu sein. Er hatte gewusst, dass es auf Schwangerschafts- und Babysachen spezialisiert war, aber hatte nicht damit gerechnet mehr von alledem zu finden, als er sich vorstellen konnte. Es gab einen ganzen Bereich für Möbel, mit Krippen, Wickeltischen, Hochstühlen und Laufställchen. Verschiedene Arten von Kinderwagen und -buggies. Eine Menge Kleidung für Mutter und Kind. Tonnen von Spielzeug, in allen Formen und Farben. Eine unglaubliche Variation von Flaschen und (inzwischen abgelaufenes) Milchpulver. Und Windeln so weit das Auge reichte.

Er schüttelte den Kopf, um sich von diesem unnötigen Überangebot loszureißen. Es würde auf jeden Fall schwerer sein zwischen diesen Mengen zu wählen, als er dachte, aber ihm war auch klar, dass er froh sein konnte, eine solche Auswahl zu haben.

"Nun, wo sollen wir...?" Er verstummte langsam, als er merkte, dass Asuka ihm nicht mehr folgte. "Asuka?"

Dann sah er sie, bewegungslos in einem der Gänge stehend und ohne zu blinzeln eines der Regale anstarrte. Shinji öffnete bereits seinen Mund um zu fragen, doch das wurde unnötig, als er ihrem gebannten Blick folgte.

Die ganze Reihe war mit verschiedenen Puppen gefüllt, die glücklich lächelten, während sie mit ihren toten Augen zurückstarrten.

"Komm", sagte er leise und zog sie sanft von dort weg. "Warum gehen wir nicht und suchen ein paar schöne Anziehsachen für dich?"



**************************



Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: 15 – 16

Die Schwangerschaft verläuft ohne bemerkbare Probleme seit Asukas (immer noch nicht offiziellem) Sinneswandel, aber Asuka selbst... ich glaube ich hätte sie nicht mit mir nehmen sollen und wahrscheinlich hatte sie recht, als sie gesagt hat, dass es noch zu früh sei. Ich hätte wissen müssen, dass sowas passieren kann. Nach ihrer "Begegnung" hat sie für den Rest des Tages kaum ein Wort gesprochen und ihr neugefundener Enthusiasmus war für eine Weile wie weggeblasen.
Natürlich sind es nicht die Puppen, die den Schmerz verursachen, sondern die Erinnerungen, die sie mit sich bringen. Ich würde mich nicht wundern, wenn diese Angst ein Ausschlag gebender Faktor für ihr früheres Verhalten war, ob sie es nun bemerkt hat oder nicht. Wir haben es geschafft die meisten Probleme von vor dem Third Impact zu bewältigen, aber das heißt nicht, dass wir sie vollständig losgeworden sind. Von einem Replikat ersetzt zu werden war eine ihrer Hauptängste, seit ihre Mutter ihren Verstand verloren hat.
Aber ein Baby ist keine Puppe, es ist ein menschliches Wesen, ein individuelle Person, die eine andere nicht einfach ersetzen kann.
Ich glaube Asuka hat das inzwischen begriffen. Ich hoffe nur, dass sie es nicht wieder vergisst.




**************************




Wann immer Asuka den selbstgebauten Brutkasten sah, verspürte sie den merkwürdigen Drang die Eier darin zu beobachten. Aus irgendeinem Grund wollte sie den entscheidenden Moment nicht verpassen. Und wenn Shinji nicht in der Nähe war, gab sie diesem Drang jedesmal nach und starrte manchmal minutenlang die regungslosen Eierschalen an.

Aber als Asuka an diesem Nachmittag an ihnen vorbei lief bemerkte sie, dass sie gar nicht mehr so regungslos waren wie sonst. Mit großen Augen warf sie die Schaufel und den Eimer zur Seite, mit denen sie zuvor im Garten gearbeitet hatte und bückte sich vor dem Brutkasten hin, um besser sehen zu können. Sie wusste, dass es idiotisch war, aber ihr Herz raste in Erwartung dessen, was im Begriff war zu passieren.

Sich umsehend musste sie sich auf die Lippe beißen, um nicht laut nach Shinji zu rufen, da sie sonst ihr peinliches kleines Geheimnis enthüllen würde. Obwohl dieses Geheimnis nicht mal so schlimm war, wie ihr anderes.

Ihre Hand wanderte zu ihrem immer größer werdenden Bauch, in dem ihr Kind heranwuchs.

'Dieser verdammte Shinji! Warum musste er diesen Ultraschall machen? Warum musste er es mir zeigen?'

Natürlich wusste sie, warum er es getan hatte. Er wusste ganz genau, dass es für sie schwer werden würde es zu hassen, wenn es ein 'Gesicht' hatte. Bis dahin hatte sie sich einreden dass es eine Art Parasit war, ein Tumor, ein Fremdkörper, der in ihre Wuchs. Aber nun war sie nicht einmal mehr in der Lage es ein 'Ding' zu nennen.

"Was machst du da?"

Überrascht zuckte sie auf das plötzliche Erklingen von Shinjis Stimme zusammen. Verlegen sah sie zu ihm auf, als er neben sie trat.

"Öhm, sie... sie schlüpfen...", erklärte sie und versuchte sofort die Schamesröte des Erwischtwerdens zu verbergen.

"Was? Wirklich?", fragt er aufgeregt und lehnte sich über ihre Schulter, um besser sehen zu können.

Das erste Küken hatte die Schale bereits durchbrochen, der Schnabel guckte heraus, während es versuchte sich aus dem Ei zu befreien. Die beiden anderen arbeiteten hart um die durch die Risse zu brechen, die sie erzeugt hatten.

Asuka fühlte sich ziemlich unwohl, jetzt da Shinji die Geburt über ihre Schulter hinweg beobachtete, aber sie konnte sich nicht dazu bringen einfach aufzustehen und zu gehen und sie war nicht einmal in der Lage, sich eine gute Entschuldigung auszudenken. Aber die Tatsache, dass er nicht einmal fragte, war das Schlimmste.

So blieben sie dort stehen, ohne ein Wort zu sagen, bis die Stille durch das Zwitschern der drei Neugeborenen durchbrochen wurde.




**************************




Asuka war gelangweilt. Die Tagesarbeit war lange erledigt, die Schwangerschaft machte bis jetzt keine Schwierigkeiten (was zumindest einmal eine Ablenkung gewesen wäre) und Shinji...

Sie rollte den Kopf zur Seite, wo Shinji in einem Sessel saß und in ein Buch vertieft war. Sie wog es für einen Moment ab, entschied dann, dass es besser als nichts war, hievte sich von der Couch und schritt neben ihn.

"Was liest du?", fragte sie, hatte ihm das Buch aber schon weggeschnappt, bevor er antworten konnte. "'Geläufige und ausländische Baby-Namen'?"

"Naja, wir haben noch gar nicht über einen Namen nachgedacht...", erwiderte er verlegen, als seine erste Überraschung abgeklungen war.

Asuka blickte zwischen ihm und dem Buch hin und her. "Ein Name?"

"Ja. Ich meine, so lange ist es doch nicht mehr...?"

"Immer noch ein paar Monate."

"Okay, okay", gab er zu. "Ich wollte einfach nur darüber nachdenken. Oder hast du schon irgendwelche Ideen?"

"Nicht wirklich...", murmelte sie, "Und warum sollte ich?"

Für eine Sekunde dachte sie, er hätte mit den Augen gerollt, aber sie fragte nicht.

Sie seufzte, nachdenklich ihren Nacken kratzend. "Naja, wir könnten es einfach nach jemandem benennen, der uns nahe stand. Du weißt schon, wenn es ein Mädchen wird, 'Kyoko' oder 'Yui'. Oder vielleicht 'Misato' oder 'Hikari' oder... oder 'Rei', wenn du darauf bestehst", listete Asuka auf. "'Ryoji', falls es ein Junge ist. Auf keinen Fall 'Touji' oder 'Kensuke'!", schloss sie ab, den letzten Satz mit einem warnenden Blick ausrufend.

"Nein", sagte er ruhig und schüttelte den Kopf. "Ich möchte niemals von ihm oder ihr als einen Ersatz von einem von ihnen denken. Es wäre dem Kind gegenüber nicht fair, ihm eine solche Bürde aufzuerlegen."

Asuka seufzte schwer und zuckte die Schultern. Das war ein gutes Argument, ein sehr gutes sogar. Früher oder später würde ihnen etwas herausrutschen wie 'Die kleine Misato trinkt ihren Saft genauso wie die andere ihr Bier!' und mit der Zeit würden sie dem Kind das Gefühl geben, es müsse genauso wie sein Namensgeber sein.

Aber im Moment waren ihr die Ideen ausgegangen und es fing an ihr auf die Nerven zu gehen. Sich Namen überlegen war nicht wirklich, was sie sich vorgestellt hatte, um ihre Langeweile loszuwerden. "Dann mach einen besseren Vorschlag, wenn du jetzt schon einen Namen willst. Wenn du wirklich denkst, ich verschwende meine Zeit damit: Es macht doch keinen Sinn, sich schon auf einen Namen fest zu legen, wenn wir noch nicht mal das Geschlecht wissen. Und zwei Listen zu machen ist die doppelte Menge, über die man sich streiten kann."

"Seit wann macht es dir etwas aus, dich über etwas zu streiten?", murmelte er zu sich selbst, aber sie hörte es trotzdem.

"Was war das?", fragte sie warnend.

"Äh... Ich wollte nur... Wie wäre es mit einem Namen, der für beide Geschlechter passt?"

"Beide Geschlechter? Damit kann ich nicht dienen. In Deutschland ist ein Name immer eindeutig dem Geschlecht zuzuordnen." Stöhnend schüttelte sie mit dem Kopf. "Können wir es nicht einfach erstmal sein lassen? Wir haben immer noch eine Menge Zeit, um uns darüber Gedanken zu machen."

"Naja, da gibt es eigentlich einen, der mir gefällt", schlug Shinji leise vor. "Wir wäre es mit 'Aki'?"

"'Aki? 'Aki Ikari'? Hört sich nicht so toll an", kommentierte Asuka flach. Doch dann huschte ein kurzes Lächeln über ihre Lippen. "'Aki Soryu' ist viel besser..."




**************************




"Was ist los?"

Asuka antwortete ihm nicht sofort, als sie sich langsam aus dem Beet erhob, in dem sie gerade gearbeitet hatte. Das Gefühl hatte sie so überrascht, dass sie einen Moment braucht um zu begreifen, was es gewesen war.

"Ich habe es gespürt."

Und damit spülte eine überwältigende Welle der Freude über sie hinweg. Ein riesiges Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus, als sie sanft ihren Babybauch an der Stelle berührte, an der sich etwas bewegt hatte.

Gefangen in ihrer eigenen kleine Welt, nahm sie kaum wahr, wie er aufgestanden, sein Werkzeug fortgeworfen und auf sie zugekommen war. "Du hast es...?"

"Hier!" Ohne zu zögern griff sie mit beiden Händen eine von seinen, legte sie auf ihren Bauch und hielt sie dort fest. "Kannst du es auch fühlen?", fragte sie aufgeregt.

Shinji wirkte für einen Moment etwas verwirrt, aber dann Lächelte er genauso breit wie sie, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob der den leichten Druck überhaupt wahrnahm.

"Es bewegt sich!", erklärte sie strahlend, seine Hand an Ort und Stelle haltend. "Da! Da war es schon wieder! Hast du es...?"

Sie schnitt sich selbst ab als sie in sein Gesicht sah, welches ihre Freude widerspiegelte. Aber merkwürdigerweise sah blickte er ihr in die Augen, anstatt seine Aufmerksamkeit auf ihren Bauch zu konzentrieren, indem das Ungeborene auf sich aufmerksam gemacht hatte. Er sah aus, als sähe er das bezauberndste Etwas der Welt an.

"Wa-was ist los?", fragte sie verwirrt, in ihrem Lächeln ein wenig nachlassend.

Seins wurde jedoch immer weiter und heller, als er sich langsam vorlehnte, bis ihre Gesichter sich beinahe berührten. "Erwischt!"

Zuerst wusste Asuka nicht, was er meint, doch dann schoss die Schamesröte in ihr Gesicht, als sie ihn geschockt ansah. "Das... ich... das bedeutet nicht, dass ich meine Meinung über dieses Ding geändert habe!", versuchte sie die Freude abzustreiten, die sie noch Sekunden zuvor so offen gezeigt hatte. Jedoch ohne Erfolg.

Sein Lächeln verwandelte sich in ein wissendes Grinsen, als er seine Arme um sie schlang. "Komm schon Asuka. Du hältst dieses Schauspiel nun schon seit ein paar Wochen ab. Dachtest du wirklich, ich würde es nicht bemerken?"

"Weißt du, das ist wirklich etwas was ich daran hasse, jemanden zu haben, der mich so gut kennt", murmelte sie und fiel in seine Umarmung. "Also, hast du es gefühlt?"

Shinji schüttelte den Kopf. "Es ist wahrscheinlich sowieso ein bisschen zu früh dafür. Aber mach dir keine Sorgen", sagte er mit einem Grinsen, "wenn Aki auch nur ein Bisschen wie du ist, werde ich die Tritte schon noch früh genug spüren."

"Hey!" Aber er hatte sich bereits von ihr losgerissen, um dem unausweichlichen Schubsen auszuweichen.

Natürlich hatte er nie etwas zu befürchten gehabt, denn im nächsten Moment begannen die beiden für das erste Mal seit langer Zeit offen und herzhaft zu lachen.





*******************************





Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: 22 – 23

Wir nähern uns dem Ende des zweiten Trimesters. Ich habe gelesen, dass es das "leichteste" sein soll, aber da das Meiste von Asukas Diät, unser dauerndes Streiten und ihr langsamer aber stetiger Sinneswandel alle zusammen in diesem passiert sind, kann ich mir kaum vorstellen, wie das dritte Trimester schlimmer sein könnte. Aber natürlich haben sich die Bücher eher auf den Zustand der Mutter bezogen.
Wo wir bei Zustand sind: Heute haben wir eine weitere Untersuchung gemacht. Bis jetzt kann ich immer noch keine Komplikationen erkennen, Mutter und Kind geht es gut. Ich glaube langsam, dass Aki ihr oder sein Geschlecht wirklich zu einer Überraschung machen will. Irgendwie versperrt immer ein Bein die Sicht auf die 'wichtige Stelle', wenn wir ein Ultraschall machen, oder das Bild ist so verzerrt, dass man nicht mal Vermutungen anstellen kann. Asuka ist sich ziemlich sicher, dass es ein Mädchen ist – "weibliche Intuition", wie sie sagt. Ich bin versucht dem mit "männlicher Intuition" zu begegnen, aber abgesehen davon, dass sie mich nur auslachen wird, habe ich wirklich keine Ahnung. Mir ist es egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich habe keine Erfahrung darin, ein Kind groß zu ziehen, also macht es keinen Unterschied, ob ich lernen muss, wie man anziehen spielt, oder ihm Sport beizubringen. Wenn es ein Mädchen ist, das Asukas Fußstapfen
folgt, werde ich vermutlich sowieso beides machen müssen.





**************************




"Oh Gott, Shinji!", stöhnte Asuka vergnügt. "Du bist wirklich der Beste, den ich jemals hatte!"

"Bin ich nicht auch der einzige, den du je hattest?"

"Ja, aber – oooohhh – jetzt erinnere ich mich, warum ich mich in dich verliebt habe!"

Shinji war bestürzt. "Ich dachte du hättest mich schon lange vor dem ersten Mal geliebt..."

"Ah, du weißt was ich meine. Uhh, hör – hör nicht auf!"

"Vielleicht sollten wir die Position wechseln?", fragte er besorgt und wurde etwas langsamer. "Ich glaube zwar nicht, dass das Baby in Gefahr ist, aber – ist das nicht unbequem?"

Sie schüttelte den Kopf so stark sie es in dieser Haltung konnte. "Es fühlt sich viel zu gut an, um unbequem zu sein!"

"Aber..."

"Ich schwöre dir, wenn du nicht gleich weitermachst, werde ich... werde ich... Ach, mach einfach mit dem nächsten Fuß weiter."

Sie konnte Shinji seufzen hören, aber er tat es trotzdem. Er war es gewesen, der ihr diese Fußmassage angeboten hatte, als sie sich über ihre schmerzenden Füße beklagt hatte. Er hatte aber offensichtlich nicht damit gerechnet, dass sie das Angebot an Ort und Stelle annehmen würde. Nun lag sie mit dem Oberkörper über den Küchentisch gebeugt, mit dem Gesicht nach unten und ihren Knien auf einem Stuhl. Shinji saß auf dem Boden und bearbeitete ihre Füße. Es war vielleicht nicht die bequemste Stellung dafür, aber sie fühlte sich dennoch langsam gen Himmel gleiten.

Nach einer Zeit, die genauso gut Minuten wie auch Stunden hätten sein könne, begann er wieder zu sprechen.

"Hey, Asuka...?"

Sie öffnete ihre Augen einen Spalt weit. "Hmm?"

"Ich... ich habe ein wenig Nachgedacht... über die Zukunft...", sagte er mit abwesend klingender Stimme.

"Die Zukunft?" Die Art und Weise, wie er es gesagt hatte, er wirkte plötzlich so ernst.

"Ich meine... es ist sehr wahrscheinlich, dass wir nicht so lange leben werden, wie unser Kind. Und dann... wür – würden wir es ganz allein lassen..."

Asuka seufzte, ahnend, wohin die Unterhaltung führen würde. "Wenn du vorschlägst die Welt neu zu bevölkern, lass mich zuerst diese Schwangerschaft durchstehen, okay?"

Shinji hatte inzwischen schon fast mit der Massage aufgehört, er rieb ihren Fuß nur noch Abwesend mit dem Daumen. "Ich dachte eher daran... naja, wenn... wenn wir noch mehr Kinder bekommen... wir hätten ein Problem, wenn wir sie 'die Welt neu bevölkern' lassen würden..."

Asukas Gesicht wurde ernst. "Inzest..."

Natürlich hatte sie auch über diese Möglichkeit nachgedacht, es aber jedesmal beiseite geschoben und sich gesagt, dass es etwas war, über das sie sich den Kopf zerbrechen könnte, wenn es soweit war. Sie konnten nicht einmal sicher sein, dass dieses Kind Gesund sein würde, oder ob sie jemals noch mehr Kinder bekommen würden. Und selbst wenn sie am Ende einen Jungen und ein Mädchen hätten, so würde es immer noch viele Jahre dauern, bis sie alt genüg währen, dass ihre Hormone ihren Eltern Sorgen bereiten würden.

Die Frage der Ethik war nicht einmal das größte Problem. Immerhin war die Ethik im Third Impact mit dem Rest der Menschheit gestorben und nun war es an Shinji und ihr zu entscheiden, welche der Ansichten sie beibehalten wollten. Natürlich wäre es für sie mehr als unangenehm, ihren Kindern dabei zuzusehen, wie sie sich ineinander verliebten, aber das ernstere Thema beim Inzest waren die möglichen genetischen Defekte. Das Erbgut würde degenerieren und ein hohes Risiko erzeugen, dass die Kinder behindert auf die Welt kämen, ob Geistig, Körperlich, oder sogar beides. Solche Kinder wären niemals in der Lage allein in dieser feindlichen Welt zu überleben.

"Genau...", murmelte er, "Ich- ich dachte vielleicht, wenn ich meine Studien auf künstliche Befruchtung und sowas konzentrieren würde. Vielleicht, wenn wir erhaltene Spermaproben finden, könnten wir vielleicht in der Lage sein eine lebensfähige Gesellschaft aufzubauen."

"Von den großen 'vielleichts' und 'eventuells' mal abgesehen, glaubst du wirklich du könntest das?"

"Ich habe immer noch einige Jahre bis dahin. Ich hoffe, dass ich bis dahin alles lernen kann, was ich wissen muss."

"Ich weiß nicht... Es ist jetzt schon schwer genug. Wir arbeiten so hart, nur um zu überleben und es wird sogar noch mehr werden, wenn das Baby erstmal da ist – und wenn ich eins aus den Büchern gelernt habe, dann, dass man niemals auf alle Eventualitäten vorbereitet sein kann. Ich glaube kaum, dass wir eine 'lebensfähige Gesellschaft' aufbauen können, wenn wir kaum in der Lage sind, drei Menschen am Leben zu halten." Sie seufzte und schloss ihre Augen. "Lass uns darüber nachdenken, wenn die Zeit gekommen ist, einverstanden?"





*******************************





Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: 29 – 30

Wir hatten heute einen Fehlalarm. Und kann gar nicht ausdrücken, wie erleichtert ich darüber bin, dass es nicht ernst war. Ein Baby hätte vielleicht in diesem Stadium eine Chance zu überleben – aber nur unter der Voraussetzung, dass es die volle medizinische Versorgung bekommt und so gern ich es auch wollte, ich bezweifle, dass ich dazu in der Lage wäre.
Ich glaube die Geburtsübungen, mit denen wir vor zwei Wochen angefangen haben, haben Asuka ein bisschen zu einem Hypochonder gemacht, sodass sie die Symptome einfach falsch interpretiert hat. Komischerweise ist sie nur so, wenn die Möglichkeit besteht, dass es das Kind beeinträchtigen könnte. Wenn es zu anderen schwangerschaftstypischen Unannehmlichkeiten kommt, beschwert sie sich entweder lauthals darüber, oder behält es für sich, bis ich sie frage, ob es ihr gut geht, aber sie macht sich nur darüber Sorgen. Aber andererseits, es ist Asuka, über die ich hier rede...





*******************************





"Shinji?", rief sie nach ihm. Sie stand halb angezogen vor dem Garderobenspiegel, die Kleider, die sie den Tag über tragen wollte in der Hand. "Glaubst du ich bin zu dick?"

Seine erste Reaktion auf diese Frage war verdutztes Blinzeln. Er hatte noch gegen den Schlaf gekämpft, aber nun war er hellwach. "Ich dachte das wäre nur ein Klischee...", murmelte er zu sich selbst, als er sich zum Aufsetzten zwang.

"Was?"

"Äh... nichts", fügte er eilig hinzu. Vom Bett aufstehend, ging er zu ihr herüber und umarmte sie von hinten. "Natürlich denke ich nicht, dass du dick bist. Warum sollte ich?"

"Wirklich? Ich weiß nicht so recht...", sagte Asuka, mit einem Anflug von Trübsal in der Stimme. "Es ist nur..." Sie beendet den Satz nicht.

"Ich liebe dich", versicherte er, ahnend was sie befürchtete – aus welchen Gründen auch immer. "Und dein gutes Aussehen war nie der Hauptgrund dafür. Obwohl es natürlich ein netter Bonus ist..."

"Hentai..." Sie funkelte ihn mit einem Grinsen an.

Er kicherte kurz, ihre Wange küssend, während er sanft mit der Hand über ihren Bauch fuhr. "In kaum einem Monat wirst du unser Kind auf die Welt bringen. Erwartest du wirklich von mir, dass ich dich nur wegen diesem kleinen Nebeneffekt weniger lieben würde? Eher das Gegenteil, ich glaube ich liebe dich mehr, als je zuvor."

"Oh, jetzt wirst du aber wirklich kitschig", bemerkte Asuka in warnendem Tonfall.

"'tschuldigung", murmelte er seufzend. Als wäre es nicht schon schwer genug die 'normale' Asuka zufrieden zu stellen, war es fast unmöglich der mit dauernden Stimmungsschwankungen zu sagen, was sie hören wollte. Wie hatte er nur jemals annehmen können, dass es da keinen großen Unterschied geben würde? "Aber kitschig oder nicht, ich finde trotzdem nicht, dass deine Schönheit in irgendeiner Weise nachgelassen hat."

Das war die Wahrheit und nicht einmal übertrieben. Sie schien mit jedem Tag, den sie der Stunde X näher kam, ein wenig mehr zu strahlen.

Asuka zuckte auf das Kompliment jedoch nur die Schultern. "Naja, das ist ja nett und alles, aber ich glaube trotzdem, dass diese Hosen mir langsam nicht mehr passen. Verdammt, und dabei ist sie eine meiner Lieblingshosen." Sie drehte sich um, eine Braue anhebend. "Würdest du also bitte mit diesem schmalzigen Getue aufhören und mir die rote Latzhose geben?"




**************************




Schwangerschaftsprotokoll
Geschätzte Woche: 38 – 39

Eine weitere "vermutlich letzte" Untersuchung heute und abgesehen davon, dass ich glaube, dass Aki ein bisschen kleiner als der Durchschnitt ist, gibt es immer noch keine schwerwiegenden Probleme. Aber obwohl es die Geburt ein wenig leichter machen könnte, beruhigt es mich nicht gerade. Je näher der erwartete Tag kommt, desto mehr Angst machen mir die Möglichkeiten. Es gibt so viel, was schiefgehen könnte. Ich weiß nicht einmal, wie ich die Geburt alleine handhaben soll. Normalerweise wäre da ein ganzes Team – Ärzte, Schwestern, Hebammen – das sich um das Kind kümmert, während andere, der Vater eingeschlossen, für die Mutter da sein können. Aber ich muss ganz allein sicher gehen, dass es beiden gut geht, vor, während und ganz besonders nach der Geburt.
Das macht mir aber immer noch nicht die meisten Sorgen. Die ganze Zeit über habe ich reguläre Geburten studiert, ohne die spezielle, problematische Situation, in der wir uns befinden, zu berücksichtigen. Sei es Asuka junges Alter, dass es ihr erstes Kind ist, das Fehlen von ausgebildetem Personal, oder am meisten meine Unfähigkeit in einer kritischen Situation richtig zu reagieren. Die Notwendigkeit eines Kaiserschnittes ist gar nicht mal so unwahrscheinlich und habe keine Ahnung, wie ich so etwas machen sollte. Zum Beispiel könnte die Mutter, so jung wie Asuka ist, nicht die nötige Weite erreichen, oder die Nabelschnur wickelt sich um Akis Hals, oder fall sie/er auch nur falsch liegt... Je mehr ich lerne, desto mehr Angst habe ich, dass es nicht genug ist. Und man schaue sich nur mal dieses Ding an. Es sollte eigentlich ein Protokoll der Daten sein, die ich vielleicht gebrauchen könnte, aber wie soll ich die wichtigen Informationen aus all
meinen Abschweifungen und Gedanken herausfiltern? Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll...


- Hey, Baka! Du dachtest wohl ich wüsste nichts über dein kleines Tagebuch? Nun, Jjetzt tue ich es. Du bist daneben eingeschlafen, als du – mal wieder – bis zwei Uhr morgens gelernt hast. Wie auch immer, hör gefälligst auf dir so verdammt viele Sorgen zu machen. Mir geht es gut. Und ich bin mir sicher – ich weiß, dass es Aki auch gut geht. Du solltest wirklich aufhören so pessimistisch zu sein. Wir sind so weit gekommen, haben viele Hindernisse in unserem Leben bewältigt. Wir werden auch dieses bewältigen. Wir drei.





*******************************





Asuka zuckte überrascht zusammen, als ein weiterer lauter Donner über sie hinweg rollte, bevor sie ihren Blick wieder dem Fenster zuwendete, vor dem ihr durchnässter Ehemann gerade den Garten vor dem Sturm sicherte. Er hatte darauf bestanden, es allein zu machen, was aber nicht bedeutete, dass es ihr gefiel – und wäre sie nicht in dem Zustand, in dem sie nun mal war, hätte sie es nicht hingenommen.

Sie schüttelte sich und strich mit der Hand über ihren riesigen Bauch. "Ich hoffe nicht, dass du etwas in der Richtung von 'geboren in einer stürmischen Nacht' geplant hast."

Seufzend riss sie sich vom Fenster los und ging zurück ins Bett. Es dauerte eine Weile, aber am Ende schaffte sie es sich, gegen das Kopfende gelehnt, hinzusetzen. Doch sie versuchte nicht einmal wieder einzuschlafen. Wieder wanderte ihre Hand hinab, wo ihr Kind heranwuchs.

Shinji sagte, es könnte jetzt jeder Zeit soweit sein. Und mit jedem vergangenen Tag wurden sie unruhiger und waren voller Erwartungen. In nur wenigen Stunden wäre da vielleicht ein neues kleines Leben, um das sie sich kümmern mussten.

Sie hatten sich so gut vorbereitet, wie es ihnen möglich war. Das Kinderzimmer erwartete seinen neuen Bewohner, Strampelanzüge und andere Kleidungsstücke in verschiedenen Größen lagen im Schrank, dutzende von Windeln waren bereit benutzt zu werden und viele, viele Spielzeuge wartenden darauf, dass man mit ihnen spielt. Das einzige, was fehlte, war das Baby.

"Aki...", flüsterte die werdende Mutter, ihr Blick, genau wie ihre Gedanken, auf das Wesen in ihr fixiert, "Ich weiß, dass wir keinen besonders guten Start hatten." Sie stoppte mit einem bitteren Schnauben.

"Okay, das war eine riesen Untertreibung", fügte sie murmelnd hinzu. "Ich... ich hatte Angst, denke ich. Angst vor dem Ding in mir. Dass es mir Shinji wegnehmen würde. Dass es... mich verletzten würde. Aber das war bevor ich wusste, dass du es warst."

"Das hört sich idiotisch an, nicht wahr?", sinnierte sie. "Und das ist es wahrscheinlich auch."

"Es tut mir leid", fuhr sie nach eine kurzen Pause fort. "Ich weiß, dass das nicht annähernd genug ist um zu entschuldigen, wie ich damals gehandelt habe, aber... aber ich fürchte, das ist alles, was ich im Moment tun kann. Aber ich werde mein Bestes geben es wieder gut zu machen, wenn du erstmal hier bist. Wenn ich dich erstmal in meinen Armen halten kann. Wenn ich dir erstmal zeigen kann, wie viel du mir wirklich bedeutest." Sie lächelte leicht, einen schwachen Tritt ihrer Tochter spürend, unsicher, ob sie ihn als 'Verdammt richtig!' oder 'Jetzt halt endlich die Klappe und lass mich schlafen!' interpretieren sollte.

Aber das Lächeln verflog genauso schnell, wie es gekommen war und ihr Gesicht wurde wieder ernst. "Ich glaube ich werde nie die beste Mutter sein, wie du es eigentlich verdient hättest. Aber ich verspreche dir, dass ich es wieder gutmachen werde." Ein schwaches Grinsen umspielte erneut ihre Lippen. "Hab nur etwas Nachsicht mit mir, in Ordnung?"



**************************



"Asuka, was machst du da?"

"Wonach sieht es denn aus? Den Zaun reparieren..."

Shinji rollte mit den Augen. Natürlich konnte er sehen, wie sie Nägel durch den Ersatz eines zerbrochenen Bretts hämmerte – während ihr neunter-Monat-Bauch natürlich überhaupt nicht im Weg war. "Wa-warum lässt du mich das nicht einfach machen?", fragte er sanft, seine Hände auf ihre Schultern legend. "Du solltest wieder rein gehen und..."

"Mich ausruhen? Auf keinen Fall! Ich habe mich in den letzten Wochen genug ausgeruht. Und du hast mit den anderen Reparaturen schon genug zu tun." Sie nickte in Richtung des Trümmerfelds, das einmal ihr Garten gewesen war, wo er mit dem Aufräumen beschäftigt gewesen war, bis er sie arbeiten gehört hatte. "Das war der schlimmste Sturm seit einer ganzen Weile. Also warum bist du nicht einfach dankbar, dass deine bezaubernde Ehefrau dir hilft?"

"Asuka, du brauchst Ruhe", versuchte er es erneut. "Glaub mir, du wirst genug zu tun haben, wenn Aki erst einmal hier ist."

"Genau wie du. Und ich hab genug davon, nur rumzusitzen oder zu liegen und zu warten. Also, entweder du lässt mich das hier machen, oder ich gehe aufs Dach und überprüfe die Solarplatten."

Mit zusammensackenden Schultern gab er sich geschlagen. Es war offensichtlich, dass sie sich nicht ohne einen riesen Streit überreden lassen würde, den er nicht riskieren wollte. "Und es ist noch nicht einmal zwei Stunden her, seit du dich über deinen Rücken beschwert hast", murmelte er zu sich selbst, als er sich umdrehte um zu gehen.

"Was war das?"

"Nichts", seufzte er. "Übertreib es bloß nicht, okay?"

Doch seine letzten Worte wurden bereits von den lauten Schlägen des Hammers übertönt. Mit einem weiteren Seufzen machte er sich wieder auf den Weg zu seiner Arbeit, bis...

"Autsch!"

Ihr Schrei und das Geräusch des zu Boden fallenden Hammers ließen ihn herumfahren. "Was ist los? Hast du dich selbst getroffen?"

Er hätte sich für diese dumme Frage selbst schlagen können, als er sie sah, wie sie sich an den Zaun lehnte und sich den Bauch hielt.

"Nein, Dummkopf!", zischte sie mit verzerrtem Gesicht. "Nur – nur weil du es schaffen würdest...", anstatt den Satz zu beenden, atmete sie scharf ein, offensichtlich in dem Versuch gegen die Schmerzen anzukämpfen. Schwer atmend sah sie ihm in die Augen. "Es ist soweit", stellte sie flüsternd fest.

***

Es ist soweit.

Niemals zuvor hatten diese Worte eine größere Wirkung auf Shinji gehabt. Wie vom Blitz getroffen, starrte er sie für eine Weile an, bevor seine höheren Hirnfunktionen wieder anliefen.

Nach einer kurzen aber deutlichen Antwort auf die Frage, ob sie nach nur einer Wehe sicher sei, stürmte er ins Haus, holte die Autoschlüssel, eilte wieder zu ihr, um sie zum Wagen zu führen und ihr hinein zu helfen – in weniger als dreißig Sekunden.

Erst als er versuchte den Schlüssel ins Schloss zu stecken bemerkte er, wie sehr seine Hände zitternden.

'Okay Shinji, beruhige dich!', sagte er sich und atmete tief durch. 'Wir haben mehr als genug Zeit. Und es ist wahrscheinlich sowieso nur wieder ein Fehlalarm.'

Als seine Hände langsam aufhörten zu zittern, steckte er den Schlüssel hinein, startete den Motor und fuhr los. Doch seine Nervosität war immer noch nicht ganz verschwunden, was schnell an seiner Fahrweise durch die leeren Straßen klar wurde.

"Pass auf!", schrie Asuka, als er beinahe die Kontrolle verlor über das Fahrzeug verlor und in ein verlassenes Auto am Straßenrand gefahren wäre.

"'tschuldigung..."

"Entschuldige dich nicht, sonder guck auf die Straße! Warum müssen wir da überhaupt hin? Es gab Leute die ihre Kinder zu Hause bekommen haben, selbst als es noch qualifiziertes Personal in den Krankenhäusern gab!"

"I-ich dachte es wäre besser, falls ich die Instrumente brauchen sollte."

"Hättest du die nicht einfach mit nach Hause bringen können?"

"Nicht alle. Ich muss noch einen Ultraschall machen, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist. Dass Aki in der richtigen Position liegt und so."

"Kann man das nicht einfach erfühlen?"

"Theoretisch schon, aber das hätte ich lernen und üben müssen und..."

"Und warum hast du das nicht getan?!"

"... und ich glaube sowieso nicht, dass ich das so genau hinbekommen hätte. Außerdem sehe ich nicht, was daran so schlimm sein soll. Wir sollten mehr als genug Zeit haben, um zum Krankenhaus zu fahren. Es werden wohl noch einige Stunden bis zur Geburt vergehen."

"Stunden?! Ich werde diese – AH! – die... diese verdammten Wehen noch für STUNDEN haben?!"

"Naja...", begann er, verstummte aber, als er in ihre zornig starrenden Augen herübersah und versuchte sich etwas auszudenken, um die vermutlich ehrlichste Antwort zu umgehen, "Na...naja, nicht, wenn es wieder nur ein Fehlalarm ist..."

"ES IST KEIN FEHLALARM!", schrie Asuka ihn an, bevor er seinen Satz beenden konnte. Offensichtlich war es eine schlechte Wahl gewesen, um das Thema zu wechseln.

Shinji seufzte leise. "Aber... aber wie kannst du so sicher sein, nach nur einer – oder jetzt zwei – Wehen?"

"Wer sagt denn, dass es die erste war?"

"Sie hatten bereits angefangen und du hast mir nichts gesagt?" Jetzt war Shinji an der Reihe lauter zu werden. "Und du wolltest sogar weiterarbeiten?!"

"GUCK AUF DIE STRASSE!", erinnerte sie ihn heftig, als sie nur knapp dem großen Bruchstück eines zerstörten Gebäudes ausweichen konnten, das einen großen Teil der Straße blockierte. "Du hast gerade selbst gedacht, dass es nur ein Fehlalarm war und das habe ich erst auch. Aber jetzt..." Die Wut wich langsam aus ihr. "Es-es ist anders. Ich kann es fühlen."

Shinjis Hände klammerten sich um das Lenkrad, als er scharf durchatmete. "O-okay dann... hast du darauf geachtet, in welchen Abständen sie kommen?" Er konnte sehen, wie sie den Kopf schüttelte und sah auf die Armbanduhr, die er in letzter Zeit, hauptsächlich für diesen Anlass, getragen hatte. "Öh, mal sehen, die letzte war vor etwa einer Minute. Sag mir einfach, wenn die nächste kommt, okay?"

"Oh, du kannst dir verdammt sicher sein, dass ich es dich schon irgendwie wissen lassen werde!"

Er wollte die Atmosphäre zwischen ihnen durch eine falsche Antwort nicht noch mehr aufheizen und war mehr als erleichtert, als in diesem Moment das Krankenhaus in Sicht kam. Da er sich darüber keine Gedanken machen brauchte, parkte er das Fahrzeug einfach direkt vor dem Eingang. Wie immer in letzter Zeit, brauchte es eine Weile, um Asuka aus dem Wagen zu helfen und sogar noch länger, um das Krankenzimmer mit dem Ultraschall zu erreichen. Aber schließlich lag Asuka auf der Untersuchungsliege, ihr Atem ging inzwischen tief.

"Okay, es sind jetzt etwa vier Minuten", sagte Shinji, vergeblich versuchend seine Nervosität zu verbergen, als er die Uhr abnahm und sie ihr in die Hand legte und sie mit seinen darum schloss. "Ich glaube zwar nicht, dass ich so lange brauche, dass ich die nächste verpasse, aber nur für den Fall..."

"Was?", begann sie bereits, als er ihr auf die Stirn küsste und aufstand. "W-wo willst du hin?!"

"Ich bin gleich wieder da", versicherte er. "Ich muss nur den Generator anwerfen."

"Du lässt mich JETZT allein?!"

Der wütende, aber auch viel mehr verängstigte Blick in ihren Augen erinnerte ihn daran, warum sich so vor diesem Moment gefürchtet hatte. Andere hätten sich um diese Dinge kümmern sollen, nicht er. Er sollte sich nur um sie kümmern.

"Ich bin gleich wieder da", versprach er erneut und rannte so schnell seine Füße ihn trugen aus dem Raum heraus und in Richtung des Kellers.

*****

Auch wenn es nur eine, oder höchstens zwei, Minuten gewesen waren, war es für sie wie eine Ewigkeit bis er endlich, seinen Arm reibend, zurückkehrte.

"Was ist passiert?"

"Habe eine Kurve zu schnell genommen und bin in eine Wand gelaufen", murmelte Shinji mit verzogenem Gesicht.

Sie versuchte ihn auszulachen, aber genau in dem Moment traf sie eine weitere Wehe. Der Schmerz verzog ihr Grinsen für die scheinbar endlosen Sekunden, die er andauerte in eine Grimasse. Also legte sie stattdessen so viel Sarkasmus, wie sie aufbringen konnte, in ihre Stimme. "Oh, der Arme Shinji hat so schreckliche, schreckliche Schmerzen. Wie soll ich das nur jemals nachvollziehen können?"

"Tut mir leid", sagte er, sein schwerer Atem beruhigte sich langsam. "Ich habe mich so sehr beeilt, wie ich konnte."

"Das war aber nicht schnell genug!", schrie sie und nickte mit dem Kopf zu ihren Beinen, wo eine Flüssigkeit in eine kleine Pfütze auf dem tröpfelte.

"Scheiße."

"Nein, das ist es nicht, du Dummkopf! Sag mir nicht, dass ich jemandem vertrauen soll mir zu helfen mein Kind auf die Welt zu bringen, der nicht mal Scheiße von Fruchtwasser unterscheiden kann?"

Shinji schien ihren Spott zu ignorieren, was ihn aber nicht daran hinderte so auszusehen, als wüsste er nicht, was er als nächstes tun sollte. "Äh, das... gerade – wie lange ist es her?"

"Keine Ahnung. Fünf, vielleicht sechs Minuten. Ist das noch wichtig? Sie kommt sowieso."

"Fünf oder sechs...? Schon?", murmelte er, als würde er ihr gar nicht mehr weiter zuhören. "Wie lange hattest du diese Wehen denn schon?"

"Macht das einen Unterschied?!", fluchte sie, ihm deutlich zeigend, dass sie das Thema nicht weiter ausführen wollte. Seine Anschuldigungen waren das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Offensichtlich verstand er den Hinweis und sagte nichts mehr, aber der Blick, den er ihr gab, traf Asuka mehr als alles, was er hätte sagen können.

Die Untersuchung war schon lange zur Routine geworden. Zu Anfang war es für sie beide mehr als Unangenehm gewesen, wenn Shinji ihre intimsten Stellen untersuchte – etwas das sie nicht einmal mit professionellen Gynäkologen besonders gemocht hatte – obwohl sie schon für eine ganze Weile Liebhaber waren. Aber nun war es für keinen von beiden mehr ein Problem, besonders nicht in diesem Moment, in dem sie wahrlich andere Sorgen hatte. Sie zeigte nicht einmal besonders viel Aufmerksamkeit, als er eilig die Tests durchzog. Sie bekam nur mit, dass er erleichtert war, dass Aki offensichtlich in der richtigen Position war, mit dem Kopf voran.

Aber das laute Keuchen, das er von sich gab, als er die Weitung des Muttermundes prüfen wollte, ließ sie aufschrecken. "D-das sind schon mehr als sieben – fast acht Zentimeter!"

"Tja, es sieht so aus, als hätte sie es eilig ihre Eltern zu treffen...", kommentierte Asuka mit einem schwachen Grinsen.

Doch, wie sie selbst, schien Shinji den Witz nicht besonders lustig zu finden. Sie merkte, dass dieses schnelle Fortschreiten ihn unglaublich nervös machte, aber glaubte er etwa ihr würde es anders gehen? Der Gedanke daran nun vielleicht jede Minute zu gebären, war aufregender und gleichzeitig Angst einflößender, als alles, was sie jemals erlebt hatte...

"AAAHH!"

... Und die Wehen verstärkten eher das letztere Gefühl. "Ve-verdammt! Kannst du mir nicht ein Schmerzmittel geben? Dieses – wie immer es noch hieß!"

"Ein Epidural? I-ich weiß nicht Asuka, glaubst du wirklich, dass das notwendig ist? Es würde nur noch zusätzliche Risiken bringen, selbst, wenn ich die Dosierung richtig hinbekommen würde, was ich bezweifle."

"Ertrage du erstmal diesen Schmerz und rede dann etwas von Risiken!", verfluchte sie ihn lauthals. "Zur Hölle mit deiner Angst vor Anästhetika!"

"Und wenn ich dir eine zu hohe Dosis gebe? Du könntest nicht richtig pressen, wenn dein ganzer Unterkörper betäubt ist! Oder falls ich ausversehen deine Wirbelsäule verletze?"

"Dann gib mir irgendwas anderes!"

Ihre Augen, die sie vor Schmerz geschlossen hatte, öffneten sich weit, als sie fühlte, wie seine Warme Hand sich um ihre Schloss.

"Ich fürchte, dass das alles ist, was ich dir im Moment geben kann", sagte Shinji ihr, der Versuch eines beruhigenden Lächelns auf den Lippen, das sie versuchte zu erwidern, während sein Daumen über den Ring strich, den er ihr an jenem Tag am Stand gegeben hatte.

Aber es ertrank gleich darauf wieder in ihren Schmerzen.

Sie fühlte wie er zusammen zuckte, als sie seine Hand reflexartig zerdrückte. "A-Asuka, du musst dich an die Atemübungen erinnern, die wir gemacht haben. Das müsste den Schmerz ein wenig lindern."

"Dämliches Atmen! Alles was wir zum Üben hatten, waren ein paar dämliche Filme!", fluchte sie, aber tat es dennoch – und tatsächlich wurde der Schmerz langsam weniger, obwohl sie eher auf das Ende der Wehe schob.

Shinjis Blick war erfüllt von Sorge und Schuld. "Ich könnte gehen und schauen, ob ich einen Geburtsball oder sowas finde. Ich habe mich nicht so wirklich mit Wassergeburten auseinander gesetzt, aber es gibt hier ein Becken. Wir – wir könnten es einfach versuchen! Verdamm, ich wusste ich hätte..."

"Nein!" Beinahe unbewusst drückte sie seine Hand noch fester. So gerne sie es auch abstreiten würde, sie hatte unglaubliche Angst. Sie wollte nicht, dass er ging und sie wagte es nicht, sich auch nur um einen Handbreit zu bewegen.

"Ich... ich kann es aushalten! So schlimm ist es eigentlich gar nicht...", sagte sie zusichernd, doch ihre wässrigen Augen sprachen die Wahrheit, lange bevor die nächste Wehe kam und die unausweichliche Welle des Schmerzes wieder über sie hinweg rollte. "Scheiße! Und ich hatte gedacht, von den EVAs abgeschlachtet zu werden wäre schlimm gewesen!"

"Asuka", sagte er ruhig. Seine freie Hand, die ihr Haar streichelte, hatte einen willkommenen beruhigenden Effekt auf sie. "I-ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist, aber obwohl du schon ziemlich weit bist, wird es wohl trotzdem noch eine ganze Weile dauern. Sollten wir nicht dafür sorgen, dass du es wenigstens ein bisschen bequemer hast?"

Asuka biss sich auf die Zunge, nach einer Antwort suchend, ob sie lieber auf ihren Verstand, oder ihre Ängste hören sollte. Aber als sie in seine besorgten Augen sah, schüttelte sie ihren Kopf mit einem schwachen Lächeln. "Ich habe alles was ich brauche hier."

*****

Im Nachhinein konnte sich keiner von ihnen erinnern, ob die Zeit in den folgenden Stunden rasend schnell, oder quälend langsam vergangen war. Wenn er nicht gerade ihren Zustand überprüfte, versuchte Shinji sein bestes, um Asuka aufzumuntern, ihr zu sagen, wie gut sie das machte, sie an die Atemtechniken zu erinnern und sie mit teilweise ziemlich dämlichen Versuchen eine Unterhaltung zu beginnen abzulenken. Wie zum Beispiel mit der Idee, ein wenig nach Nachbargrundstück abzuzwacken, um ihren Garten zu erweitern, oder wie lange es schon her war, seit sie am Strand gewesen waren, er sprach sogar über das Wetter. Und so sehr sie seine Bemühungen auch schätzte, hörte Asuka im kaum zu. Mit jedem Mal kamen die Wehen ein wenig schneller und blieben ein bisschen Länger – es war wie ein Wunder, dass Shinjis Hand noch nicht unter dem Druck gebrochen war, den sie an ihn weitergab.

Es gab jedoch ein Thema, das sie ganze Zeit über noch nicht angesprochen hatten, obwohl es in ihren Köpfen immer deutlicher hervorkam: Jede Minute würden sie nun Eltern sein. Natürlich hatten sie seit Monaten gewusst, dass es passieren würde, sie hatten es gesehen, es gefühlt – aber jetzt würde es wirklich passieren, jetzt würde es real werden. Und trotz den ganzen Vorbereitungen, den Büchern und auch Videos in den letzten Monaten, hatten sie immer noch keine Ahnung, was sie eigentlich machen sollten, wie sie in der Lage sein sollten, sich um ein Kind zu kümmern.

Asuka war jedoch viel zu beschäftigt, um sich Sorgen zu machen. Je mehr Zeit verging, desto mehr wünschte sie sich, dass sie Shinjis Angebot zuvor angenommen hätte. Jede Sekunde zweifelte sie mehr daran, dass sie es länger ertragen konnte, sich windend und schwitzend auf der Liege liegen zu können, kaum in der Lage etwas anderes zu fühlen als unerträglichen Schmerz. Sie hatte sogar darüber nachgedacht, ihn nach einem Kaiserschnitt zu fragen, aber sie wusste bereits vorher, dass er nur seine üblichen Entschuldigungen von sich geben würde, dass er sich keine Art von Operation zutrauen würde.

Umso mehr begrüßte sie das Gefühl, das sie schließlich erfüllte und es war egal, ob es nur ein Produkt ihrer vernebelten Geistes war. Es musste einfach die richtige Zeit sein.

"Shinji? Ich... ich werde jetzt anfangen zu pressen!"

"Ähm, o-okay...", stammelte er, überrascht von ihrer Ankündigung und stand zögerlich auf, "Warte! Lass mich erst nachsehen wie weit..."

"Das ist mir egal!", rief sie. "Ich werde jetzt pressen!" Und mit der nächsten Wehe, begann sie so stark zu pressen, wie sie konnte. "AAAAHHHH-verdammt! Okay, okay, es ist doch noch zu früh..."

"Nein! Nein...", lehnte Shinji ab, der inzwischen seine Position am Ende der Liege eingenommen hatte. "Es-es ist in Ordnung! Ma-mach weiter!"

"Aber... aber es tut weh...", presste sie zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor, "viel mehr..."

"Ich... ähm..." Wenn er nach Worten suchen musste, abwägend, ob er ehrlich sein sollte oder nicht, was das selten ein gutes Zeichen. "Es-es ist in Ordnung, wirklich."

"Ja, sicher..."

Er atmete tief durch. "Ob du mir jetzt glaubst oder nicht macht keinen Unterschied. Es gibt kein Zurück mehr." Als er ihr in die Augen sah, war ein entschlossener Blick in seinen, den er selten zeigte. "Du kannst es schaffen Asuka, ich weiß es!"

Aber seine ermutigenden Worte waren schnell vergessen. Sie tat ihr bestes, arbeitete härter als je zuvor, um gleichzeitig mit den quälenden Wehen zu pressen, aber ihr Kraft verließ sie mehr und mehr. Die langen, ermüdenden Stunden, die sie nun schon in den Wehen gelegen hatte, hatten ihr mehr abverlangt, als sie erwartet hätte.

Shinji war von den Ereignissen viel zu eingenommen, um eine große Hilfe zu sein und das verletzte sie am meisten, obwohl sie von vornherein gewusst hatte, dass es so sein würde. Er sollte inzwischen einfach nur für sie da sein, ihre Hand haltend oder ihr aufmunternde Worte geben. Obwohl er so nahe bei ihr war, konnte sie sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so einsam gefühlt hatte.

Angetrieben von reiner Willenskraft kämpfte sie weiter, brachte alles auf, was sie hatte, um ihr Kind auf die Welt zu bringen, ihr Geist nur auf diese eine Aufgabe konzentriert. Ihr Kind. Ihre Familie. Und wenn das hier erstmal vorbei war, würden sie glücklich weiterleben, bis an ihr Lebensende.

Aber tief in sich wusste sie, dass das nur eine dämliche Illusion war. Der überwältigende Schmerz machte es für sie mehr und mehr offensichtlich, dass in diesem Bild der perfekten Welt etwas fehlen würde.

"Shinji...?", rief sie nach ihm, kaum flüsternd. "Versprich mir... dass... du dich gut um sie kümmern wirst..."

"Wovon redest du?", fragte er, offensichtlich nur halb zuhörend hob er nur kurz den Kopf, um sich dann gleich wieder auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

"Es tut weh Shinji... es tut so weh", sagte sie mit einer so schwachen Stimme, dass es diesmal seine Aufmerksamkeit erregte. "Ich glaube nicht, dass es so sein sollte... i-ich glaube ich ..."

"Rede nicht so! Bitte... es wird alles wieder gut, glaub mir!", versuchte er sie zu beruhigen, aber er war selbst viel zu hektisch um eine Wirkung zu erzielen. "Der... der Kopf ist beinahe draußen! Nur noch ein Bisschen mehr!"

Tränen strömten aus ihren Augen, als sie jedes verbliebene Bisschen Kraft in sich sammelte, um ein letztes Mal zu pressen, als eine weitere Welle des Schmerzes durch ihren Körper ging. Doch dann, fand ein schwaches Lächeln den Weg in ihr Gesicht...

... als lautes Schreien den Raum erfüllte.

"Asuka! Es ist ein Mädchen!", hörte sie ihn in fast hysterischer Freude rufen. "Es ist wirklich ein Mädchen!"

Als sie durch halb geschlossene Augen auf ihre kleine Familie blickte, konnte sie nichts anderes sehen, als die verschwommene Form ihres Mannes und ihrer lebhaften Tochter in seinen Armen.

'Natürlich. So muss es sein, wirklich zu sterben...'

"Asuka?" Seine Stimme hatte nun eine Spur der Sorge in sich, doch sie konnte ihn kaum noch sehen als er sich ihr zuwandte. "Was...?"

"Kümmere... dich..."

"Asuka? ASUKA?"

Shinjis verängstigte Schreie und das lebhafte Kreischen des kleinen Wesens, dem sie gerade das Leben geschenkt hatte, waren das letzte, was sie hörte, als sie ihre Augen schloss.

Das Lächeln verließ nie ihr Gesicht.



**************************



Shinji wusste nicht, wie lange er vor dem Bett mit der reglosen Gestalt gestanden und sie nur beobachtet hatte. Zuerst hatte er gar nicht richtig verstanden, was passiert war, aber nun wollten die Tränen einfach nicht versiegen.

Vorsichtig griff er nach ihrer Hand. Sie fühlte sich so weich an, so zerbrechlich in seiner. Sie sah so friedlich aus in ihrem Schlaf. Genauso, wie ihre Mutter es immer tat.

Ihr Mutter...

Shinjis Lächeln verging, als er sich von dem Kinderbettchen abwendete und sich zu dem Bett daneben drehte, in dass er Asuka gelegt hatte, nachdem alles vorbei war. Dieselben Finger, die gerade noch die warme Hand seiner neugeborenen Tochter gestreichelt hatten, schlossen sich nun um die seiner Frau.

Er wollte böse auf sie sein. Es war nicht fair. Wusste sie nicht, dass es bereits schwer genug für ihn war? Wie konnte sie ihn nur zurücklassen, um sich allein um alles zu kümmern?

Aber er konnte nicht böse sein. Nicht jetzt und so wie er sich fühlte, niemals wieder.

Nachdem er sich die Tränen weggewischt hatte, lehnte er sich herab, um sie ein letztes Mal zu küssen ...

"Nn..."

... bevor ihre Augen sich öffneten.

"Sh-Shinji...?"

"Ja", lachte er sanft. "Wer würde es sonst wagen, dich auf diese Art aufzuwecken?"

"Aufwecken?", fragte sie benommen. "Aber... i-ich bin nicht...?"

Shinji schüttelte den Kopf. "Nein. Aber du hast es geschafft mir einen gehörigen Schrecken einzujagen, als du das Bewusstsein verloren hast. Ich glaube die Schmerzen waren einfach zu stark. Und das in Verbindung mit dem Blutverlust..."

"Ich bin nur ohnmächtig geworden...?", fragte sie, ihre Stimme zu schwach, um Anzeichen von Verlegenheit zu zeigen. Doch plötzlich fuhr sie hoch. "Wo ist...?"

"Schhh", beruhigte Shinji sie und lies sie sich wieder hinlegen. "Sie schläft." Er deutete auf das Bettchen neben sich.

"Ist sie...?"

Er nickte, ihre Frage bereits erwartend. "Wie ich es vermutet hatte, ein bisschen klein für ihr Alter, aber ansonsten kerngesund, soweit ich das sehe. Du warst die, die mir Sorgen bereitet hat. Weißt du, du hast mir ziemliche Probleme gemacht, weil ich nach euch beiden sehen musste, ohne die andere zu vernachlässigen."

Asuka schien sich nicht so wirklich darum zu kümmern, ihr Blick noch immer auf das kleine Bett fixiert. "Kann ich... sie halten?"

"Ich weiß nicht", murmelte Shinji zögerlich, hin und hergerissen zwischen Mutter und Tochter. "Ich habe eine Weile gebraucht, bis sie endlich eingeschlafen ist..."

"Shinji, bitte..."

Er seufzte, nickte aber dennoch. Er hatte keine Chance ihr irgendetwas abzuschlagen, wenn sie ihn in diesem Tonfall um etwas bat und ganz besonders nicht dieses Mal.

Obwohl er ganz besonders vorsichtig war, als er seine Tochter aus ihrem Bett hob, schaffte er es nicht, sie schlafen zu lassen. Überraschenderweise fing sie nicht gleich wieder an zu weinen, wobei sie vielleicht auch einfach zu erschöpft war, um mehr als ein leises Wimmern hervorzubringen.

Asuka hatte sich im Bett aufgesetzt, mit dem Rücken den das Kissen gelehnt. Mit zitternden Händen nahm sie das kleine Bündel von ihm entgegen und schloss den Säugling in ihre Arme. Aus irgendeinem Grund schien die Neugeborene es nicht zu stören, dass ihr Schlaf unterbrochen wurde, als zwei Paar müde, aber strahlend blaue Augen sich trafen. Ein strahlendes Lächeln wurde mit einem zittrigen erwidert. Asuka konnte ihre Freudentränen nicht länger zurückhalten und streichelte sanft mit einem Finger über die Wange ihrer Tochter.

"Hallo, meine kleine Aki", sagte sie, ihre Stimme brüchig durch die überwältigenden Gefühle. "Willkommen in unserer Welt..."



All rights belong to their respective owners. Which means mostly Gainax in this case...