The 2nd try
Chapter 5: raise

Übersetzung: moenoel


Es war noch dunkel zu dieser frühen Stunde. Nebel kroch über die Lande, in die Täler der Hakone Region, um dort die Ruinen der einst stolzen Stadt Tokyo 3 zu umschließen. Kein Ton war zu hören, kein Vogel sang sein Lied und noch nicht einmal die allgegenwärtigen Zikaden waren erwacht. Jedes Lebewesen in und um das einzig bewohnte Haus herum schlief noch.

Zumindest bis ein – inzwischen recht vertrautes – Schreien den Frieden des Morgens störte.


"Mmmm... Shinji...", murmelte eine müde Stimme. "Shinji!"

"Wa-wa is'...?", antwortete eine nicht weniger müde Stimme. "Nur noch fünf Minuten..."

Da ihr vorheriges leichtes Stupsen mit dem Fuß nicht das gewünschte Ergebnis erzielt hatte, entschied Asuka ihn diesmal ein wenig stärker zu treten. "Du bist dran..."

Shinji seufzte und setzte sich langsam auf, seine Augen noch geschlossen. "Wieso immer ich...?"

"Weil du der beste Vater und Ehemann auf der Welt bist, der alles für seine Familie tun würde."

Er grinste müde. Ihre Worte wären vielleicht ein wenig aufmunternder gewesen, wenn er nicht der einzige Vater und Ehemann auf der Welt gewesen wäre – und sie dieses Lob nicht inzwischen so oft benutzt hätte, dass es mit der Zeit nicht mehr als ein schläfriges Murmeln geworden war. "Sie ist wahrscheinlich sowieso hungrig, also wirst du wohl auch nicht weiterschlafen können."

Er lachte auf das tiefe Knurren das er als Antwort bekam und stand langsam auf. Er wollte nicht wirklich über etwas streiten, was ihm eigentlich gar nicht viel ausmachte – nicht so viel jedenfalls. Sicher, er würde lieber noch ein wenig länger im warmen und bequemen Bett bleiben und er betete für die erste Nacht, in der er endlich wieder einmal durchschlafen konnte. Aber Asuka hatte Recht mit einer Sache: Er würde alles für seine Familie tun.

Bevor er es merkte, stand er auch schon vor der Tür mit dem wohl bekannten, herzförmigen Schild. An dem Tag, an dem sie aus dem Krankenhaus zurückgekehrt waren, hatte er seinen Namen durchgestrichen und mit dem des neuen Bewohners des Raumes ersetzt. Es war nun etwas mehr als zwei Monate her gewesen.

Er konnte sich immer noch daran erinnern, wie lang die Fahrt nach Hause gedauert hatte. Asuka hatte sich den ganzen Tag über geweigert von ihrem Baby abzulassen. Ganz egal wie oft er ihr erklärt hatte, wie viel sicherer es gewesen wäre, den Kindersitz zu benutzen. Wenn Asuka auf ihre übliche Weise gekämpft hätte, hätte er sie vielleicht sogar überzeugen können. Aber er hatte nicht die geringste Chance gegen das immer noch müde aber glückliche Lächeln, das sie die ganze Zeit über getragen hatte. Letztendlich hatte er aufgegeben, als sie ihn gebeten hatte einfach besonders vorsichtig zu fahren.

Um ein anderes Verlangen zu befriedigen, welches er niemals hätte ablehnen können, öffnete er die Tür zu "Akis Lovely Suite".

Schnell schritt er herüber zu der Krippe, aus der seine kleine Tochter nach Aufmerksamkeit schrie. Behutsam hob er das weinende Mädchen aus seinem Bett und wiegte sie vorsichtig im Arm. Sie war in der kurzen Zeit schon deutlich größer geworden, aber sie wirkte noch immer so zerbrechlich. Es war jedoch nicht mehr so schlimm, wie noch zu Anfang, als er noch Angst hatte sie mit jeder falschen Berührung zu verletzen.

Seine Finger glitten besänftigend durch das kleine braune Haarbüschel auf ihrem Kopf, als er den süßen Geruch von Babypuder inhalierte, der sie umgab – meistens zumindest.

"Schh", hauchte Shinji, als er sich umdrehte, um den Raum zu verlassen. "Wir werden dir was zu essen besorgen, hm?"

Er wusste nicht, ob es an seiner Wärme und seinem gutem Zureden lag, oder ob sie in Wirklichkeit wusste, dass ihr Bedürfnis im Begriff war befriedigt zu werden, aber ihr Weinen verminderte sich auf ein leises Wimmern.

Als sie das Schlafzimmer erreichten, hatte Asuka es sich bereits in einer sitzenden Position gemütlich gemacht. Mit dem Kissen in ihrem Rücken, gegen das Kopfende des Bettes gelehnt. Sie tauschten nur ein wissendes Lächeln aus, als er vorsichtig das Baby in die wartenden Arme seiner Ehefrau legte, bevor er zurück ins Bett stieg.

Auch Asuka flüsterte einige beruhigende Worte, während sie ihren Griff um Aki ein wenig änderte, um das Top ihres Schlafanzuges hochziehen zu können. Er beobachtete sie dabei, wie sie Akis Mund zu ihrer Brust führte und begann den Säugling zu füttern. Vorsichtig hielt sie sie und streichelte ihren kleinen Hinterkopf. Und er konnte nicht anders als die beiden wichtigsten Dinge in seinem Leben anzustarren, während er das zufriedene Lächeln seiner Ehefrau spiegelte und sich langsam in dem Anblick verlor.

"Und was genau starrst du an?" Asuka Frage war in keinem besonders bedrohlichen Tonfall, aber sie befreite ihn endlich aus seiner Trance. Tatsächlich hatte sie nicht einmal aufgehört so zu lächeln. "Du bist nicht etwa eifersüchtig auf deine eigene Tochter, oder?"

Er kicherte leicht und schüttelte den Kopf. Für jemanden der ihn immer einen Hentai nannte, hatte sie ziemlich schmutzige Gedanken, um sogar in einer so solchen Situation an so etwas zu denken.

"Nein", sagte er. "Aber wenn ich dich so sehe, erinnert es mich immer daran, wie sehr ich dich liebe..."

"Baka", murmelte sie, bevor ihre Lippen sich in einem kurzen Kuss trafen. "Wenn ich es nicht so mögen würde, würde ich dich dafür schlagen, dass du so schmalzig bist."

Er lachte erneut, bevor sein Ton ein weniger ernster wurde. "Ich bin einfach nur froh, dass das Stillen bis jetzt so gut funktioniert. Aber ich bin immer noch nicht sicher, ob es genug ist, bis sie feste Nahrung essen kann."

"Was willst du tun? Losgehen und nach einer Kuh suchen?"

"Nun ja, eine Ziege wäre wohl leichter zu bewegen..."

"Ziegenmilch? Versuchst du mein Kind zu vergiften?", grinste sie. Als sie bemerkte, dass Aki aufgehört hatte zu saugen, hob sie ihr Kind an ihre Schulter und klopfte ihr leicht auf den Rücken. "Außerdem, du hast dich bis jetzt nicht beschwert, oder?", fragte Asuka das Baby, begleitet von einem zustimmenden Bäuerchen von ihrer Tochter.

"Oh, es ist nicht fair, wenn ihr zwei euch gegen mich verbündet.", versuchte Shinji sich zu beschweren, aber kam nicht umhin zu lachen. Die ganze Sache mit dem Stillen hatte ihm Sorgen bereitet. Nicht nur, ob Asukas junger Körper dazu in der Lage war genug Milch für Aki zu erzeugen, oder ob das Baby diese auch vertragen würde, sondern auch weil er erfahren hatte, dass es schmerzhaft für die Mutter sein kann.

Natürlich hatte Asuka das auf der Stelle abgestritten. Sie gab zu, dass es sich "ein bisschen komisch anfühlte", hatte aber schnell hinzugefügt, wie die Möglichkeit zu fühlen, wie sie ihre Tochter mit Nahrung versorgte so viel intensiver war, als jede erdenkliche Unannehmlichkeit. In dieser Hinsicht war er sogar wirklich ein wenig eifersüchtig.

Aber selbst wenn er nicht solch eine intime Verbindung mit seiner Tochter teilte, so würde er doch alles in seiner Macht stehende tun, um Aki seine Fürsorge zu zeigen.

"Wo wir jetzt schon mal wach sind", begann er schließlich, sein Blick wanderte aus dem Fenster zu der schwindenden Dunkelheit des frühen Morgen. "sollen wir uns langsam auf den Weg machen?"

Asuka nickte lächelnd, nicht aufsehend, während sie durch das Haar ihres Kindes streichelte, das in ihren Armen schon wieder eingeschlafen war.


*********


"Es ist eine Weile her..."

"Und das letzte Mal war nicht unbedingt unter den besten Umständen..."

"Aber wir haben es geschafft einige Dinge zu klären und nun..."

"Würden wir euch gerne jemanden vorstellen."

Mit diesen Worten präsentierte Asuka das Bündel in ihren Armen der weiten See, die in den ersten Strahlen der Morgensonne funkelte und wischte eine Falte der Decke von der Wange des Kindes. "Dies ist unsere Tochter. Welt: Dies ist..." Sie widmete ihrem Ehemann ein schiefes Grinsen.

"Dies ist Aki Ikari."


*********


"Fühlst du dich immer noch unwohl ohne künstliches Licht?"

Zuerst wusste Asuka nicht, was er meinte. Aber als sie vor sich sah, auf die dunklen Silhouetten von dem was einmal Neo Tokyo 3 gewesen war, kehrte die Erinnerung an die Unterhaltung zurück. Obwohl die Stadt zu der Zeit nicht in Ruinen gelegen hatte und der in weiter Ferne liegende, körperlose Kopf von Rei noch nicht dort gelegen hatte. Genau genommen war sie zu dieser Zeit an diesem Ort, bei ihnen, gewesen.

Der grasige Hügel außerhalb der Stadtgrenze hatte einladend ausgesehen für das Ende des Ausfluges und die Zeit flog vorüber, während sie einfach nur dasaßen und im Schatten der Bäume hinter ihnen die Aussicht und Nähe zueinander genossen. Schließlich war die Sonne untergegangen und einer nach dem anderen tauchten die Sterne auf dem dunkler werdenden Himmel auf. Aki schlief bereits tief und fest in den Armen ihrer Mutter als die Nacht hereinbrach, aber ihren Eltern war noch nicht danach, nach Hause zu gehen. Sie versuchten diese romantische Situation so lange wie möglich zu erhalten. Die Hitze des Sommertages schwand nur langsam dahin, weshalb Asuka sich keine allzu großen Sorgen machte, dass es in nächster Zeit zu kalt werden würde, für das kleine Kind in ihren Armen.

"Ich glaube, ich habe mich zu einem gewissen Grad daran gewöhnt. Aber es sind keine Menschen mehr dort, also steht mein Argument", antwortete Asuka trocken auf die Frage ihres Ehemanns und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Doch als sie aufsah, formte sich ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen. "Du hast aber auch Recht. Der Himmel ist so viel schöner."

Es war schwer nicht so zu denken. Sogar mit dem roten Streifen, der sie kreuzte, schienen die Sterne strahlend hell. Unberührt von allem, was auf diesem kleinen Planeten vorgefallen war. Doch selbst im Vergleich zu solch einer überwältigenden Weite, fühlte Asuka sich nicht eingeschüchtert oder klein. Sie fühlte sich eher willkommen, als ein Teil von ihnen.

"Vielleicht war Rei eine größere Philosophin, als ich – oder sogar sie selbst – damals angenommen haben."

Dieses Mal war es Shinji, der überrascht war. "Hä?"

"Erinnerst du dich daran, was sie darüber gesagt hat, dass die Menschen überlebt haben, weil sie das Feuer gemeistert haben, um den Dunkelheit zu entkommen? Sie meinte anscheinend nur, dass der menschliche Fortschritt der Wissenschaft, der es uns erlaubt hat uns zu dem zu entwickeln, was wir heute sind, aus der Angst entstanden ist. Aber ich frage mich, ob es nicht auch auf etwas im Inneren des Herzens beziehen kann. Dass wir ohne das Feuer, das Licht in uns, am Ende durch die einsame Dunkelheit aufgefressen werden würden."

Ein leises Seufzen ließen sie runter auf das Bündel in ihren Armen gucken und sie lächelte, als sie sah, wie Aki versuchte sich im Schlaf näher an die warme Brust ihrer Mutter zu kuscheln. "Ich habe mein hellstes Licht gleich hier. Und ich werde sie vor der Dunkelheit beschützen, genauso wie sie mich davor beschützt. Ich bin mir sicher, dass solange wir uns haben, es nichts gibt, was uns verletzen kann."




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"Autsch! Aki! Aki, hör bitte auf damit!" Asuka zuckte, als der ziehende Schmerz wieder zurückkehrte. "Ah! Aki, du tust Mama weh!"

Doch das kleine Baby in ihren Armen konnte die Bedeutung des flehenden Tonfalls nicht verstehen. Vorsichtig versuchte Asuka mit einer Hand die Haarsträhne zu befreien, die ihre Tochter fest im Griff hatte. Doch der kleine Winkel und die Angst, ihr Kind ausversehen fallen zu lassen, wenn sie den Halt um Aki ändern würde, ließen ihr nur die Fingerspitzen dazu übrig. Und für jemanden der so klein war, war ihre Tochter schon ziemlich kräftig. Mit großen Augen sah Aki zu ihrer Mutter hinauf, während sie versuchte die gefangenen Haare in ihren lächelnden Mund zu stecken.

Letztendlich gab Asuka auf. "Shinji!"

"Was ist...", rief er vom Flur aus, aber er verstummte allmählich, als er in Akis Zimmer kam und die Zwickmühle seiner Frau sah. "Sie zieht dir wieder an den Haaren?", fragte er das Offensichtliche und war schon auf dem Weg zu ihr, um zu helfen.

"Ah?" Aki sah ihn verwirrt an, als er sie packte und die roten Strähnen aus ihrer Hand löste. Bevor sie wegen des Verlustes ihres "Spielzeugs" anfangen konnte zu weinen, nahm Shinji sie Asuka vorsichtig aus dem Arm und umarmte sie fest.

"Was will sie nur immer mit meinen Haaren?" Fragte Asuka erschöpft, wobei es an niemand bestimmten gerichtet war.

"Naja, sie scheint es auf jeden Fall zu mögen", pflichtete er ihr bei und legte Aki vorsichtig in ihr Bett. "Es riecht immerhin gut und es ist soooo leuchtend rot." Er betonte die letzten Worte übermäßig und kitzelte dabei sein kleines Mädchen, welches mit wildem Strampeln und einem lauten Lachen darauf antwortete.

"Reg sie nicht so sehr auf", murmelte Asuka, nicht wirklich auf ihn achtend, während sie ihre Haare zwischen ihren Fingern aufdrehte. "Es ist Zeit für ihr Schläfchen. Darum wollte ich sie auch ins Bett bringen."

"Okay, okay", flüsterte er, als er die Decke über seine Tochter zog und ihr einen Kuss auf die kleine Stirn gab. "Süße Träume, Aki."

Das Mädchen wimmerte ein wenig, als er aus ihrem Sichtfeld verschwand, aber er zwang sich es zu ignorieren. Er wandte sich Asuka zu und näherte sich ihr, aber sie stoppte ihn, bevor er seine Arme um sie legen konnte. "Shinji?", fragte sie leise. "Könntest du die Haarschere holen?"

"Was? Wir haben uns die Haare doch erst vor ein paar Tagen geschnitten", wunderte er sich.

Asuka seufzte schwer. "Ich weiß. Ich... Ich glaube es ist besser, wenn ich noch etwas mehr loswerde."

"Wie? Du meinst...?"

"Naja, es wäre auf jeden Fall praktischer. Ich meine, wie oft habe ich schon vergessen mein Haar zurückzubinden, besonders wenn sie nachts weint?" Sie drehte sich zu ihm um und brachte ein schwaches Lächeln zustande. "Und es ist ja nicht so, dass du mich nur wegen meinem langen, wallenden Haar liebst, oder?"

Er starrte sie immer noch an, scheinbar überlegend ob sie sich sicher war oder nicht. Aber nach einer Sekunde erwiderte er das Lächeln und nicke langsam.

"Na gut. Bereite schon mal alles vor. Ich bin gleich bei dir."


*********


Asuka sah sich selbst an, auf einem kleinen Stuhl vor dem Badezimmerspiegel sitzend. Sie konnte bei diesem Anblick die Sentimentalität nicht abstreiten, die sie empfand. Wissend, dass ein anderer Abschnitt ihrer Lebens dabei war zu enden. Sie verspannte, als sie sah wie Shinji sich ihr näherte und eine Schere aus ihren Haarschnittutensilien dabei hatte.

"Also, wie...?"

"Nicht- nicht zu viel", fiel sie ihm härter ins Wort als beabsichtigt. Augenblicklich sackten ihre Schultern wieder herab. "Nur so viel, dass sie... naja, dass sie sie nicht mehr so leicht erreichen kann. Ich- ich weiß nicht... bis zu den Schultern?" Sie seufzte geschlagen. "Vielleicht ein wenig darüber...?"

Er nickte einfach.

Asuka schloss ihre Augen, als er mit seiner Arbeit begann. Sie wollte es nicht mit ansehen. Es war schwer genug für sie, das ständige Klappern der Schere zu hören, als sie das gewohnte Gewicht von ihr nahmen. Es hatte Jahre gedauert es so wachsen zu lassen und sich darum zu kümmern und sie war immer stolz auf ihre gesunden Strähnen gewesen. Sie hatte in den Komplimenten für ihr Haar gebadet, die sie auch schon vor ihrer Ankunft in Japan erhalten hatte, wo es sogar noch auffallender war, dank der natürlichen, leuchtend roten Farbe. Und nun war es nur noch eine Sache von Minuten, bis Shinji seinen letzten Schnitt machte.

"Okay, ich glaube ich bin fertig", kündigte er an.

Sie nahm zwei tiefe Atemzüge, unsicher ob sie das Resultat auch wirklich sehen wollte. Aber dann öffnete sie zögerlich ihre Augen.

Er hatte eigentlich sogar ziemlich gute Arbeit geleistet. Ihr Haar reichte nun nur noch, in mehreren feinen Strähnen, bis kurz über ihre Schultern, ein bisschen weniger an den Seiten. Aber irgendwie war es schwer zu glauben, dass die Person, die sie aus dem Spiegel ansah, wirklich sie selbst war. Beinahe abwesend ließ sie ihre Hand durch die Überreste ihrer roten Mähne streifen.

"Ich sehe alt aus...", stellte sie müde fest.

"Nein", sagte Shinji, beruhigend lächelnd, als er sich zu ihr herunter beugte. "Du siehst aus wie eine Mutter..."

Und aus irgendeinem Grund fühlte es sich plötzlich gar nicht mehr so schlecht an, das ganze zerzauste Haar los zu sein.




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"Oh, nicht schon wieder!", jammerte Shinji als er seine Tochter soweit wie möglich von sich weg hielt und in Richtung Badezimmer eilte. Wenn ihr "Uh-Oh"-Gesicht nicht schon ein ausreichender Anhaltspunkt ihn gewesen wäre, um zu wissen was sie gerade getan hatte, dann war es der Gestank mit Sicherheit.

Asuka war gerade damit beschäftigt die Waschmaschine das zweite Mal an diesem Tag zu füllen, als er hereingestürmt kam und direkt auf den Wickeltisch zu hielt.

"Schon wieder?", fragte sie sofort, genauso erschöpft wie er. "Das ist schon das dritte Mal seit heute Morgen!"

"Ich weiß", murrte Shinji, der bereits angefangen hatte Aki ihren Strampelanzug auszuziehen. "Wenn das so weitergeht, müssen wir heute noch losfahren und neue Windeln besorgen."

"Ich frage mich eigentlich eher wo wir mit den ganzen benutzten hin sollen! Wir sollten nicht so viel Benzin verschwenden, indem wir jeden Tag zur Müllhalde fahren."

"Vielleicht sollten wir Stoffwindeln benutzen?"

Asuka zeigte auf die Berge von dreckigen Kleidungsstücken vor ihren Füßen. "Und noch mehr Wäsche zum Waschen haben?" Sie machte den Fehler genau in dem Moment zu den beiden hinüberzugehen, in dem Shinji Aki die Windel ab nahm. "Ohh", sie kniff die Augen zusammen und versuchte den Gestank weg zu wedeln, während Aki einfach nur wegen den lustigen Gesichtern kicherte, die ihre Eltern machten. "Könnte es sein, dass irgendwas mit ihrer Verdauung nicht stimmt?"

"Ich fürchte nicht", schüttelte er den Kopf und begann sein Kind sauber zu wischen, nachdem er die dreckige Windel in die "Kontaminationseinheit" geworfen hatte, wie sie den kleinen Mülleimer inzwischen nannten. In der Zwischenzeit winkte Aki ihren Eltern zu, während sie mit Babypuder bestäubt wurde.

"Aber sie übergibt sich auch ziemlich oft", gab Asuka zu bedenken und sah dabei hinter sich auf den Wäscheberg, wo man noch Akis Mittagessen vom Vortag auf ihrem Lieblingsshirt sehen konnte.

"Vielleicht geben wir ihr einfach zu... HEY!", protestierte Shinji, als er von seiner Ehefrau zur Seite geschoben wurde.

"Lass mich das machen", sagte sie und nahm eine frische Windel vom Stapel.

"Aber sie fängt immer an zu quengeln, wenn du es machst! Du machst sie einfach zu eng!"

Und tatsächlich wurde Akis Gesicht ein wenig verstimmt, als ihre Mutter die Klebestreifen straff zog. Asuka hingegen blieb bei ihrem Standpunkt.

"Nein, ich mache sie genau richtig! Du machst sie nicht eng genug! Sie braucht vielleicht ein wenig länger um sich daran zu gewöhnen, aber wenigstens kommt dann auch nichts aus der Windel, was deutlich schlechter für uns alle wäre!", erklärte Asuka, während sie ihre Tochter schon wieder anzog, die, wie Asuka schon gesagt hatte, schon dabei war die unangenehme Enge zu vergessen, als sie vom Wickeltisch gehoben wurde. Umschlossen von den gemütlichen Armen ihrer Mama, kehrte Aki sogleich zu ihrem lebhaften Selbst zurück...

Für etwa zehn Sekunden.

"SCHON WIEDER?", jammerten ihre Eltern im Einklang.

Seufzend begann Asuka damit, die Knöpfe des Strampelanzuges wieder zu lösen. "Wie lang war es noch mal, bis wir mit den Töpfchenübungen anfangen können?"




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"Ich bin zu Hause!", rief Shinji durch das Haus, als er seine Stiefel auszog und den Eimer mit den enttäuschenden Ergebnissen seines Angelausfluges zur Seite stellte. Akis lautes Schreien hing in der Luft und als er keine Antwort bekam, ging er davon aus, dass Asuka ihn einfach nicht gehört hatte.

Das diese Annahme mehr als falsch war wurde offensichtlich, als seine Frau mit ihrer jungen Tochter im Arm den Flur entlang gestürmt kam. Ein Blick in Asukas geschwollene rote Augen trug zu dem Verdacht bei, dass irgendetwas Schlimmes passiert war.

"Shinji!", schluchzte sie. "Ich wollte gerade nach dir suchen gehen! I-ich glaube sie ist krank! Ich – sie..."

Shinji verlor keine Zeit und eilte zur ihr. Beruhigend legte einen Arm um seine aufgewühlte Ehefrau, die sogleich ihr Gesicht in seiner Schulter vergrub und den anderen um sein leidendes Kind. Als er merkte, dass Asuka sich langsam beruhigte, nahm er ihr Aki vorsichtig ab und fühlte ihre Temperatur. Doch er fand keine Anzeichen für Fieber.

"Sie- sie hat die ganze Zeit über geweint", erzählte Asuka ihm schniefend. "Aber da war nichts in ihrer Windel und sie ist weder schläfrig noch hungrig. Und egal wie lange ich sie herumgetragen hab, sie wollte sich einfach nicht beruhigen."

"Hast du den Schnuller versucht?", versuchte Shinji rational zu bleiben. Er wischte Feuchtigkeit aus Tränen und Spucke von Akis Kinn.

Asuka schüttelte den Kopf. "Sie hat so viel gesabbert, dass ich Angst hatte sie würde Schwierigkeiten mit dem Atmen bekommen. Aber es sieht auch nicht so aus als hätte sie irgendwas verschluckt."

Er nickte bestätigend und steckte vorsichtig einen Finger in den Mund seiner Tochter, auf den sie sofort drauf biss. Ihre Kiefer waren noch nicht stark genug, um ihn zu verletzen, aber ihre Reaktion war ein weiterer Anhaltspunkt der seine Vermutung bestätigte. "Vielleicht will sie einfach nur was auf dem sie herum kauen kann."

"Herum kauen?"

Shinji versuchte sein bestes, zusicherndes Lächeln auf ihren entgeisterten Gesichtsausdruck. "Ich glaube sie zahnt", erklärte er. "Sie scheinen noch nicht draußen zu sein, aber ich denke das ist nur noch eine Frage von Tagen. Ich glaube wir haben irgendwo einen Beißring. Das könnte..." Er verstummte langsam als er bemerkte, dass Asuka seinen Enthusiasmus nicht teilte, sondern erschöpft die Wand herabglitt. Eine zitternde Hand wanderte an ihre Stirn.

"Z-zahnen?", hauchte sie, bevor ein Schluchzen ihren Körper erzittern ließ und Tränen ihre Wangen herunterliefen.

Besorgt kniete Shinji sich neben sie hin, darauf achtend, dass er Aki in Balance hielt, welche ihre Mutter ebenfalls mit besorgten Augen ansah. "Asuka..."

Doch sie wich vor ihm zurück. "I-ich dachte... und dann hat sie..." Sie schüttelte ihren Kopf. "Das hätte ich wissen müssen. Ich hätte es wissen müssen, aber es kam mir nicht einmal im Entferntesten in den Sinn. Was... was für eine Mutter bin ich nur?"

"Asuka, sag sowas nicht. Du bist keine schlechte Mutter, nur weil du nicht jedes Zeichen erkennst, das sie dir gibt."

"A-aber es ist nicht sowas, wie ihr das falsche Spielzeug zu geben oder... oder sie zu füttern, wenn sie nur kuscheln will. Ich hätte das wissen müssen!"

"Schh", versuchte er sie zu beruhigen. Er zog einen Finger frei und trocknete damit die Tränen der schluchzenden Frau. "Wie lange hast du letzte Nacht geschlafen?"

"Wa-was?", fragte sie, offensichtlich verwirrt wegen der scheinbar unpassenden Frage.

"Ich habe bemerkt, dass du oft noch lange wach da liegst, als würdest du darauf warten, dass sie jeden Moment anfangen könnte zu schreien", erklärte Shinji und rückte ein wenig herum, um Aki sanft auf seinem rechten Knie zu schaukeln, die schon wieder so aussah, als würde sie gleich anfangen zu weinen.

"Ich... ich weißt nicht", gab Asuka schließlich zu. "Ich... ich befürchte immer, dass sie mich jeden Moment brauchen könnte. Jedes kleine Geräusch hält mich wach, in der Erwartung, dass noch mehr kommt." Sie seufzte mit einem wütenden Stirnrunzeln. Ein Zeichen für Shinji, dass sie sich selbst verurteilte. "Ich glaube, dass ich mir oft einfach nur was einbilde..."

"Da hast du es", stimmte er zu. "Du bist einfach nur müde. Ich glaube inzwischen schläft Aki nachts besser, als du es in den letzten paar Wochen hast."

"Ah!"

Das Geräusch ließ die beiden zu ihrem Baby heruntersehen, welches mit einem besorgten Blick in ihren hellblauen Augen nach Asuka griff.

"Siehst du?", fragte Shinji lächelnd, als seine Frau die Entfernung zwischen den Händen der beiden Mädchen schloss. "Sie mag es auch nicht, wenn ihre großartige Mutter traurig ist."

Das brachte endlich ein leises Lachen aus Asuka heraus. Shinji gab ihr einen schnellen Kuss bevor er weiterflüsterte: "Geh ein wenig schlafen. Ich kümmere mich für den Rest des Tages um sie."




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Ein letztes Mal, überprüfte Shinji den Inhalt der Töpfe auf dem Herd, bevor er zufrieden war und sich zum Gehen wandte. Als er das Wohnzimmer betrat sah er die beiden Frauen in seinem Leben, wie sie sich gegenseitig anstarrten.

Asuka lag auf dem Bauch, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und sah in die leuchtenden Augen ihrer Tochter. Aki war auf ihren kleinen Händen und Knien und wippte fröhlich auf und ab, während sie ihre Mutter von ihrer "Trainingsmatte" aus beobachtete. Sie hatten die flauschige Decke dort auf dem Boden ausgebreitet, wo sie ihr Kind im Auge behalten konnten, während sie auf weicherem Boden herumkrabbeln konnte als dem Teppich.

Zwischen Mutter und Tochter lagen jedoch nicht die üblichen Spielzeuge, die im Moment hinter dem Kind auf der Decke verstreut lagen, sondern ein Blatt Papier und eine Schachtel mit Wachsmalstiften. Einer davon in Akis Hand – Auf dem Weg in ihren Mund.

"Oh nein nein nein, das ist nicht zum Essen!" ging Asuka schnell dazwischen und umschloss Akis Hände mit ihren eigenen, um sie herunter zum Papier zu führen. Sie führte es über das Blatt, sodass das Wachs einen Kreis formte. "Da, du hältst es aufs Papier und malst schöne bunte Linien."

"Ah!" Akis Augen wurden weit und ihre freie Hand klopfte aufgeregt auf dem Boden herum, als sie diese neue und erstaunliche Entdeckung machte. Sie hatte ein breites Lächeln im Gesicht, als sie zu ihrer talentierten Mutter aufsah, die solch ein Wunder hervorbringen konnte.

Doch Shinji beobachtete das Ganze von einem weitaus besorgterem Standpunk. "Ähm..."

"Oh hey", Asuka drehte den Kopf als sie ihn bemerkte, "Ist das Essen fertig?"

"Ja, aber... Asuka, ich... ähm..."

Sie kniff die Augen zusammen. "Was?"

Er seufzte, der dunkle Unterton in ihrer Stimme kündigte das Unvermeidliche an. "Ach, nichts..."

"Was, Baka?", hakte sie ein wenig aggressiver nach, aber ruhig genug, um Aki nicht zu erschrecken, die neugierig den Wachsmaler in ihrer Hand untersuchte.

"Naja... glaubst du nicht, dass es ein wenig früh für sie ist, um Bilder zu malen?"

Asuka rollte mit den Augen. "Natürlich kann sie noch keine zweite Mona Lisa malen, aber ich bin sicher, dass es sie toll findet zu sehen, dass sie etwas erschaffen kann. Selbst wenn es nur ein paar bunte Linien sind."

"Ja, aber ich habe die Befürchtung, dass sie das nicht nur auf dem Papier machen wird, sondern auch auf den Wänden, dem Teppich, ihren Kleidern... und natürlich in ihrem Mund", schloss er und zeigte auf ihre Tochter, die schon wieder versuchte von dem Wachsmaler zu probieren.

Überrascht fuhr Asuka herum und griff sich erneut die kleine Hand mit dem Stift darin. "Oh Aki, nein! Ich hab doch gesagt das ist nicht zum Essen!", wiederholte sie flehend die Lektion von vorher. Doch angesichts des fragenden Blickes des kleinen Babys, mit demselben kläglichen Ergebnis. Asuka seufzte geschlagen.

"Na gut, wenn du so hungrig bist gehen wir besser was essen", murmelte sie leise zu ihrem Kind und nahm es auf den Arm, während sie aufstand. "Immerhin hat Papa das Essen fertig."




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Sie hatte viele erbitterte Kämpfe ausgefochten, gegen monströse Gegner und am Rande des Todes gekämpft, für das Wohl von nichts geringerem als der gesamten Menschheit (und ihres Egos). Aber keiner dieser Kämpfe hatte sie so viel ihrer Willenskraft gekostet, hatte sie so nahe ans Aufgeben gebracht, als die Gelegenheiten, in denen sie mit diesen ultimativen Waffen konfrontiert war: Den leuchtend blauen Augen ihrer Tochter.

"Sieh mich nicht so an", flehte Asuka leise, Aki sanft in ihren Armen hin und her wiegend, als sie sie zu der Krippe in dem schon dunklen Raum trug. "Du weißt, dass es Zeit für dich ist ins Bettchen zu gehen."

"Eh?"

Asuka seufzte müde, aber zur selben Zeit konnte sie nicht anders als Lächeln, als Aki ihren Kopf zur Seite legte und sich näher an sie kuschelte um ein wenig mehr Mitgefühl zu bekommen. Ob durch mütterliche Instinkte, oder irgendwoher anders, Asuka war sich ziemlich sicher, dass ihre Kleine nur die Dumme spielte und eigentlich genau wusste, dass es Zeit zum Schlafen war.

Ihre Kleine... dabei war sie schon gar nicht mehr so klein, wie sie es einmal gewesen war. Asuka hatte immer nur die Augen gerollt, wenn sie Eltern klagen gehört hatte, dass ihre Kinder viel zu schnell heranwuchsen. Aber nun, da sie die schnelle Veränderung selbst mit ansehen konnte, hatte sie ein wenig mehr Verständnis für solche Aussagen. Aki war bereits aus drei Strampelanzügen herausgewachsen und der pinke, den sie gerade trug, wurde auch schon langsam wieder zu eng. Die dünne Schicht Haare war schon recht dicht geworden auch vergleichsweise lang, ein paar Zentimeter frei den Hals hinab hängend.

Und es war nicht nur die Größe. Sie krabbelte so schnell im Haus und im Garten umher, dass Asuka sich fast schon alt fühlte, wenn sie mal wieder mit dem lebhaften Mädchen mithalten musste, wann immer sie zu viel Interesse in viel zu lecker aussehenden kleinen Objekten, offenen Türen, die in die Welt da draußen führten oder Treppen und anderen wundersamen Höhen, fand.

Sie hatten sie vor einer Weile endlich dazu gebracht feste Nahrung zu essen – sofern sie denn ihren Mund erreichte. Es war nicht so, dass sie es nicht mochte, eher das Gegenteil. Das erste Mal, als Shinji versucht hatte sie zu füttern, hatte sie nach dem ersten Bissen fröhlich mit den Armen gewedelt und aus Versehen die Schüssel auf dem Tisch ihre Hochstuhls in so einem Winkel getroffen, dass sie in hohem Bogen durch die Luft katapultiert wurde, ihren Inhalt auf seiner Kleidung verteilte und schließlich in seinem Gesicht landete.

Asuka musste immer noch kichern, wenn sie sich daran erinnerte, wie er mit pürierten Karotten bedeckt aussah – er jedoch mit Sicherheit nicht. Nichtsdestotrotz war Füttern immer noch die besser Wahl. Es war zwar nicht so, dass sie keinen Löffel halten konnte und ganz bestimmt nicht, dass sie nicht dazu in der Lage war etwas in ihren Mund zu stecken, doch die Koordination war nicht gerade die beste. Aber am wichtigsten war, dass sie beizeiten vergaß, dass sie etwas in der Hand hielt oder auch einfach anfing damit zu spielen. Deshalb war Füttern wesentlich Zeitsparender als am Ende die ganze Küche putzen zu müssen (genauso wie das kleine Mädchen selbst).

Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis der kleine Racker in ihren Armen das auch lernen würde.

Doch Asuka spürte keinen Anflug von Traurigkeit, der normalerweise zusammen mit elterlichen Sorgen über Veränderungen kam. Nein, sie war froh, stolz wann immer sie sah, wie Aki neue Entdeckungen machte, neue Tatsachen über die riesige Welt um sie herum lernte, neue Fähigkeiten erlernte. Denn immerhin war es ihre Tochter, ihr Kind. Sie aufblühen zu sehen war die größte Erfüllung, die Asuka jemals gespürt hatte.

Die rothaarige Mutter hatte gar nicht bemerkt, dass sie gerade ein Schlaflied für das gähnende Mädchen summte. Sie stellte endlich den Widerstand ein und akzeptierte, dass es Zeit fürs Bettchen war. Aki wehrte sich nicht im Geringsten, als ihre Mutter sie vorsichtig in ihr Bett legte und nach einer weiteren Strophe des Liedes fielen ihre Augen zu. Asuka lächelte wegen des friedlichen Anblicks und streichelte noch einmal durch die braunen Locken ihrer Tochter.

"Gut Nacht, mein Schatz." Ein letzter Kuss auf die Stirn ihre Babys und sie wandte sich zum Gehen um selbst schlafen zu gehen. Aber dieses Mal kam sie nicht sehr weit.

"Nah!"

Asuka wirbelte auf der Stelle herum. "Was?" Mit nur zwei großen Schritten war sie wieder bei dem Bettchen, aus dem eine ziemlich wache Aki kicherte, als sie sie sah. "Sagtest du gerade...?"

"Nah!"

Mit geweiteten Augen nahm sie ihre Tochter wieder hoch, ein stolzes Grinsen formte sich auf ihrem Mund, der noch immer vor Überraschung offen stand.

"Shinji!", rief sie. "SHINJI!"

Es brauchte nur Sekunden um mit einem panischen Ausdruck im Gesicht durch die Tür gestürmt zu kommen. Er musste die Dringlichkeit in ihrem Rufen mit einem Notfall verwechselt haben, was auch aus seiner Stimme sprach. "Wa- was ist los?", keuchte er.

Doch sich schuldig zu fühlen war das Letzte, an das Asuka gerade dachte. "Sie hat ihr erstes Wort gesagt!", rief sie strahlend. Sie dachte nicht einmal daran, sich dafür zu entschuldigen, dass sie ihn erschreckt hatte.

Shinji atmete erleichtert auf. "Ah, das ist alles? Ich dachte schon...", er verstummte als die Worte endlich seine höheren Hirnfunktionen erreichten. "Moment, was?!"

"Ich habe ihr gute Nacht gesagt und sie hat versucht zu antworten", erklärte Asuka, ohne ihre Augen von dem lachenden Mädchen in ihren Armen zu nehmen, welches die zusätzliche Aufmerksamkeit offensichtlich genoss, die sie heute Abend bekam.

Shinji kratze sich jedoch mit einem eher ungläubigen Blick am Kopf. "Du hast wahrscheinlich einfach ein wenig zu viel in die Geräusche hineininterpretiert, die sie immer macht. Sie hat doch schon immer ein wenig herum gemurmelt, oder nicht? Es ist noch ein wenig früh für sie, um mit dem Sprechen anzufangen."

"Hörst du das?" Asuka machte sich nicht die Mühe ihm direkt zu antworten und sprach stattdessen mit Aki. "Dein Papa glaubt nicht, dass du schon sprechen kannst. Aber wir werden es ihm zeigen, nicht wahr?"

"Uh?", gurrte das Kind.

"Kannst du ‚Mama' sagen?"

"Asuka", warf Shinji seufzend ein.

Doch sie ignorierte ihn noch immer. "Komm schon. Sag ‚Mama'", bat sie.

"Ah?"

"'Ma-ma'"

"Asuka, es macht doch keinen Sinn sie..."

"Amam!"

Es wurde augenblicklich still im Zimmer, abgesehen von dem unschuldigen Lachen der zehn Monate alten Aki, nachdem diese Silben ihren Mund verlassen hatten.

"Siehst du?", strahlte Asuka.

"Das ist... auf jeden Fall... öh... überraschend", gab Shinji zu. Und ausnahmsweise ignorierte seine Frau dieses Mal, anstatt darauf herumzureiten, dass sie Recht gehabt hatte.

"Kannst du ‚Papa' sagen?", fragte sie das kleine Mädchen, das sie immer noch in den Armen wiegte. Sie platzte beinahe vor Stolz auf ihre kleine Tochter. "'Pa-pa'"

Und sie wurde nicht enttäuscht. "Baga!"

Die beiden fast Erwachsenen sahen sich gleichermaßen überrascht an. Doch ein amüsierter Ausdruck breitete sich schnell auf Asukas Gesicht aus während Shinjis eher – ängstlich? – wurde. "Sie hat gerade nicht gesagt, was ich denke, was sie gesagt hat, oder...?"

Doch Asuka war inzwischen zu sehr damit beschäftigt zu lachen, als dass sie hätte antworten können. Aber das schwächte sich schnell zu einem leichten Lächeln ab, als sie den kleinen Körper an ihrem spürte und sie bemerkte, wie ihre Arme sich ein wenig mehr um sie drückten und sich fester ankuschelten.

Wieder ein "erstes Mal" vorbei...

Okay, vielleicht war da am Ende doch ein leichter Anflug...

Aber nur ein wirklich nur ein ganz, ganz kleiner.

Wirklich.




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"Zwei Wochen..."

Die Bedeutung der Worte nicht verstehend, die er mehr zu sich selbst gemurmelt hatte, verlangte Asukas Neugier danach mehr in Erfahrung zu bringen.

"Hmh?"

Shinji zuckte zusammen. Offenbar hatte er nicht gemerkt, dass sie hinter ihm im Türrahmen stand, bis sie sich bemerkbar gemacht hatte.

"Oh, hallo. Fertig für heute?"

"Das will ich hoffen", gähnte Asuka. "Sie schläft tief und fest und ich glaube das werde ich auch bald."

Die Sonne war noch nicht völlig untergegangen, aber sie war erschöpfter als nach einer endlosen Trainingseinheit. Warum hatte ihre vorher nur niemand gesagt, dass es so anstrengend war, sich um ein kleines Baby zu kümmern?

"Warum gehst du dann nicht schon mal ins Bett?", bot er ihr an. "Ich kommt nach sobald ich hier fertig bin."

Sie schüttelte den Kopf. "Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich werde es wahrscheinlich sowieso nicht merken, wenn du ins Bett kommst", murmelte sie und fühlte, wie ihre Augenlieder schwerer wurden. "Aber... was meintest du mit ‚zwei Wochen'?"

"Ach das...", ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. "In zwei Wochen ist es schon ein Jahr."

"Ein Jahr seit...?", wiederholte Asuka erwartungsvoll, bis sie es realisierte. Ihre Trägheit war sofort wie weggeblasen und wurde durch Aufregung ersetzt. Wenn auch nur für einen Augenblick. "Du meinst... es ist Akis Geburtstag? Du hast mitgezählt?"

"Klar. Hast du es denn überhaupt nicht gesehen?", fragte er und hob den improvisierten Kalender hoch der, bis dahin zumindest, nur aus einem riesigen Monat bestand. "Es ist jetzt 351 Tage her."

"Die Zeit ist wir im Flug vergangen. Und ich dachte immer, dass sowas nur alte Leute denken, die nichts anderes zu tun haben, als älter zu werden. Aber ich schätze für uns hält sie auch nicht an", grübelte Asuka mit einem leichten Lächeln. "Also noch zwei Wochen, hm? Lass uns überlegen, was brauchen wir für die Party? Geschenke natürlich und einen Kuchen, oh und Dekoration. Haben wir noch Ballons übrig?"

"Party?", fiel Shinji ihr ins Wort. "Glaubst du, dass das nötig ist? Sie ist noch so jung, dass sie sich später wahrscheinlich sowieso nicht daran erinnern wird."

"Na und? Das wird lustig! Und als gute Eltern haben wir die Pflicht Fotos von ihrem ersten Geburtstag zu machen, auf denen sie einen niedlichen Hut trägt und das Gesicht voll Kuchen hat, damit wir sie in ein paar Jahren damit quälen können."

Shinji musste lachen. "Ich glaube dann sollte ich auch schon mal die Videokamera raussuchen."

Asuka stimmt in sein Gelächter ein und zerzauste ihm das Haar. "Oh ich liebe es wenn du böse bist."




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"Gott, mit diesem Ding siehst du wirklich langsam aus wie Kensuke", stöhnte Asuka, bevor sie ausweichen musste, um nicht von der Kamera getroffen zu werden, als ihr Ehemann sich umdrehte ohne sie vom Gesicht wegzunehmen.

"Was? Ich habe es verpasst ihr erstes Krabbeln aufzunehmen, weil ich nicht dran gedacht habe und ihre ersten Worte habe ich verpasst, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass es ihre ersten Worte waren. Ich werde ihre ersten Schritte nicht auch noch verpassen."

Asuka rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf, als sie sich zurück auf das Sofa fallen ließ. Neben ihr richtete Shinji die Linse sofort wieder auf ihre Tochter, die sich hochgestemmt hatte, um den Tisch überblicken zu können. Sie wippte leicht auf und ab als sie wie gebannt ihren Lieblingsball anstarrte, der darauf lag. Wie ein Löwin, die ihre Beute beobachtete. Ein kleine und viel zu fröhliche Löwin. Asuka dachte darüber nach, ihr das rot-gelb gestreifte Spielzeug einfach zu geben. Aber sie hatte gelernt, dass es Aki den Spaß verderben würde und sie währe schnell mit dem Ball gelangweilt, wenn sie ihn auf diese Weise erhalten hätte. Im schlimmsten Fall hätte sie sogar angefangen zu weinen, weil ihr "Spiel" ruiniert wurde.

Es stimmte, dass sie wohl bald anfangen würde zu laufen. Sie hatte sogar schon ein paar wackelige Schritte gemacht, während sie sich fest an die Möbel, oder ihre Eltern, geklammert hielt. Aber bis dahin hatte sie es noch nicht alleine geschafft. Doch es war nur noch eine Frage der Zeit.

Also hatte Shinji damit begonnen den ganzen Tag über die Aktivitäten ihres Kindes mit der Kamera aufzunehmen, die er vor einer Weile besorgt hatte. Ein Teil von Asuka fand es recht niedlich, aber dieser Teil wurde langsam von dem überschattet, der es unglaublich dämlich fand. Und es gab auch einen kleinen Teil, der anfing sich vernachlässigt zu fühlen...

"Jetzt gib's doch endlich auf. Du machst das jetzt schon seit drei Tagen", beschwerte sie sich. "Sie hat offensichtlich nicht die Absicht ein Filmstar zu werden."

"Das bezweifle ich", murmelte Shinji, ohne sie anzusehen. "Immerhin ist sie deine Tochter."

"WAS WAR DAS?!"

Er hätte beinahe die Kamera fallengelassen, vermutlich hatte er nicht einmal gemerkt, dass er es laut ausgesprochen hatte. Asuka baute sich bereits in einer bedrohlichen Pose vor ihm auf und gab sich die beste Mühe ihr am meisten einschüchterndes Gesicht zu machen. Und es ließ sie nicht im Stich, als sich Angst und Verwirrung auf Shinjis Gesicht abzeichneten.

"Willst du damit sagen, dass ich egozentrisch bin?", beschuldigte sie ihn, während er vor ihr davon wich.

"N-nun... nein... i-ich..." Er erreichte das Ende des Sofas und glitt herunter, solange er noch konnte.

Aber sie verfolgte ihn weiter. "Dass ich immer im Rampenlicht stehen muss?!"

"L-Liebes, ich...", versuchte er sie zu besänftigen und Asuka musste aufpassen nicht loszulachen. Sie benutzten solche Kosenamen nur, wenn sie übertrieben schmalzig wurden, oder wenn einer (er) versuchte den anderen zu beruhigen.

"Dass ich von jedem atmenden Wesen auf dem Planeten verehrt werden will?!"

Sie hatte ihn inzwischen an der Wand festgenagelt, obwohl er noch immer versuchte weiter zurückzuweichen, als sie ihm genau in die Augen starrte. "N-nein, natürlich nicht..."

"Nein?", wich sie plötzlich zurück, mit mehr als genug Enttäuschung in der Stimme. Jetzt konnte sie ein Grinsen nicht mehr zurückhalten, als sie ihm keinen Ausweg ließ. "Und ich hatte gedacht, dass du wenigstens das inzwischen von mir weißt."

Mit einem Seufzen ließ er sich die Wand hinab rutschen, als er endlich merkte, dass sie ihn auf den Arm nahm und sie konnte nicht anders als kichern.

"Nach all dieser Zeit bist du immer noch...", sie verstummte, als sie sich umdrehte und den Weg vor sich versperrt vorfand.

Aki lächelte nur über ihr überraschtes Gesicht. "Mamam?"

Die vorherige Belustigung war mit grenzenlosem Stolz vermischt und Asuka grinste nicht mehr nur wegen einem blöden kleinen Spaß. Die ganze Sache hatte nicht länger als ein paar Sekunden gedauert. Das kleine Mädchen hätte in dieser Zeit unmöglich herüber krabbeln und ohne Hilfe wieder aufstehen können.

Ein Seufzen kam von hinter ihr. "Und ich habe es schon wieder verpasst."




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Aki lachte laut, offensichtlich genoss sie es über den merkwürdigen Boden zu laufen, sich an den Händen ihrer beiden Eltern festhaltend. Ihre Augen waren auf ihre Füße gerichtet, die sich mit jedem ihrer wackeligen Schritte aufs Neue in den Sand eingruben. Entweder war sie sich ihrer Umwelt gar nicht bewusste, oder, was wohl eher zutraf, kümmerte sich einfach nicht darum. Sie wusste wohl mit dem schrecklichen Anblick, der Abnormalität der gekreuzigten EVAs oder dem gewaltigen Kopf in weiter Ferne, nichts anzufangen.

"Das sie nicht einmal der Geruch stört...", dachte Asuka laut.

"Naja, sie ist das erste Mal am Strand", argumentierte Shinji. "Das erste Mal, bei dem sie nicht getragen wird und die meiste Zeit schläft zumindest. Also ist es einfach eine weitere neue Sache, die es zu erkunden gilt, nicht wahr?"

Sein Blick traf sich bei dem letzten Satz mit Akis grinsendem Gesicht. Auch wenn sie wohl von der Unterhaltung nicht viel verstanden hatte, hatte sie an der Änderung in seinem Tonfall mitbekommen, dass er mit ihr sprach. Sie riss ihre Hand von der ihrer Mutter frei und zeigte auf etwas vor sich.

"Mama wawa!", erklärte sie fröhlich.

"Mama was?", fragte Asuka, aber die einzige Antwort die sie bekam war, dass Aki sich auch von ihrem Vater losriss und losrannte.

Und zu ihrem Horror verstand Asuka in diesem Moment. Mit ihrem begrenzten Wortschatz hatte Aki einmal mehr das Wort "Mama" für etwas Rotes benutzt. Ihr Herz blieb beinahe stehen, als sie sah, wie ihre Tochter lachend auf die LCL-See zulief.

"Nein, Aki, warte!"

Instinktiv wollte sie loslaufen um ihr Kind zu fangen, bevor es in Kontakt mit der Flüssigkeit treten konnte. Bevor sie werden konnte... wie sie...

Aber plötzlich hielt sie jemand zurück. Sie starrte Shinji schockiert und ungläubig an, bevor sie versuchte sich loszureißen, um sie zu...

"Lass sie", sagte er auf eine unglaublich ruhige Art, als ob es kein Problem gab. "Hier ist es flach genug."

"Aber..." Endlich entkam sie seinem Griff, aber sie sah, dass es bereits zu spät war. Aki planschte bereits in dem verblüffenden "Mama-Wasser" herum. Und nichts Schlimmes war passiert.

Asukas Schultern sackten erleichtert herab, aber sie fühlte sich auch so unglaublich dämlich, für ihre grundlose Panikattacke. Natürlich war nichts passiert. Sie hatten tausende Male Kontakt mit LCL gehabt, ohne gleich selbst zu welchem zu zerfließen. Aber seit all das geschehen war... Keiner von ihnen hatte es jemals berührt, seit sie der See entkommen waren.

Natürlich wurde ihr schlecht bei dem Gedanken, was es wirklich war, in dem ihre Tochter so sorglos herumrannte. Aber Aki konnte das natürlich nicht wissen.

Sie hatte ihre Tochter noch nie so sehr um ihre Unwissenheit beneidet.




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"Aki, trödel bitte nicht so rum!"

Die Eineinhalbjährige blickte auf, als sie ihren Vater rufen hörte und beschleunigte ein wenig das Tempo ihrer wackeligen Schritte, um zu ihm aufzuholen. Sie hatte ein strahlendes Lächeln im Gesicht, während sie ihren neuen Besitz, in Form eines Malbuches, mit beiden Armen an sich presste.

Shinji versuchte das Lächeln zu erwidern, aber es war eher erzwungen. Er hätte sich besser gefühlt, wenn er seine Tochter hätte tragen können. Sie würden nicht nur schneller vorankommen, sondern es wäre auch deutlich sicherer für das kleine Mädchen, welches, besonders in dieser Umgebung, immer noch
ein wenig unsicher auf den Beinen war. Aber die Last der Sachen, die sie bei ihrer "Einkaufstour" besorgt hatten, reizten seine Kapazitäten bereits bis an die Grenze aus.

Er konnte verstehen, dass es für sie aufregend war hierher zu kommen, aber für seinen Geschmack waren die Ruinen von Tokyo 3 ein viel zu gefährlicher Ort zum Herumtoben. Doch wenn sie sie immer nur im Haus und dem Garten behalten würden, würde sie nur noch neugieriger werden und wer-weiß-was tun, um die Welt außerhalb zu sehen.

Ein bisschen Neugier war kaum ein Verbrechen. Erst Recht für ein Kind in ihrem Alter. Aber er wünschte sich, dass das nicht solche Dinge mit einschließen würde, wie das Krabbeln in jedes einsturzgefährdete Loch, das spähen um jede Ecke und das Klettern auf jeden Trümmerberg, nur um zu sehen, was für neue und aufregende Dinge sie dort erwarten könnten.

Das allein reichte für ihn schon, um auf jeden ihrer Schritte aufzupassen. Er hätte den Truck lieber direkt vor den Laden gefahren, aber dieses Gebiet hatte am meisten abbekommen. Die Trümmer der einst majestätischen Gebäude machten es praktisch unpassierbar für alles außer vielleicht einen Geländewagen mit Allradantrieb, oder etwas das klein genug für den schmalen Korridor war, der von der breiten Straße noch übrig geblieben war.

Und die instabile Umgebung war noch nicht einmal die größte Gefahr.

"Papa?", brachte ihre neugierige Stimme ihn wieder zu stehen. Sie sah mit großen blauen Augen zu ihm auf und zeigte mit ihrer kleinen linken Hand auf etwas. "Wauwau?"

Seine kampferprobten Sinne schärften sich auf der Stelle. Der Richtung, die seine Tochter anzeige, mit den Augen folgend, stellte er sich schützend vor sie und legte die drei vollen Einkaufstüten langsam auf den Boden. Er war sich nicht sicher was es war, dass dort hinter einem Haufen Geröll lag und nur ein Stück sein orange-braunen Fells zeigte, aber es lauerte auf ihrem Weg und er wollte keinen Überraschungsangriff von ihm riskieren.

"Bleib hier", wisperte er zu Aki. "Ich bin gleich wieder da."

Sich eine rostige Eisenstange greifend, die einmal ein Teil des Stahlbetons eines Gebäudes gewesen war, ging er vorsichtig auf das Tier zu. Darum betend, dass es etwas Harmloses war und bei seinem Anblick davonlaufen würde. Ein lautes Geräusch zu machen hätte wohl diesen Effekt gehabt und ihm den Nervenkitzel erspart, aber es könnte auch genauso gut etwas nicht so harmloses auf sie aufmerksam machen. Außerdem zog er es in diesem Fall vor das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben.

Als er über den Geröllhaufen kletterte, seine Waffe mit beiden Armen über den Kopf haltend und bereit jeder Zeit mit voller Kraft zuzuschlagen, fluchte er, als er aus Versehen einen Stein lose trat, der auf seinem Weg nach unten mehrmals laut aufschlug. Glücklicherweise war, was immer es war, entweder taub oder es schlief oder es war...

... tot.

Als er die Spitze des Hügels erreichte, bereit zum Zuschlagen, bemerkte er, dass es dafür keinen Grund mehr gab. Was vielleicht einmal eine streunende Katze gewesen war, lag dort zerfetzt in einer Blutlache.

Und das Blut war noch frisch.

Es war nicht der grausige Anblick, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte, sondern eher die Tatsache, dass es erst vor sehr kurzer Zeit passiert sein konnte. Was auch immer dies getan hatte, musste dabei gestört worden sein – und sehr wahrscheinlich von den beiden. Was bedeutete, dass es immer noch in der Nähe sein musste.

Sofort drehte er sich um, um nach Aki zu sehen. Da war ein Augenblick der Panik und des Schocks, als er nur ihr neues Malbuch an der Stelle liegen sah, an der er sie zuletzt gesehen hatte. Aber er war sofort erleichtert, als er die Gestalt erkannte, die gerade versuchte auf ein großes Stück zerschmetterten Gesteins zu klettern. In Sekunden war er hinter ihr und löste ein überraschtes Quietschen von ihr aus, als er sich vom Boden hochhob, bis sie bemerkte, dass er es war.

"Hab ich dir nicht gesagt, dass du dort bleiben sollst?" Shinji versuchte sein Bestes seine Sorge in Strenge umzuwandeln, aber unter ihrem unschuldigen Blick schmolz die Maske im nu dahin. Mit einem Seufzen drückte er sie an sich, ein müdes Lächeln im Gesicht. "Du bist wirklich ein kleines Äffchen, nicht wahr?"

"Äff'n!", stimme Aki fröhlich zu und kicherte ihn an.

"Komm mit. Wir sollten lieber sehen, dass wir nach Hause kommen." Er schob sie herum, sodass er sie mit einem Arm halten konnte, bückte sich vorsichtig um ihr Malbuch aufzuheben und es ihr zu geben und nahm dann die Einkaufstaschen mit seiner freien Hand auf. Er war nicht sicher wie, aber irgendwie ließen sich die Grenzen seiner Kapazitäten noch ein wenig erweitern, solange es um ein kleines braunhaariges Mädchen ging.


*********


"Wir sind zu Hause!"

"'Ause!", stimmte Aki in seinen Gruß ein, als sie ins Haus kamen. Ein schnelles Tapsen ließ vermuten, dass sie an ihrem Vater vorbei rannte.

"Willkommen zu Hause!", rief Asuka vom Badezimmer aus zurück, wo sie schnell ihre Hände abtrocknete und heraus kam. Die Erschöpfung, die die letzten paar Stunden der Arbeit verursacht hatten, war schnell vergessen als sie von einer neunzig Zentimeter großen Rakete begrüßt wurde, die auf sie zuhielt.

"Mama!"

Strahlend zögerte Asuka nicht sich herunterzubeugen, um ihre Tochter in ihre Arme laufen zu lassen. "Hey, hallo mein Schätzchen", hieß sie Aki willkommen, als sie das lebhafte Mädchen hochhob. "Hattest du Spaß?"

Aki nickte eifrig und präsentierte ihr das Buch, das sie hielt. "Guck!"

"Ohh, was hast du denn da?", fragte Asuka übertrieben neugierig.

"Ma'bu'!"

"Ein Malbuch?", fragte sie, äußerste Begeisterung vortäuschen, in ihrer Rolle als unwissende Mutter. "Hast du Papa schon wieder ‚überredet', dir etwas zu besorgen?"

Sie sah grinsen zu ihren Ehemann herüber, der gerade damit beschäftigt war die Einkaufstüten auszupacken. Er wandte schnell seinen Blick ab, scherzhaft schmollend wegen dem versteckten Vorwurf. "Es ist nicht meine Schuld, dass sie unwiderstehlich sein kann, wenn sie will. Das hat sie von dir geerbt."

Dass sie nie jemand war, der so einfach wegen eines Komplimentes rot wurde hieß nicht, dass sie sie nicht zu schätzen wusste. Selbst wenn sie so beiläufig wie gerade eben kamen. Breit lächelnd wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen in ihren Armen zu. "Warum gehen wir nicht raus auf die Terrasse und malen ein paar Seiten an?"

"Jah!", quiekte Aki fröhlich. Aber als ihre Mutter ein paar Schritte auf die Tür zum Garten zumachte wurde sie unruhig. "Wa'te!"

"Wie? Was ist denn?", fragte Asuka, genau wissend was noch fehlte.

"Kei'e Ma'er!"

"Ach stimmt, wir brauchen Malstifte! Das habe ich völlig vergessen! Wir gut, dass du so ein schlaues Mädchen bist!", lobte sie ihre Tochter, und zerzauste ihr das Haar um ein Kichern hervorzubringen. "Weißt du was? Du gehst und suchst dir ein paar Bilder aus die du anmalen willst und ich hole die Wachsmaler nachdem ich kurz mit Papa gesprochen hab, okay?"

"'kay", nickte Aki und lief sofort nach draußen, nachdem sie noch kurz mit der "schweren" Tür zu kämpfen hatte. Aber als das "große Mädchen" das sie war, schaffte sie es sie aufzudrücken. Immer noch mit dem stolzen Lächeln im Gesicht, brachte Asuka sich dazu sich von dem Anblick loszureißen und ging herüber zu Shinji, der immer noch damit beschäftigt war die Einkäufe wegzupacken.

"Also, wie war der Ausflug?"

Shinji seufzte ohne von seiner Aufgabe aufzusehen. "Du weißt wie ich mich fühle, wenn wir sie mit in die Stadt nehmen."

"Also verwöhnst du sie, um dein Gewissen zu beruhigen?"

"Ich verwöhne sie nicht..."

"Genaaauuuuu. Darum bekommt sie auch jedes Mal etwas, wenn du mit ihr unterwegs bist", neckte sie ihn. Aber ihr Grinsen verschwand als sie bemerkte, dass ihr Versuch ihn zu ärgern an ihm abprallten wie ein Windhauch von einem Stein. "Ach komm schon, du warst es doch der gesagt hat, dass sie öfter mal raus sollte. Und bis jetzt ist auch noch nichts Schlimmes passiert."

"Bis jetzt...", wiederholte Shinji leise.

Asuka stöhnte. "Okay, was bedrückt dich wirklich?"

"Hm?"

"Wenn du so abwesend bist, dass du mich nicht mal ansiehst wenn ich mit dir rede, ist das in der Regel ein Zeichen dafür, dass du dir über irgendwas große Sorgen machst."

Doch jetzt sah er auf, mit einem überraschten Blinzeln.

"Was? Sollte eine gute Ehefrau nicht über die Angewohnheiten ihres Mannes bescheid wissen?", fragte sie empört, obwohl es eigentlich eher gut geraten war, da sogar ein Blinder es bemerkt hätte, dass irgendwas nicht stimmte. "Ich wette du würdest diese Faust-Sache auch machen, wenn deine Hände nicht gerade beschäftig wären."

"Das ist etwas was ich nur tue, wenn ich wegen einer Entscheidung nervös werde", gab er flach zurück.

"Eh... also worüber denkst du nach?", wechselte sie schnell das Thema.

"Ich habe darüber nachgedacht, dass...", er machte eine Pause um durchzuatmen. "Vielleicht sollten wir den Zaun verstärken."

"Warum? Er ist doch in gutem Zustand."

"Ich habe noch eins gesehen. Noch frisch."

Jetzt sackten ihre Schultern herab, genau wie seine, als sie seine Worte verstand. Die Atmosphäre wurde plötzlich angespannt. "Hat Aki es gesehen...?"

Er schüttelte schnell seinen Kopf. "Ich glaube nicht. Ich habe ihr mit meinem Körper die Sicht versperrt, als wie vorbeigegangen sind."

Asuka atmete wütend durch und hielt sich selbst, als ein unfreiwilliger Schauer über ihren Rücken lief. "Das währe dann schon das sechste in den letzten paar Wochen: Zwei Hasen, eine Katze, der Baby-Affe, sogar ein Hund und nun..."

"Noch eine Katze", ergänzte Shinji. "Zumindest glaube ich das, von den Überresten ausgehend. Vielleicht ist es wieder dieses Rudel wilder Hunde. Letztes Jahr sind sie nicht lange geblieben, aber..."

"Aber du hast Recht. Wir sollten unsere Verteidigung aufrüsten."

Shinji schüttelte plötzlich seinen Kopf. "Es macht trotzdem keinen Sinn. Die Beute töten, aber unberührt liegen lassen... ist das nicht ein ungewöhnliches Verhalten für ein Tier?"

Asuka grinste schwach. "Warum sollten Menschen die einzigen mit geistigen Krankheiten sein?" Sie nahm einen tiefen Atemzug und versuchte die potentielle Bedrohung aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie wollte nicht über so etwas nachdenken, während sie mit ihrer Tochter spielte.

Und als hätte sie es heraufbeschworen, kam in diesem Moment ein lautes Kreischen von draußen herein.

Der Schock ließ die beiden besorgten Eltern für einen Moment erstarren, bevor sie zur Terrassentür stürmten. Das Malbuch lag offen auf dem Tisch, aber Aki saß nicht auf der Bank davor. Sie war nirgendwo zu sehen.

"Aki?"

Die Panik in Asuka wuchs mit jeder Sekunde, die sie mit den Augen ergebnislos das Gelände nach ihrem Kind absuchte. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie Akis klares Lachen hörte, das merkwürdigerweise von irgendwo über ihnen zu kommen schien.

Dort! Die Äste eines Baumes in der Nähe des Zaunes wackelten, obwohl es nicht windig war! Asuka legte die kurze Entfernung in einer Geschwindigkeit zurück, die sogar ihre besten Leistungen im Training überboten, angetrieben von der Angst um ihre Tochter, die sie Shinji und die Frage wie Aki allein dort hoch gekommen sein könnte, vergessen ließ.

Die Antwort darauf war recht einfach: Sie war nicht allein dort hoch gekommen.

"Mama!", rief das Mädchen fröhlich. "Äff'n!"

Aki lachte ausgelassen, ohne wirklich zu begreifen was mit ihr geschah, als zwei ihrer kreischenden neuen Spielgefährten versuchten sie den Baum hochzutragen. Sie hielten sie an den Oberarmen fest und versuchten so gut es ging zu klettern. Sie mussten einige der Äste, die über den Zaun reichten, benutzt haben um herein zu kommen. Ein dritter Makak schrie sie wütend an, aber sie beachtete ihn gar nicht. Nicht einmal, als er einen Ast abbrach und nach ihr warf. Sie merkte es sogar kaum, als er sie an der Stirn traf.

"AKI!" Sie sprang hoch um nach ihrem Baby zu greifen, aber ihre Finger streiften nur die kleinen Füße. Sie versuchte es sofort noch einmal, doch sie schaffte es wieder nicht und fiel stolpernd zu Boden.

Kalter Stahl schien sich in ihr Herz zu bohren, als sie sich aufrappelte und den Affen dabei zusah, wie sie anschrieen und verspotteten, während sie ihre Flucht fortsetzten – mit ihrer Tochter.

Asuka hat sich in ihrem ganzen Leben noch nicht so hilflos gefühlt.

Es konnte nicht sein. Es konnte einfach nicht sein, dass sie nichts tun konnte.

Aber gerade als sie ihre Chancen abwog, ihnen auf den rutschigen Baum hinterher zu klettern, kam eine Schaufel in ihr Blickfeld.

Shinji hatte die Ablenkung genutzt, die seine Frau verursacht hatte ohne es zu merken, um einen perfekten Schwinger auf einen der Affen zu landen, die Aki hielten, der daraufhin seinen Halt verlor. Akis Gewicht war zu viel für den zweiten und sie rutschte ihm aus den Händen. Asukas Bewegung waren reiner Reflex, als sie vorsprang und ihre immer noch lachende Tochter auffing. Sie drückte sie sofort in einer festen Umarmung an sich und Tränen der Erleichterung brachen aus ihr hervor.

"Aki", schluchzte sie und streichelte ihr braunes Haar. Etwas von dem vor ein paar quälenden Augenblicken noch gefürchtet hatte, nie wieder tun zu können. "Oh Gott, Aki."

Niemals zuvor hatte sie sich so machtlos gefühlt. Niemals zuvor. Nicht einmal, als sie dem Tod ins Gesicht gesehen hatte, hatte sie eine solche Angst verspürt.

Aus dem Augenwinkel konnte sie Shinji sehen, wie er mit der Schaufel um sich schlug, um die Affen davonzujagen. Und irgendwo, in einer Ecke ihres Verstandes, kam ein alter Spitzname für ihn zum Vorschein. Der "unbesiegbare Shinji". Der alles tat, was sie wollte, aber nicht konnte. Der den Ruhm und die Ehre bekam, die ihre hätten sein sollen.

Aber ihr Ego hatte heute nichts zu sagen. Nicht, wenn er ihr Baby gerettet hatte.

Das Lachen des Kleinkindes in den Armen seiner Mutter stoppte, als es endlich bemerkte, dass das alles kein Spiel gewesen war.

"Mama, nich' wein'", sagte Aki traurig. Sie zog sich ein wenig aus der Umarmung zurück und reichte mit ihrer kleinen Hand nach der Wange ihrer Mutter, in dem Versuch die beruhigenden Berührungen zu kopieren, die sie so oft erhalten hatte.

"Ist schon gut. Ist schon gut, Schätzchen", versicherte Asuka ihrem Kind. Ihre Stimme war noch immer so zittrig wie ihr Herzschlag und ihr Atem beruhigte sich nur langsam. Sie sah sich nach ihrem Ehemann um. "Shinji? Lass uns sofort mit dem Zaun anfangen."

Er nickte nur, schon auf dem Weg zum Werkzeugschuppen. "Ich fange damit an diesen Baum zu fällen."

Sie erwiderte das Nicken dankbar.

Niemals zuvor hatte sie sich so machtlos gefühlt. Niemals zuvor hatte sie solche Angst gehabt. Und sie würde alle tun, um sich nie wieder so fühlen zu müssen. Kostete es was es wolle.




********************************




Die Schaufel in den Boden steckend lehnte Asuka sich darauf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Hitze und die Arbeit wären für sich genommen schon schlimm genug gewesen, aber zusammen forderten sie sichtlich ihren Tribut von ihr. Sie brauchte eine Pause, selbst wenn es nur für ein paar Sekunden war.

Natürlich nutzte sie es auch, wie schon so oft, um zur Terrasse herüberzusehen. Es war für sie und Shinji immer normal gewesen Aki zumindest in Sichtweite zu haben, wenn sich keiner von ihnen um sie kümmern konnte. Und auch wenn sie ihrer Tochter nicht das Gefühl geben wollte ständig überwacht zu werden, so hatte der Vorfall mit den Affen einige Monate zuvor sie doch vorsichtiger gemacht.

Umso größer war der Schock, als sie ihre Tochter nicht an der Stelle sehen konnte, an der sie vor einer Minute noch mit ihrem Ball gespielt hatte. Glücklicherweise dauerte ihre Panikattacke nur eine Sekunde lang an, als der kleine Ball im Dreck genau vor ihren Füßen landete.

"Will spielen!" Aki stand vor ihr und schmollte.

"Nein Schätzchen. Ich hab dir doch gesagt, dass ich arbeiten muss. Ich kann jetzt nicht mit dir spielen." Asuka lächelte ein müdes Lächeln. Sie konnte es sehr gut verstehen, dass ihrer kleinen Zweijährigen langweilig war, wenn ihre Mutter arbeitete und ihr Vater zum Fischen war. Bei diesen Gelegenheiten und in Verbindung mit dem Wunsch hin und wieder ein wenig Zeit alleine mit ihrem Mann zu haben, wünschte sie sich, dass sie von Zeit zu Zeit einfach einen Babysitter einstellen könnte.

Aki schnaubte wütend, doch sie sah viel zu niedlich aus, als das es irgendwie hätte bedrohlich wirken können. "Will spielen!", wiederholte sie.

Asukas Schultern sackten zusammen und sie warf einen Blick auf die Furche, die sie gerade in das Beet grub. Wie sehr sie es auch vorziehen würde jetzt mit ihrer Tochter zu spielen, so drängte ihr Gewissen sie doch dazu, nicht auf das Lustprinzip einzugehen. Zeit für einen Kompromiss.

"In Ordnung, ich mache noch diese Reihe fertig, pflanze die Samen und gehe sicher, dass die Vögelchen sie nicht auffressen. Dann kann ich mit dir spielen, okay?" Sie würde die beiden zusätzlichen Reihen vergessen müssen, die sie eigentlich noch geplant hatte, wenn sie heute überhaupt noch etwas schaffen wollte.

"Lange?", frage Aki, besorgt darüber, dass sie noch ewig auf ihre Mutter warten müsse.

Asuka seufzte. "Ich weiß nicht. Wenn ich mich beeile schaffe ich es vielleicht in einer halben Stunde."

Aki blinzelte nur. "Das lange?"

"Das ist nicht lange", versuchte Asuka zu versichern. Aber sie wusste gut genug, dass es für ein Kind in ihrem Alter wohl eine Ewigkeit war. Sich bückend hob sie den Ball auf und gab ihn ihrer Tochter zurück. "Und je schneller ich wieder an die Arbeit gehen kann, desto schneller werde ich fertig."

Das Mädchen schien das zu akzeptieren, als sie einfach nickte und zurück zur Terrasse ging.

Allerdings war Asuka nicht sehr weit gekommen, als Aki wieder kam.

"Nein Aki, eine halbe Stunde ist noch nicht...", sie brach die Mahnung an das ungeduldige Kind, das sie erwartet hatte, ab, als sie sah, dass Aki nicht mehr den Ball in den Händen hielt, sondern eine kleine Plastikschaufel.

"He'fen!"

"Du... du willst mir helfen?", fragte Asuka überrascht.

"He'fen!", bestätigte Aki nickend. "Dann früa spielen!"

Asuka konnte nicht anders als lachen. Es gab keinen Zweifel, dass die Hilfe – wörtlich – nur sehr klein wäre, wenn man die praktisch nicht vorhandene Arbeitskraft des Helfers und das unzureichende Werkzeug bedachte.

Sie wäre ein Narr gewesen, das Angebot abzulehnen.




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Die Matratze knarrte laut, als ein Körper auf sie fiel. Ein weibliches Seufzen triefte vor Müdigkeit.

Es war einer der härteren Tage gewesen. Aki war mal wieder ziemlich "unkooperativ" gewesen, als es Zeit für sie wurde ein Bad zu nehmen. Das Ergebnis des sich ewig wiederholenden Kampfes der Willenskraft war einmal mehr ein sauberes Kind gewesen, aber auch ein überflutetes Badezimmer und zwei ausgelaugte Eltern. Als Asuka ins Bett gefallen war, waren ihre Augen sofort zugefallen und nun wartete sie darauf, dass der Schlaf sie umarmte.

Allerdings war es dann doch jemand anderes der das tat. Anscheinend hatte Shinji eine bessere Idee als schlafen. Und bei der Art und Weise, wie er es tat, würde sie schnell überredet sein. Die Müdigkeit zog sich schon zurück.

"Wa-was tust du?", stöhnte sie halb, als er damit fortfuhr sich ihren Nacken hinauf zu küssen und seine Hände umherstreifen lies.

"Oh, ich dachte das sei ziemlich offensichtlich", flüsterte Shinji verführerisch in ihr Ohr. Es kostete sie alle ihre Konzentration nicht direkt nachzugeben, als sein warmer Atem sie kitzelte.

"Wir... wir können nicht...", murmelte sie. Doch wehe er hätte es wirklich gewagt aufzuhören!

"Doch, wir können", verkündete er, entweder mitspielend oder unwillig so schnell aufzugeben. "Aki schläft tief und fest und die Zeiten in denen sie mitten in der Nacht aufgewacht ist, sind lange vorbei."

Asuka keuchte, als er begann an ihrem Ohrläppchen zu knabbern. Genug damit sich zu zieren. Sie hatten zu wenige Nächte des Verlangens und der Leidenschaft gehabt, seit Aki geboren war und die letzte war viel zu lange her. "Oh, du bringst schon die Erde zum Beben!"

Shinji hörte abrupt auf. "Ich fürchte das bin nicht ich."

Sie sahen beide auf und in der Tat wackelte und klirrte alles, was nicht zu schwer oder ausreichend am Boden oder den Wänden fest gemacht war.

"Oh nein...", stöhnte Asuka und ließ ihren Kopf zurück auf das Kissen fallen.

Erdbeben hatte es in Japan schon immer regelmäßig gegeben und die Impacts waren der Sache nicht eben dienlich gewesen. Aber während sie schon genug davon miterlebt hatten, um solch ein schwaches als ein kleines Ärgernis abzutun, gab es da ein kleines Mädchen, das erst sehr wenige Erdbeben miterlebt hatte. Und noch weniger, bei denen es sich dessen bewusst war.

Es war nur eine Sache von Sekunden, bis die Tür zaghaft aufgedrückt wurde.

"Mama! Papa! Alles wackelt!"

Ein – so hoffte sie zumindest – beruhigendes Lächeln aufsetzend, richtete Asuka sich zu einer sitzenden Position auf, um ihre Tochter anzusehen, die sich vor Angst an den Türrahmen klammerte. "Ja Schätzen. Das ist ein Erdbeben", versuchte sie zu erklären.

"Erdbebin?", fragte Aki scheu.

"Ja", stimmte Shinji mit ein. "Aber dieses ist nicht besonders schlimm. Es wird bald vorbei sein."

Aki sah nicht sehr überzeugt aus, als sie ihren Blick immer wieder von einem ihrer Elternteile zum anderen wechseln ließ und nervös mit den Füßen herumrutschte.

"Kann ich hier sch'afen?", flehte sie schließlich mit großen Augen.

Asuka tauschte ein wissendes Lächeln mit ihrem Mann aus. Sie beide hatten diese Frage von dem Moment an erwartet, in dem das leichte Beben begonnen hatte.

"Sicher", sagte Asuka mit der Spur eines Seufzens und zog die Decke zurück. "Spring rein", fügte sie hinzu und betonte die Einladung mit einem Kopfnicken.

Und schon bevor sie den kurzen Satz beendet hatte, rannte die kleine Zweijährige zu dem Bett und kletterte zwischen die warmen Körper ihrer Eltern, die sich auch wieder hinlegten.

"Gut' Nacht, mein Schatz", flüsterte Asuka, als die drei sich eng zusammenkuschelten.

"Nach', Mama... Papa...", murmelte Aki, fast schon wieder im Reich der Träume. Und kurz darauf hob und senkte sich ihre Brust in einem gleichmäßigen Rhythmus.

Als Asuka von ihr auf und zu Shinji sah, konnte sie ein leises Kichern nicht unterdrücken, als sie ihn einer ähnlichen Lage vorfand.

Das Beben hatte schon lange aufgehört. Genauso wie eine Nacht des Verlangens und der Leidenschaft...


*********


"Sch..."

Das gedämpfte Geräusch war das erste was Asuka hörte, als sie am nächsten Morgen erwachte.

"Hmm?", stöhnte sie, noch nicht ganz wach genug, um Shinjis Anweisung zum Leise-sein zu verstehen. Blinzelnd sah sie, wie er auf die große Wölbung unter der Decke auf seiner Brust zeigte.

"Sie schläft noch...", flüsterte er.

Sich den letzten Schlaf aus den Augen wischend, erkannte Asuka die friedlich schlummernde Form von Aki auf seiner Brust. "Wie lange bist du schon wach...?", flüsterte sie zurück.

"Keine Ahnung... eine halbe, oder vielleicht eine Stunde..."

"Und du bist immer noch..." Sie schnitt sich selbst ab, als sie merkte, dass er irgendwie hilflos aussah. "Was ist los?"

Er zeigte erneut auf ihre Tochter. "Sie schläft noch", wiederholte er mit einem Seufzen, seinen Blick wieder auf die Decke richtend. "Und so sehr ich sie auch liebe, es wird langsam ungemütlich."

Das Mädchen wurde immer schnell launig, wenn sie aufgeweckt wurde und im schlimmsten Fall würde sie für den Rest des Tages kein Wort mit demjenigen sprechen, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war also nicht verwunderlich, dass er das nicht riskieren wollte. Aber es war nicht so, dass er musste, sofern er vorsichtig war, oder? "Warum legst du sie nicht einfach neben dich?"

"Ich hab's versucht", erklärte er und legte seine Hände demonstrativ an Akis Seiten, um sie hochzuheben. Aber die Reaktion kam schnell, in der Form eines schläfrigen und missbilligenden Grummelns und kleinen Händen, die sich sogleich fest an sein Shirt klammerten.

Asuka bedeckte mit beiden Händen ihrem Mund um das Lachen zu unterdrücken, doch das ließ ihren Ehemann nur noch mehr seufzen.

"Ich weiß nicht mal warum sie es so mag so zu schlafen", murmelte er und streichelte dabei sanft Akis Rücken. "So bequem kann meine Brust nicht sein, oder?"

"Nun ja, dein Herzschlag ist sehr beruhigend", sagte Asuka, immer noch grinsend, als sie ein wenig näher kam. "Das weiß ich aus Erfahrung..."

Er stöhnte leise, seine Wangen nahmen einen leichten Rotton an. Er versuchte jedoch nicht den unausweichlichen Kuss abzuwenden.

"Keine Sorge, ich kümmere mich um das Frühstück", flüsterte sie, bevor sie aus dem Bett schlüpfte und demonstrativ ihre Glieder streckte. "Aber ich glaube vorher nehme ich noch eine laaaange, erfrischende Dusche."

Ihr Lachen übertönte sein Grummeln, als sie aus dem Zimmer eilte.




********************************




["...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute..."]

Neugierig durch die unbekannten Worte, spähte Shinji um die Ecke in das Zimmer. Im selben Moment schloss Asuka das Buch, verträumt auf ihre Tochter starrend, die scheinbar schon eine ganze Weile vor dem Ende der Geschichte eingeschlafen war. Dieses Bild wäre vermutlich noch recht lange so geblieben, wenn Shinji nicht ausversehen über den Teppich geschlurft wäre, sodass Asuka ihn bemerkte und aus ihrer Trance erwachte.

"Oh, hey", flüsterte sie und stand vorsichtig auf, darauf achtend, dass der Stuhl nicht knarrte.

"Hey", grüßte er sie genauso leise zurück. Er kam ihr auf halbem Wege entgegen, für eine lose Umarmung und einen flüchtigen Kuss. "Hat sie dir viele Probleme bereitet? Ich habe euch beide von Garten aus gehört."

"Ach, sie wollte ihre Zähne nicht putzen, aber das hat sich schnell erledigt, als ich gedroht hab' ihr keine Gutenachtgeschichte vorzulesen."

"Du kannst ziemlich gemein sein, weißt du das?"

"Ja", gab sie zu, sein durchtriebenes Grinsen erwidernd. "Aber es funktioniert, solange sie nicht bemerkt, dass ich das niemals freiwillig aufgeben würde."

"Was hast du ihr überhaupt vorgelesen?", wollte Shinji seine Neugier endlich befriedigen. "Es hat sich Deutsch angehört."

"Naja, das könnte daran liegen, dass es Deutsch war", sagte Asuka sachlich, auf das Buch zeigend. "Es ist ein deutsches Märchenbuch."

"Und die Geschichte war...?"

"[Dornröschen]", antwortete sie, fuhr aber schnell fort, als sie einen unverständigen Blick sah, "'Dornröschen'. Das ist ihre Lieblingsgeschichte", murmelte sie und kuschelte sich dabei an Shinjis Brust, welcher ihrem Blick zu Aki folgte.

"Kein Wunder. Sie ist selbst eine schlafende Schönheit." Und zu seiner Frau herabsehend, die so aussah, als würde sie gleich einschlafen und nur ein zustimmendes Summen als Antwort gab, bekam er den Eindruck, dass über kurz oder lang nicht die einzige bleiben würde. Doch das war trotzdem noch nicht, was er eigentlich wissen wollte. "Aber warum liest du ihr auf Deutsch vor? Sie kann es nicht wirklich verstehen, oder?"

Er konnte fühlen, wie Asuka ihn anhauchte. "Sie hat sich nicht wirklich beschwert. Es ist ein Teil meiner Herkunft – und damit auch ein Teil der ihren. Ist es nicht verständlich, dass ich ihr etwas davon beibringen möchte?"

"Ja, aber... ist es dafür nicht ein wenig früh? Ich weiß, dass sie klug ist, aber sie spricht ja kaum vernünftig Japanisch."

"Ich dachte es wäre besser für Kinder, wenn sie eine neue Sprache möglichst früh lernen?" Ihr Kopf flog plötzlich hoch, ihr Augen beinahe panisch. "I-ich zwinge sie zu gar nichts. Ich lese ihr nur vor. Ich setzte sie nicht zu sehr unter Druck, oder? Ich will... ich will wirklich nicht..."

"Schh", beruhigte er sie eilig und drückte sie fester an sich. Er hätte sich wirklich selbst dafür schlagen können, so etwas anzudeuten, nachdem Asuka ihm erzählt hätte, wie sie selbst unter dem Druck gelitten hatte, so schnell und so viel wie möglich zu lernen, als sie klein war. "Nein, tust du nicht. Und ich glaube du hast Recht. Andere zweisprachige Kinder fangen wahrscheinlich sogar schon früher an zu lernen. Vielleicht sollten wir auch ein wenig mehr Deutsch miteinander sprechen, das sie aufschnappen kann."

"Wir?", fragte sie mit einer Mischung aus Unglaube und Belustigung, was genau ihrem Gesichtsausdruck entsprach, als sie den Blick wieder hob. "Seit wann sprichst du denn Deutsch?"

Shinji fragte nicht zweimal ob er mitspielen sollte und schmollte leicht. "Ich weiß ein paar deutsche Worte."

Asuka, inzwischen breit grinsend, zog sich langsam näher an sein Gesicht heran, mit ihren Armen um seinen Hals. "Ach ja? Und die wären...?"

"Nun ja, ich kenne ‚[Baumkuchen]'", begann er und musste fast sofort wieder aufhören, da sie beide darum Kämpften ihr Lachen zu unterdrücken, als sie sich ihren ersten Engelskampf zusammen erinnerten. "Ich kenne ‚[Guten Morgen]' und ‚[Gute Nacht]', ich weiß, dass ‚[Schatz]' oder ‚[Schätzchen]' sowas wie ‚Süße' oder ‚Liebling' heißt, weil du Aki immer so nennst, ich kenne...", seine Augen wanderten kurz zu der schlafenden Gestalt im Bett, "... eine Menge Schimpfwörter, die ich mit ihr im Zimmer besser nicht wiederhole...", ein weiteres leises Lachen wurde unterdrückt, verschwand aber sofort, als das Paar sich gegenseitig in die Augen sah. "Und ich weiß noch eins..."

"Ach ja?", fragte sie erwartungsvoll.

"Ja", antwortete er, ihren Atem schon auf seinen Lippen spürend. "[Ich leibe Sie.]"

Der kommende Kuss... wurde auf der Stelle abgebrochen, als Asuka es nicht schaffte ihr Lachen zurückzuhalten.

"Was?", fragte Shinji perplex.

"Ni-nichts", schüttelte sie, nach Luft schnappend, mit dem Kopf. Es war nicht sehr überzeugend. "Du hast einen... niedlichen Akzent..."

"Das war völlig falsch, oder?", brummte Shinji missmutig.

"Nur ein bisschen", sagte Asuka entschuldigend und fing sich endlich wieder.

Ihre Stirn gegen seine lehnend, brachte sie ihre Lippen in die Position, in denen sie vorher waren. "[Ich liebe dich]", hauchte sie und küsste ihn endlich sanft.

"Ich glaube ich habe noch viel zu lernen, wenn ich mit euch beiden mithalten will", murmelte er, während ihre Lippen sich weiterhin liebkosten.

"Du kannst mich jederzeit fragen..."

"Wie wär's mit jetzt...?"

"Okay", flüsterte sie heiser, einen schnellen Blick auf das schlafende Kind werfend. "Aber nicht hier..."




********************************




"[..af de See,
shimmen af de See,
Köpfen in das Wassa,
Schwänzen in die Höh!]"

Asuka lächelte zu sich selbst, als sie Aki Beobachtete, wie sie aufgeregt in ihrem Kindersitz auf der Rückbank saß und neugierig die Eindrücke der neuen Umgebung um sie herum aufnahm, während sie sang.

Sie hatte nie wirklich bemerkt, wie sehr ihr die Arbeit der letzten vier Jahre an die Substanz gegangen waren, aber als Shinji die Idee mit dem Urlaub gehabt hatte, selbst wenn es nur ein paar Tage sein sollten, war es für sie wie eine Einladung in den Himmel. Für die Tiere war gesorgt, sie hatten genug Futter und Wasser, um für eine Weile alleine auszukommen und für den Fall, dass Mutter Natur ihnen einen Strich durch die Rechnung machen wollte, war es nur eine Stunde Fahrt nach Hause.

"Wir sind fast da", erinnerte Shinji sie. "Du solltest mit dem Entspannen vielleicht warten bis du in einer heißen Quelle sitzt."

Asuka stöhnte gespielt, aber zum Glück hatte er Recht. Es dauerte nur noch zwei Minuten, bis das Auto vor dem Hotel anhielt, in dem sie die nächsten beiden Tage verbringen würden. Der aufgeregte Rotschopf konnte es kaum abwarten. Das Gepäck wurde schnellstens in das nächstbeste Zimmer verfrachtet, das groß genug für die drei war.

Nur zehn Minuten später, nachdem sie eilig ihre Kleidung abgelegt hatte, entfuhr Asuka ein tiefes Stöhnen, als ihr Körper langsam in das heiße Wasser der im Freien liegenden Quelle. All die kleinen und großen Krämpfe und Knoten in ihren Muskeln schienen sich auf der Stelle aufzulösen. Ein plätscherndes Geräusch ließ sie ihre vorher geschlossenen Augen wieder öffnen um zu sehen, dass Shinji ihr gefolgt war. Er hatte ein wenig länger gebraucht, da er noch Aki beim Ausziehen hatte helfen müssen.

Das Mädchen war seinen Eltern jedoch noch nicht gefolgt und beäugte angespannt den dampfenden Teich.

Asuka streckte ihr Arme nach ihr aus. "Komm rein, das Wasser ist herrlich."

Aki sah hin und her, zwischen ihren Eltern und dem Wärme abstrahlenden Wasser. Schließlich entschied sie sich ihrer Mutter zu vertrauen und schritt zögernd voran.

Sie kreischte sofort, als ihr Fuß die Oberfläche berührte und sprang ein paar Schritte zurück.

"Heiß!", jammerte sie.

Asuka nickte verständnisvoll. "Schätzchen, das soll so sein. So schlimm ist es doch gar nicht."

Aber Aki schüttelte wild ihren Kopf, sie drohte jeden Moment in Tränen auszubrechen. "Heeeiiiiß!"

"Vielleicht ist es wirklich ein bisschen zu viel für sie", diagnostizierte Shinji, als er sich zu seiner Frau herüber lehnte. "Kinder sind immerhin viel empfindlicher."

Asuka sah, mit wachsender Schwermut immer noch ihre zögernde Tochter an. Sie wollte die erfrischenden Quellen wirklich genießen, sich für das Wochenende zurücklehnen und entspannen. Aber es wäre wohl kaum ein Familienausflug, wenn Aki nicht mitmachen und nur von der Seite aus zusehen würde.

Schweigend kletterte Asuka aus dem Wasser und ging zu ihrem Kind herüber. "Ist schon okay", sagte sie zu Aki und nahm sie hoch um sie zu beruhigen. "Du musst nicht hineingehen, wenn du nicht willst."

"Bist du böse mit mir?", murmelte Aki entschuldigend, als sie in Richtung Hotel getragen wurde.

Asuka seufzte, durch ihr braunes Haar streichend. "Nein, ich bin nicht böse mit dir", erklärte sie ehrlich. Aber während sie nicht böse mit ihrer Tochter sein konnte, war es schwer die Enttäuschung zu verbergen. "Es ist nur, dass ich mich auf den Ausflug so gefreut hatte."

"Also bist du traurig?"

Asuka biss sich auf die Zunge, bevor ihr ein ‚ja' entgleiten konnte, was ihre Tochter nur dazu gebracht hätte sich noch schuldiger zu fühlen. "I-Ich bin sicher, dass wir was anderes finden, was wir alle..." Sie verstummte als Aki gegen sie drückte und damit signalisierte, dass sie heruntergelassen werden wollte. Asuka gab nach, bevor ihre strampelnde Tochter ihr aus den Armen rutschen und fallen konnte.

Sobald Akis Füße den Boden berührten, rannte sie zurück zu der Quelle, an ihrem ähnlich verdutzten Vater vorbei, der ihnen gefolgt war. Sie starrte das Wasser für einen Augenblick zögerlich an, bevor sie vorsichtig ihren rechten Fuß hineinsteckte. Sie zuckte merkbar, als sie es berührte und Asuka wollte ihr schon sagen, dass sie das nicht tun müsse, aber mutig ging sie weiter hinein.

"Nich' so schlimm auf dieser Seite!", verkündete sie, als sie sich auf einen Stein im Wasser setzte. Offensichtlich log sie, da sie schwer atmend versuchte mit kalter Luft von innen die Hitze außerhalb auszugleichen.

Mit einem dankbaren Lächeln kehrte auch Asuka in das heiße Bad zurück und kniete sich vor ihre Tochter. "Geht es dir auch wirklich gut?"

Aki zögerte, nickte aber, anscheinend selbst ein wenig überrascht, als ihr Körper sich langsam an die Temperatur gewöhnte.

"Danke", flüsterte Asuka und küsste sie auf die Stirn. "Weißt du was? Dafür bringe ich dir ein neues Spiel bei." Sie schielte zu ihrem Ehemann herüber, der gerade auch wieder ins Wasser kam. "Es heißt ‚tauch den Papa unter'."

Shinji schluckte.




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"Aki! Zeit zum..." Shinji verstummte, völlig verblüfft, als er das Zimmer seiner Tochter betrat.

Es war allerdings nicht die Unordnung, die ihn überrascht hatte. Aki war in der Hinsicht immer nach ihrer Mutter gekommen. Es war also nichts Neues, dass überall Bauklötze, Plüschtiere, Malbücher und Wachsmaler herumlagen.

Nicht mal dass sein Kind, welches er eigentlich (vorsichtig) wecken wollte, seinen Schlaf anscheinend schon längst beendet hatte, machte ihm Angst.

Nein, der Anblick war viel schrecklicher.

"Hab' mich selbst angezogen!", verkündete das mehr als wache Mädchen, auf ihrem Bett stehend und ihr Outfit präsentierend.

"Ja... das... sehe ich...", murmelte Shinji mit einem nervösen Lächeln. Als der erste Schock langsam abklang, dachte er angestrengt darüber nach, wie er seine Tochter erklären konnte, dass die Kombination aus einem viel zu großen gelben T-Shirt (das Loch für den Kopf war so groß, dass es kaum auf ihren Schultern blieb) und eine gleichfalls schlabbrige braune Hose nicht gerade passend waren, ohne ihre Gefühle zu verletzen. "Das hast du... äh... sehr gut... gemacht. Aber meinst nicht, dass etwas anderes dir besser passen würde?"

Doch Aki roch jedoch den Braten und klammerte sich mit beiden Händen an ihr Shirt, wild den Kopf schüttelnd. "Nein", sagte sie trotzig.

Aber Shinji wollte nicht so einfach aufgeben. Zum Schrank herübergehend, öffnete er die Tür und versuchte etwas Passenderes zu finden.

"Hier, wie wäre es mit dem diesem kleinen blauen Rock?", fragte er halb flehend, halb verlangend, während er besagtes Kleidungsstück hervorholte. "Das zusammen mit dem Top, auf dem die süßem Häschen sind, hm? Das hast du doch schon immer gemocht."

"Nein!", rief Aki schmollend. "Hab' mich selbst angezogen!"

"Und das ist großartig, aber...", versuchte er erneut zu argumentieren, wurde aber unterbrochen, als Asuka hereinkam, um nachzusehen was das Geschrei sollte.

"Ist was nicht in Ordnung?"

"Mama!" Akis Gesicht hellte sich bei dem Anblick ihrer Mutter wieder auf und sie streckte ihre Arme aus. "Schau, hab' ich alles selbst gemacht!"

"Aaahhhh!", rief Asuka, eilte zu ihrem Kind herüber und nahm sie in den Arm. Shinji brummte nur leise vor sich hin als Asuka sie hochhob. "Mein großes Mädchen hat sich das erste Mal alleine angezogen!"

"Asuka...", jammerte Shinji, bekam aber nur ein barsches Zischen als Antwort, das jedoch leise genug war, damit das stolze, kichernde Mädchen in ihrem Armen es nicht hörte.

"Das verdient ein Spezial-Omelette à la Soryu als Frühstück. Große kleine Mädchen brauchen extra Essen", kündigte sie stattdessen an und ließ eine strahlende Aki auf den Boden hinab. Sie tätschelte ihr leicht den Rücken, als sie wieder aufstand. "Wir sollten uns beeilen, sonst holte es sich noch jemand anderer."

Eifrig nickend, lief Aki an ihnen vorbei und stürmte zur Küche davon.

"Asuka...", versuchte Shinji es erneut, seufzend.

"Ein gebratenes Ei wird sie nicht umbringen", gab sie zurück, bevor er fragen konnte. Sie sah ihn immer noch nicht an, sondern starrte in die Richtung, in die ihre Tochter gerade verschwunden war.

"Du weißt, dass ich das nicht meine. Wir sollten auf derselben Seite sein und nicht die Autorität des anderen untergraben."

Leise brummend bücke Asuka sich, um die dreckige Kleidung vom Vortag aufzuheben, die quer über den Boden verteilt lag. "Ich weiß. Aber sie tut das um uns zu beeindrucken", erklärte sie. Sie stand auf und drehte sich endlich zu ihm um, um ihm die gebrauchte Kleidung in die Hand zu drücken und ihm die noch sauber gefaltete abzunehmen, um sie zurückzupacken. "Es sind nicht mehr viele ‚erste Male' übrig, die noch kommen können. Also sollten wir stolz sein, auf all die kleinen Dinge, für die sie gelobt werden will."

"Es ist nicht so, dass ich nicht stolz darauf bin, dass sie unabhängiger wird", gab er zu, jedoch war er sich nicht wirklich sicher, ob dieser Umstand nicht einen gewissen Anflug von Traurigkeit mit sich brachte. "Aber es ist nicht genug, nur zu wissen wie man es macht. Sie sollte auch wissen, wie man es richtig macht."

"Ach komm schon", stöhnte Asuka, den Kleiderschrank schließend. "Ist es nicht egal wie sie aussieht? Es gibt niemanden, der mit seinem anklagenden Finger auf uns ‚schlechte Eltern' zeigen könnte. Selbst wenn sie es vorziehen würde in Lumpen herumzulaufen."

"Aber diese weite Kleidung ist viel zu gefährlich für sie!", protestierte er. "Sie könnte sie verheddern, stolpern und viel zu leicht fallen!"

"Ohh, armer Shinji", spottete Asuka, seine Wange "tröstend" streichelnd. "Wenn sie stolpert erinnert sie sich vielleicht an die Bedenken ihres schlauen Papas und sucht sich das nächste Mal etwas Passenderes aus." Sie küsste die andere Seite seines Gesichts und machte sich auf den Weg zur Tür. "Jetzt steck das Zeug in die Waschmaschine und komm Frühstücken." Sie zwinkerte. "Du willst doch nicht, dass jemand anderes es aufisst, oder?"




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"Ich bin zu Hause!"

Normalerweise hätte Shinji gelacht, nachdem er Akis lebhaften Ausruf hörte. Aus irgendeinem Grund fand sie Spaß daran ihre Anwesenheit kund zu tun, wann immer sich die Gelegenheit bot. Das bedeutete nicht nur wenn sie von einem Ausflug zurückkam, sondern auch wenn sie nur aus dem Garten herein kam. Er hatte sie sogar einmal rufen hören, als sie nur in ihr Zimmer gegangen war.

Aber so niedlich das auch war, heute ließ es ihn fluchen. Es war viel zu früh!

Panisch nach einem Ausweg suchend, schnappte er sich schnellstens den Stapel Papier und stopfte ihn in die nächstbeste Küchenschublade, bevor er loslief, um seine beiden Frauen abzufangen. Und natürlich sprang sie ihm direkt in die Arme, sobald er um die Ecke kam.

"Hey, willkommen zu Hause", begrüßte er sie mit einer kurzen Umarmung. "Wie war es auf dem Spielplatz?"

"Nass", antwortete Asuka für ihre Tochter. "Falls du es noch nicht bemerkt hast, es regnet draußen."

"Oh?" Er blinzelte und blickte aus dem Fenster, um zu sehen, dass es tatsächlich in Strömen regnete und Akis Shirt fühlte sich auch ziemlich feucht an. "Und ihr seid ein wenig – weißt du – zu früh."

Asuka stöhnte, ein paar Tropfen entkamen ihrem kurzen Haar, als ihren Kopf ungläubig schüttelte. "Du bist immer noch nicht fertig? Das sollte eigentlich nicht mehr als ein paar Minuten dauern!"

"Leichter gesagt als getan", flüsterte er zurück. "Ich konnte mich nicht entscheiden."

"Willst du mich auf den Arm nehmen? Alles worauf du achten musst, ist nicht irgendwo zu viel Platz zu lassen und möglichst nicht die neusten..."

"Was ist das?!", schnitt ein Ruf aus der Küche sie ab und ließ die beiden zusammenzucken.

Asuka gab ihm einen "Jetzt hast du es geschafft"-Blick, bevor sie zu Aki gingen, in der Hoffnung, dass sie es nicht bemerkt hatte. Sie war jedoch bereits an genau der Schublade, in der er sein "Verbrechen" versteckt hatte. Anscheinend ein wenig zu schnell, denn ein Teil des Stapels guckte heraus.

Shinji wollte ihr sagen, dass sie es ignorieren sollte, war aber, gestoppt von einem Ellenbogen des verärgerten Rotschopfes neben ihm, nicht in der Lage seine Tochter davon abzuhalten die Blätter heraus zu ziehen.

"Meine Bilder!", rief sie aus, sichtlich verwirrt.

Ein Anblick, den Shinji neben nur einem anderen am meisten hasste. Und er war sich sicher, gleich den gefürchteten verletzten Ausdruck zu sehen, falls ihm nicht innerhalb der nächsten Sekunden eine gute Geschichte einfiel.

Die Hoffnung auf Hilfe von seiner Frau wurde bereits zerschmettert, bevor er sie überhaupt ausdrücken konnte. "Ich gehe und hole Handtücher und frische Kleidung", kündigte sie an und ließ ihn auch schon alleine, um die Suppe alleine auszulöffeln, die er sich eingebrockt hatte.

Aki sah ihn noch immer an, mit weiten, erwartungsvollen Augen und, ihre "Meisterwerke" fest an ihre Brust gepresst.

Er seufzte.

"Komm her, Aki", forderte er sie auf, sich auf einen Stuhl setzend und half ihr auf seinen Schoß. Sobald sie es bequem und er seine Arme um sie gelegt hatte, fuhr er fort. "Schau dich um, was siehst du?"

Aki blickte eine Weile herum, ihre Augen überall hingehend. "Die Küche", antwortete sie letztendlich aufrichtig und er konnte nicht anders als lächeln.

"Ja, aber was ist an den Wänden, dem Kühlschrank und den Regalen?"

Diese Mal kam die Antwort ein wenig schneller. "Meine Bilder?"

"Ja, deine Bilder", Shinji seufzte erneut und ließ seine Augen ebenfalls über die kruden Zeichnungen wandern, von denen die meisten ihre kleine Familie, oder andere wichtige Motive ihres kurzen Lebens darstellten. Wirklich, er würde keines von ihnen als ein Stück Kunst bezeichnen, das es wert wäre ausgestellt zu werden.

Aber es war seine Tochter, die sie gemalt und voller Stolz und Freude präsentiert hatte. Wie hätte er sie nicht aufhängen können? Asuka beschwerte sich oft, dass er zu schnell nachgab, dass deswegen die Zimmer so voll mit Bildern waren, dass sie fast schon Tapeten hätten sein können. Natürlich "vergaß" sie in solchen Fällen meistens, dass viele von ihnen von ihr selbst dort hingehängt worden waren.

Gleichwohl, es waren schon lange zu viele geworden. Letztendlich mussten sie die Grenze ziehen. Aber keiner von ihnen wollte der "Böse" sein, der Aki erzählte, dass sie ihre Bilder nicht mehr wollten. So hatten sie entschieden, um hin und wieder heimlich Platz für neue Werke zu schaffen, hier und dort alte Bilder abzunehmen. Nicht zu viele, nicht zu aktuelle, dass es die Aufmerksamkeit des kleinen Mädchens erregen würde. Es hatte für eine Weile recht gut funktioniert.

Bis jetzt.

Sein rechter Arm schloss sich fester um den kleinen Körper seiner Tochter, seine linke Hand fuhr durch das noch feuchte schulterlange Haar. Wie sollte er ihr das beibringen, ohne sie zu verletzen?

"Weißt... weißt du, du bist so produktiv, dass wir keinen Platz mehr für deine Bilder haben. Also... also müssen wir ein paar von ihnen abnehmen."

"Mögt ihr sie nicht mehr?"

Shinji zuckte bei diesem Tonfall. "Nein! Nein, das ist es nicht. Aber wir könnten sonst keine neuen deiner... wunderschönen Zeichnungen aufhängen. Verstehst du das?"

Aki kratzte sich am Kopf. "Ich glaube schon...", murmelte sie. "Aber was macht ihr mit den alten?"

Shinji biss sich auf die Zunge. Er konnte schlecht sagen "Wir werfen sie auf den Müll", oder?

"W-wie wäre es mit einem großen Karton für sie?", bot er an. "'Akis großer Bilderkarton'? Wäre das eine Idee?"

Ein breites Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Kindes aus, als es nickte.

"Warum gehen wir dann nicht nach oben und suchen nach einem?", fuhr er eifrig und mehr als erleichtert, fort.

Aber bevor Aki antworten konnte, fiel ihr plötzlich ein flauschiges Handtuch auf den Kopf und ließ sie aufkreischen.

"Nicht so schnell!", hielt Asuka sie auf, Shinji ein Grinsen zeigend, als sie begann das durchnässte Haar des Mädchens trocken zu rubbeln. "Du willst dich doch nicht erkälten, oder?"

"Neeiiiin!", protestierte Aki kichernd, bevor ihre Mutter aufhörte sie abzutrocknen.

"Dann sollten wir dich erstmal aus diesen nassen Sachen befreien", erklärte Asuka und hob sie aus Shinjis Schoß, um sie auf die Füße zu setzen.

Aki trocknete ihre Haare weiter, als sie von ihrer Mutter aus der Küche geführt wurde. Aber kurz bevor sie den Raum verließen, riss sie sich noch einmal aus Asukas Hand los und drehte sich zu Shinji um. "Und Papa", sagte sie, ihr Handtuch ein wenig aus ihrem strahlenden Gesicht nehmend, "Mach dir keine Sorgen. Da du sie so sehr magst, werde ich mein Bestes geben, viele neue Bilder zu malen, für die, die weg müssen!"



****************



"Und ich kann mir wirklich aussuchen, was immer ich möchte?", fragte Aki zum tausendsten Mal, während sie ihren Vater energiegeladen durch die Stadt führte.

"Nun, das ist es wohl, was ich dir versprochen habe, oder?", antwortete Shinji seufzend. Er bereute es bereits, diese Worte gewählt zu haben um sein Gewissen zu beruhigen. Sie hatte die Sache mit den Bildern viel besser aufgenommen, als erwartet. Aber er fühlte sich noch immer schuldig, sie die ganze Zeit über belogen zu haben. Und es konnte als ein verfrühtes Geschenk für ihren dritten Geburtstag durchgehen, der kurz bevor stand. Dennoch... er hätte ein wenig genauer sein sollen, was die Auswahl anging.

"Solange es etwas vernünftiges ist", versuchte er sie zu erinnern.

Das breite Grinsen, das seine Tochter ihm zeigte, war jedoch alles andere als beruhigend. Sie hatte offensichtlich etwas Spezielles im Kopf, aber er wagte es nicht einmal darüber nachzudenken, was sie sich aussuchen würde. Und erst recht nicht, wie er es später Asuka beibringen sollte. Umso größer war sein erleichtertes Seufzen, als er bemerkte, dass sie, nachdem er eine ganze Weile durch die Ruinen gezerrt wurde, vor dem Spielzeuggeschäft standen, das sie schon in der Vergangenheit hin und wieder gemeinsam besucht hatten.

Aki war schon dabei durch das zersplitterte Schaufenster zu klettern, als er sie auf den Arm nahm.

"Sei vorsichtig!", warnte er sein viel zu hastiges Kind und hob sie hoch. "Du schneidest dich noch an dem Glas, wenn du nicht aufpasst!", erklärte der übervorsichtige Vater, während er ihr über die scharfen vorstehenden Reste der Scheibe half und sie in einem Bereich ohne Scherben absetzte.

Shinji lächelte stolz, als er die großen Augen seiner Tochter sah, die nach dem Objekt ihrer Begierde suchten. Sogar noch breiter, als sie anfingen zu glitzern, als sie es gefunden hatte. Aber das warme Gefühl kühlte sich auf der Stelle ab, als er sah, nach was Aki dort griff.

"Ich möchte das hier!", verkündete sie fröhlich und wiegte es in ihren Armen.

"Von allen Dingen... das...?"


*********


"Ich bin zu Hause!"

Asukas Lächeln, auf die Stimme ihrer Tochter wurde zu einem vollen Lachen, als Shinji hinzufügte: "Ich auch."

Umso mehr überraschte es sie, sein missmutiges Gesicht zu sehen, als sie kam um sie zu begrüßen. Aki strahlte jedoch heller als je zuvor und sogar noch mehr, als sie ihre Mutter sah.

Und dann war es, als ob alles gefror.

Asukas Augen weiteten sich in Angst. Eine Angst, von der sie glaubte, dass sie lange vergessen war, als sie sah was ihre Tochter ihr so fröhlich entgegen hielt.

"Schau, Mama!"

Eine Puppe.

"Sie sieht aus wie du, Mama!"

Eine kleine Stoffpuppe, mit struwweligem rotem Haar.

"Jetzt kann Mama immer bei mir sein!"

"NEIN!"

In blinder Wut riss sie das Spielzeug aus den kleinen Händen und warf es mit all ihrer Kraft davon. Es flog gegen die Wand und brachte so die bereits lose Naht am Hals zum Reißen.

Für einen Moment war es vollkommen still, bis auf ihr eigenes Keuchen.

Zumindest bis ein leises Wimmern sie wieder in die Realität holte. Ihr Herz wurde von einem schrecklichen Gefühl der Schuld ergriffen, als sie herumfuhr und Akis ungläubigen und verletzten Blick sah.

"Wa... Ma...?" Ihr Schluchzen schnitt sogar ihre Worte ab. Mit immer feuchter werdenden Augen sah sie sich das kaputte Ding an, das noch vor wenigen Minuten der Grund für ihre Freude gewesen war. Dann sah sie zurück zu ihrer Mutter. Es war nicht schwer zu erraten, was sie fragen wollte. Ihre Augen sagten mehr als genug.

Warum hatte sie das getan? Wie konnte sie, ihre Mutter, ihre Gefühle so verletzen?

Doch Asuka hatte keine Antwort. Und Akis leises Wimmern wuchs an zu einem herzzerreißenden Weinen.

"Aki."

Aber als Asuka zögerlich einen Schritt auf sie zu ging, um nach ihrer Tochter zu reichen, zuckte das kleine Mädchen vor ihr zurück.

"Aki, ich..."

Doch Aki drehte sich um und rannte weinend in ihr Zimmer.

Asuka wollte sie aufhalten, um etwas zu sagen, dass es ihr leid tat, dass sie sie nicht hatte verletzen wollen, aber als sie den Mund öffnete, versagte ihr Stimme.

'Was habe ich getan...?' Sie kämpfte ihre eigenen Tränen nieder. Wie hatte sie nur ihre eigene Tochter so verängstigen können...?

"Es tut mir leid...", murmelte Shinji, der die ganze Zeit über leise gewesen war, als er die Überreste der Puppe aufsammelte. "Ich habe versucht sie zu überreden sich etwas anderes auszusuchen. Ich wusste, dass du vielleicht... empfindlich darauf reagieren würdest. Aber sie – sie wollte es so sehr. Sie sah so glücklich aus, ich konnte einfach nicht..."

Plötzlich verfiel er wieder ins Schweigen, als Asuka den Kopf schüttelte und zögerlich nach dem Körper der Puppe in seiner einen und dem Kopf in seiner anderen Hand griff.

"Ich bin die, die sich zu entschuldigen hat", murmelte sie, vorsichtig die getrennten Teile an sich nehmend. "Es wird langsam Zeit, dass ich meine Dämonen beerdige. Erst recht wenn sie anfangen auch meine Tochter zu verletzen..."


*********


Asuka nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie sanft an die Tür von Akis Zimmer klopfte. Nicht wirklich mit einer Antwort rechnend, öffnete sie langsam die Tür und ging hinein.

Der Schmerz der Schuld ergriff erneut ihr Herz, als sie sah, dass die kleine Gestalte ihrer Tochter durch ihre Anwesenheit zuckte. Sie lag zusammengerollt auf ihrem Bett, mit dem Gesicht zur Wand.

"Aki?", rief sie leise nach ihr, aber die einzige Antwort des verletzten Kindes war, sich noch mehr zusammen zu kauern.

Asuka seufzte traurig. Sie wusste, dass sie sie in diesem Zustand nicht erreichen würde. Leise ging sie zu dem Bett herüber und setzte sich auf dessen Seite. Akis einzige Reaktion war ein leises Wimmern, zwischen dem lautlosen Schluchzen.

"Aki, es... es tut mir leid, was draußen passiert ist. Es war nicht deine Schuld, ich hatte einfach... ich weiß nicht... Angst, für einen Augenblick. Es war nur ein Reflex auf eine schlimmen Erinnerung. Aber es ist jetzt vorbei, ich verspreche es."

Sie warf einen flüchtigen Blick zu ihrer Tochter herüber, um nach irgendeinem Anzeichen für eine Antwort auf ihre Entschuldigung zu sehen, aber entweder verstand Aki nicht so ganz, oder sie war die Tochter ihrer Mutter: Zu dickköpfig, um einfach so nachzugeben. Und vielleicht verdiente Asuka es auch gar nicht, dass ihr so leicht vergeben wurde.

Aber darum hatte sie mit zwei Stichen in ihre Finger bezahlt, während sie genäht hatte. "Ich kann es verstehen, wenn du nicht mehr mit mir reden möchtest weil ich deine Gefühle so verletzt habe. Aber... hier ist jemand mit dem du vielleicht reden möchtest."

Als sie die Puppe genau vor ihren Augen platzierte, war Akis Angespanntheit auf einmal wie weggeblasen. Zögerlich griff das Mädchen nach dem kleinen Rotschopf und nahm ihn dann sogleich in die Arme. Sie setzte sich auf, ihr Mund war offen, als sie endlich ihre Mutter wieder ansah, jeder Groll bereits vergessen.

"Aber... Kopf...?", fragte sie, zwischen ihrem Schniefen.

"Ich habe ihn wieder heil gemacht", erzählte Asuka lächelnd, das Haar ihrer Tochter streichelnd.
Akis zitternde Lippen waren die einzige Warnung die sie bekam, bevor der kleine Körper in ihren prallte. Asuka wickelte ihre Arme um ihr Kind, nahm sie fest in den Arm und weinte.

"Schhh", beruhigte sie sie. "Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich dir Angst eingejagt habe. Du hast nichts Falsches getan. Du brauchst nicht weinen..."

Immer noch schluchzend, trocknete Aki ihre Tränen mit einem Arm. "In Ordnung. Ich werde nicht mehr weinen."

Ein eiskalter Schauer lief über Asukas Rücken, als sie diese Worte hörte. Sie wusste, dass Aki sie nicht so gemeint hatte, aber mit dem Geist der Vergangenheit, der noch immer in ihrem Kopf herum spukte, hatte es sich zu sehr nach einem fatalen Entschluss angehört, den sie einst gefasst hatte.

"Nein", flehte sie, das Gesicht von Aki in die Hände nehmend, um ihren Blick zu halten. "Weine, wenn du traurig bist. Lache, wenn du glücklich bist. Halte niemals deine Gefühle zurück, oder du wirst eines Tages nicht mehr wissen, welche echt sind. Versprochen?"

Das Kind sah verwirrt aus, nickte aber trotzdem. "Versprochen."

Asuka atmete erleichtert auf und nahm Aki auf den Schoß, welche wiederum die Puppe in den Armen hielt.

"Also... wie ist ihr Name?"

"Name?", wunderte Aki sich.

"Waaas? Du hast dir noch keinen Namen ausgedacht?", fragte Asuka in übertriebener Weise. "Ich bin sicher, dass sie ohne einen traurig sein wird. Wir müssen uns überlegen, wie wir sie nennen könnten."

Aki kratzte sich am Kopf. "Aber ich weiß nicht..."

Ein Lächeln breitete sich auf Asukas Lippen aus, als sie einen Einfall hatte. Was wäre ein besseres Mittel gegen Dämonen, als sich ihnen mutig entgegen zu stellen, ohne eine Spur der Angst?

Ihre Finger streiften durch die roten Strähnen des Kopfes der Puppe, während sie ihren Kopf auf Akis Schulter legte. "Wie wäre es mit Kyoko?", flüsterte sie leise.

"Ky-Kiko?"

"Nein, nein, Ky-o-ko", versuchte Asuka zu erklären, aber Akis Aufmerksamkeit war anscheinend längst irgendwo anders und weit fort davon, auf Vorschläge zu hören.

"Kiko!", rief sie fröhlich, die Puppe umarmend. Ihr breites Lächeln machte es offensichtlich, dass sie sich nicht mehr um entscheiden würde.

Asuka lachte auf die herzerwärmende Szene hin und zerzauste das Haar ihrer Tochter. "Okay", sagte sie, lehnte sich herunter und küsste Akis Hinterkopf. "Dann eben Kiko."

Es fühlte sich großartig an, die Vergangenheit endlich loszulassen. Aber es war gar nichts dagegen sie glücklich zu sehen.




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"Neeiiiin!"

"Doooooch", erwiderte Shinji auf den Protest des Kindes in seinen Armen. Egal, was sie sagte, sie war offensichtlich müde und hatte die Schlafenszeit bereits um eine Stunde hinausgezögert. "Oder willst du deine Zähne lieber nochmal putzen?"

"Neeeeeiiiiiiiin!", kreischte Aki noch lauter, ihren Kopf so wild schüttelnd, wie sie es noch konnte.

"Nun, dann ist es entschieden", sagte er, als er sie auf ihr Bett setzte. Sie wehrte sich nicht, als er ihr anfing, ihr ihr Shirt über den Kopf zu ziehen. Wortlos ließ sie sich von ihrem Vater in ihren Schlafanzug stecken.

"Aki, bist du schon wieder ohne deine Sandalen nach draußen gegangen?", fragte er, als er ihre Füße sah, während sie zu ihrem Kissen hochkrabbelte.

Sie nickte einfach, als sie sich umdrehte. Sie griff nach ihrer Puppe und legte sie neben sich.

"Keine Sandalen, keine Schuhe, keine Socken", murmelte Shinji, den Kopf schüttelnd. "Tut es nicht weh, so rumzulaufen, wenn du auf die ganzen spitzen Steine draußen trittst?"

"Mh-mh", verneinte Aki.

"Ja, das kann ich mir vorstellen. Schau dir nur mal die Hornhaut an, die du schon hast. Du bist dort nicht mal mehr kitzelig." Ein bösartiges Grinsen huschte über seine Lippen. "Aber ich wette, du bist es immer noch unter deinen Achseln!"

Aki konnte nicht viel mehr tun, als vor Lachen aufzuschreien, als ihr Vater auf sie sprang, seine Finger unter ihren Armen trommelnd. Der Angriff dauerte jedoch nur einige Sekunden und als sie sich langsam beruhigte, ebbte ihr Gekicher zu einem breiten Lächeln ab.

"Gute Nacht", sagte er zu seiner Tochter, einen Kuss auf ihrer Stirn platzierend, bevor er sie zudeckte. "Schlaf schön."

"Kiko auch!", murmelte Aki sofort unter ihrer Decke heraus.

Shinji lachte, bevor er sich herunterbeugte und der Puppe einen flüchtigen Kuss gab. "Gute Nacht Kiko", sagte er spielerisch. Als er wieder zu seiner Tochter sah, hatte die ihre Augen bereits geschlossen. Der Anblick erwärmte sein Herz und er genoss ihn noch für einige Sekunden, bevor er das Licht dimmte.

"Papa?", stoppte ihn Akis leiser Ruf. "Erzähl mir eine Geschichte."

'Ich hätte es wissen müssen.' Er lächelte in sich hinein, als er zu dem kleinen Sessel neben ihrem Bett zurückkehrte.

"Irgendwelche besonderen Wünsche?", fragte er, einen kurzen Blick auf den Tisch neben sich werfend, auf dem ihre ganzen Lieblingsbücher verstreut lagen. Die einzige Antwort war ein leichtes Schütteln mit dem Kopf.

"Nun denn...", begann er leise. "Es war einmal ein einsamer Prinz, der zu ängstlich war, um anderen nahe zu kommen, eine mysteriöse Prinzessin, von engelhaftem Blut und eine feurige Prinzessin, aus einem weit entfernten Land. Zusammen kämpften sie gegen viele Monster, mithilfe ihrer riesigen magischen Rüstungen, die mit den Geistern ihrer Mütter gesegnet waren. Die Rüstung des Prinzen war lila und einen großes Horn ragte aus ihrem Kopf. Die der mysteriösen Prinzessin war blau und hatte nur ein Auge. Die vieräugige der ausländischen Prinzessin war so rot, wie ihr flammendes Haar.

Der Prinz mochte es nie zu kämpfen, aber die Prinzessinnen und seine anderen neugefundenen Freunde brauchten seine Hilfe. Also tat er es um ihretwillen, weil sie der Grund waren, aus dem er sich nicht mehr so einsam fühlte, seit er sie kennengelernt hatte. Aber er betrog sich nur selbst. Er war noch immer zu ängstlich, um ihnen näher zu kommen. Er sagte sich selbst, dass er sein Glück bereits erreicht hatte, indem er dafür akzeptiert wurde gegen ihre Feinde zu kämpfen.

Aber als die beiden Prinzessinnen im Kampf verletzt wurden, realisierte er, dass er wieder alleine war. Ein Fremder kam zu ihm, während dieser Zeit und wieder wählte der Prinz den einfachen Weg. Aber es stellte sich heraus, dass der nette Fremde vom Feind geschickt worden war. Der Prinz hatte keine Wahl, als gegen ihn zu kämpfen, doch der Fremde bot keinen Widerstand. Er wollte erschlagen werden, weil er nicht wollte, dass der Prinz sein Leben verliert. Zu solch einer grausamen Entscheidung gezwungen, hatte der Prinz jedes Vertrauen in sich und andere Leute verloren.

Neun weiße Bestien griffen an, während er in diesem Zustand war. Die ausländische Prinzessin, die sich gerade erst erholt hatte, stellte sich ihnen mutig entgegen und schien zu gewinnen. Aber diese verdorbenen Bestien konnten nicht erschlagen werden und sie griffen wieder und wieder an. Der Prinz wusste davon, doch er war noch immer verloren, in seinem eigenen Selbstmitleid. Er sagte sich selbst, dass er ihr sowieso nicht helfen konnte, dass er sie sowieso am Ende verlieren würde.

Es war seine Rüstung, die die Entscheidung für ihn traf und ihn aus eigener Kraft bewegte um zu kämpfen. Der Prinz schrie, als er das Schlachtfeld erreichte: Die Prinzessin war anscheinend im Kampf gegen die Bestien gefallen. Er sah nur noch, wie sie ihre rote Rüstung verschlangen. Der Verlust verletzte sein Herz, denn er hatte sich in die ausländische Prinzessin verliebt und Schuld vernebelte seinen Verstand, weil er nicht früher an ihre Seite geeilt war.

Die mysteriöse Prinzessin hörte die Qual des Prinzen und entschied sich, ihm die Macht ihre Engelsvorfahren zu gewähren. Mit ihr rief er nach jeder Seele auf Erden und sie halfen ihm zu verstehen, dass er alles haben konnte, was er wollte, wenn er nur an sich selbst glaubte. Auf Wunsch des Prinzen, nutzte die mysteriöse Prinzessin ihre verbleibende Macht, um den Planeten von Freunden wie Feinden zu reinigen. Doch dadurch verbannte sie sich selbst. Der Prinz fürchtete, dass er von nun an der einzige sein würde, der von nun an über die Erde wandeln würde. Doch dann sah er die ausländische Prinzessin, die er liebte. Sie war wiedererweckt worden und zusammen..."

"Papa?", unterbrach Aki ihn leise.

"Ja?"

"Du solltest nicht immer Mama und dich in deine Geschichten einbauen..."

Er lächelte, sanft mit Hand über ihren Kopf streichelnd. "Du hast es gemerkt?"

"Hmm...", war das letzte, was sie bestätigend von sich geben konnte.

Shinji blieb für mehrere Minuten neben seiner schlafenden Tochter sitzen. Das stolze Lächeln verließ niemals seine Lippen, als er ihr langsam durchs Haar streichelte. Seine Wärme mit ihr teilend, um ihr zu zeigen dass, selbst, wenn es nur unterbewusst war, ihr Vater dort war, um sie vor allen schlechten Träumen zu beschützen.

Der Prinz hatte es nie gemocht zu kämpfen. Aber er würde alles in seiner Macht stehende tun, damit das Kind von ihm und der ausländischen Prinzessin glücklich weiterleben konnte, bis an das Ende seiner Tage.




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"PAPA!!"

Aufgeschreckt wechselte Shinjis Aufmerksamkeit von dem Haufen Wäsche, den er gerade sortierte, zu dem weinenden Mädchen, das zu ihm in das Badezimmer gerannt kam. Sofort nahm er sie in den Arm.

"Hey, hey, schhh", versuchte er sie zu beruhigen, "Was ist los?"

"Mama... Mama war gemein zu mir...", schluchzte Aki und klammerte sich noch fester an ihren Vater. Es dämmerte ihm, was das Geschrei vor einer Weile bedeutet hatte. Sie hatte irgendwas getan, das Asuka verärgert hatte und nun versuchte sie ihn auf ihre Seite, gegen seine Frau, zu ziehen. Und er hasste es wirklich zwischen den beiden Frauen zu stehen, die ihn beide dazu bringen konnten, alles zu tun was sie wollten.

"Oh... naja, ich weiß, dass Mama manchmal wirklich sauer werden kann...", er versuchte so gut wie möglich zu argumentieren, um Aki zu zufrieden zu stimmen, aber bevor er weiter ausführen konnte, spürte er einen schmerzhaften Schlag gegen seinen Hinterkopf. "Aber ich bin sicher sie hat einen guten Grund...", fuhr er aus Furcht vor dem Rotschopf hinter sich schnell fort.

"Da kannst du Gift drauf nehmen!", rief Asukas wütende Stimme hinter ihm, bevor sie sich an Aki wandte. "Und ich dachte ich hätte mich klar ausgedrückt, kleines Fräulein! Hab ich dir nicht gesagt, du sollst auf den Zimmer gehen?"

"Aber...", versuchte Aki, wurde aber sofort unterbrochen.

"Kein aber!", schrie Asuka, ihr Finger deutete in Richtung ihres Zimmers. "Auf der Stelle."

Akis Gesicht war eine Mischung aus Schmerz und Wut, die Stirn gerunzelt, die Lippen bebend. Aber sie rannte letztendlich aus dem Raum, gefolgt von dem Geräusch einer knallenden Tür.

Shinji wusste, dass sie nur wütend war. Nur eine Bestrafung fürchtend, wenn überhaupt. Nicht wie bei dem Vorfall am Tag, an dem sie Kiko bekommen hatte. Aber dennoch, sie so zu sehen verletzte ihn auch. "War das nicht ein bisschen hart?"

"Wenn sie nicht auf uns hören will, wenn wir versuchen ihr Dinge ruhig zu erklären, müssen wir auch mal unsere Stimme erheben!", grummelte sie.

Shinji schluckte schwer. Er wusste, dass sie nicht ganz Unrecht hatte, aber er bezweifelte, dass er so aggressiv zu seinem kleinen Mädchen sein konnte.

Hinter sie tretend, legte er vorsichtig seine Hände auf ihre Schultern, irgendwie fürchtend, dass sie durch die Berührung ausrasten würde. "Warum... warum beruhigst du dich nicht erstmal? War es wirklich so schlimm, was sie getan hat?"

Er hatte mehr Erfolg, als erwartet hätte, als sie plötzlich niedergeschlagen und müde klang, im Gegensatz zu ihrer vorherigen Wut. "Ich war auf dem Dach, nach den Solarplatten sehen. Ich konnte sie von da oben im Garten spielen sehen und sie weiß, dass sie mir nicht folgen soll, also dachte ich es sei in Ordnung. Aber dann war sie plötzlich da oben, neben der Regenrinne balancierend und sogar mit Kiko im Arm. Sie wollte wohl nur sehen, was ich gerade tue, aber...", sie schüttelte sich leicht unter seinem Griff. "Was, wenn sie sich zu weit vorgelehnt hätte? Sie hätte sich einen Arm, oder ein Bein brechen können, oder schlimmeres, wenn sie heruntergefallen wäre. Letzte Woche hat sie den Teppich verbrannt, als sie die Lampe heruntergezogen hat und nun das!"

"Nun, sie lotet vielleicht gerade ihre Grenzen aus", vermutete Shinji.

"Ja und genau deshalb müssen wir jetzt eine Grenze ziehen. Sonst wird sie weiter und weiter gehen! Sie muss endlich verstehen, dass einige Dinge einfach zu gefährlich sind, um sie zu tun."

Shinji seufzte, auf seine Lippe beißend, als er zu seiner Ehefrau aufsah. Er wusste, dass sie recht hatte, aber...

"Und hör auf mit diesem flehenden Blick! Ich werde nicht der einzige 'Bösewicht' sein! Du wirst sie auch ausschimpfen, wenn es notwendig ist!"

Wieder einmal seufzte Shinji. "Ja, Schatz..."




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Wenn es eins gab, über das sich Shinji Ikari nicht beschweren konnte, dann war es ein Mangel an Überraschungen in seinem Leben. Es war nicht immer so etwas weltbewegendes, wie dazu überredet zu werden einen riesigen "Roboter" zu steuern, um gegen ein Monster zu kämpfen, das einen zuvor fast zerquetscht hätte. Oder zu erfahren, dass man Vater wird. Oder auch wie ein viel zu menschenähnlicher Pinguin, der sich in dem Moment trocken schüttelt, in dem man ins Bad kommt. Aber das machte ihn nicht immun gegen die kleineren.

Genau wie an diesem einen Morgen als er, schlaftrunken und gähnend, in die Küche kam und diese nur von ein paar Kerzen beleuchtet vorfand. Er hätte ein Problem mit dem Strom erwartet – wenn die Kerzen nicht auf einem schön verzierten Kuchen gesteckt hätten, der auf dem Küchentisch stand und mit seinen anscheinend schon viel wacheren Frauen auf ihn wartete.

"ÜBERRASCHUNG!", begrüßten sie ihn laut, seine Müdigkeit auf der Stelle verjagend. Aber seine Verwirrung verschwand nicht so einfach.

"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa!", rief Aki, als sie auf ihn zu rannte, ihre Arme weit ausstreckend, um ihrem verdutzten aber mitmachendem Vater eine riesige Umarmung zu geben, die sie nur wiederwillig löste, um ihrer Mutter den Platz zu überlassen.

"Herzlichen Glückwunsch, Liebling."

"Aber wir wissen nicht einmal, wann mein Geburtstag ist", fragte Shinji indirekt und leise, als seine Frau ihm einen Kuss auf die Wange gab.

"Sie hatte mich an ihrem gefragt und ich habe einfach gesagt, dass du drei und ich nochmal zwei Monate später habe", flüsterte Asuka zurück. "Ich habe nicht wirklich erwartet, dass sie sich daran erinnert, aber vor drei Tagen hat sie mich gefragt was wir dir schenken wollen."

"Ein Geschenk auch noch?", fragte er, lauter dieses mal.

Laut genug damit Aki ihn hörte. "Oh, ich hole es!"

"Nein, warte! Das ist zu schwer für dich!", rief Asuka dem Mädchen hinterher, das bereits den Raum verlassen hatte.

Shinji nutzte die Gelegenheit sich in einen Stuhl fallen zu lassen. "Zu schwer?", wunderte er sich.

Nur kurze Zeit später kehrten die beiden Verschwörerinnen zurück. Ein großes, sperriges Objekt tragend (oder eher Asuka tragend und Aki eine Hand daran haltend), das mehr oder weniger unter mehreren Schichten Geschenkpapier verborgen war. Shinji lächelte ob des niedlichen Anblicks, aber auch weil er sich bereits anhand der Form Geschenkes denken konnte, was darin war. Erst recht durch den herausguckenden Hals.

"Wow. Was könnte das nur sein?", gab er trotzdem Unwissenheit vor, als er das Geschenk überreicht bekam.

"Das ist ein Schello!", verriet Aki aufgeregt, bevor er überhaupt angefangen hatte es auszupacken. Sofort versteckte sie ihr verlegenes Lachen, nun da sie es verraten hatte, obwohl sie es eigentlich nicht sollte.

"Wirklich?", spielte er mit, die letzten Rest des Papiers abreißend und das Instrument und den beiliegenden Bogen enthüllend. "Ohh, es ist wirklich eins!"

"Gefällt es dir? Mama hat gesagt, es würde dir gefallen!"

"Ja, es ist wunderbar", erklärte Shinji und zog seine Tochter in eine einarmige Umarmung, vorsichtig auf das Cello in seiner andern Hand achtend. "Vielen Dank", fügte er hinzu und sah dabei auch seine zufrieden lächelnde Frau an.

"Worauf wartest du noch?", fragte Asuka, nachdem er Aki losgelassen hatte. "Willst du unser großzügiges Geschenk nicht ausprobieren?"

Shinji starrte erst sie an, dann das Instrument. "Äh... ich bin vermutlich ein wenig eingerostet", murmelte er entschuldigend, mit der einen Hand am Bogen fummelnd und mit der andere das Cello positionierend. "Und ich muss es wahrscheinlich erst noch stimmen..."

"Och, komm schon!"

"Okay, okay, mal sehen, ob ich noch ein Stück kann", gab er nach. Ihr Eifer in dieser Sache verwunderte ihn irgendwie. Immerhin hatte er zuvor nie wirklich die Chance gehabt, für sie zu spielen. Über die Jahre hatte er fast vergessen, dass er überhaupt einmal gespielt hatte.

Umso größer war seine eigene Überraschung, als er den Bogen an die Saiten legte und die Musik begann herauszufließen, als hätte er nie aufgehört. Es war schwer zu glauben, dass er etwas wirklich vermisst hatte, was er nur getan hatte, weil ihm niemand gesagt hatte, dass er aufhören soll.

Asuka erwischte Aki knapp bevor ihre Finger den Kuchen, nach dem sie griff, zermatschten und zog das leicht überraschte Mädchen auf ihren Schoß, als sie sich selbst hinsetzte. Sie schloss ihre Augen und nahm ihre Tochter fest in den Arm, während sie der Musik lauschte. So wie sie lächelte, schien sie in der Musik zu zergehen und sich forttragen lassen, wohin auch immer ihre Phantasie sie führte.

Ein paar Minuten nach Beginn des Stückes hörte er sie zu Aki flüstern. "Weißt du, der Tag, an dem ich deinen Vater zum ersten Mal das Cello spielen hörte, war auch der Tag an dem wir uns zum ersten Mal geküsst haben."

Shinji konnte sich kaum zurückhalten mit seinen beiden Frauen zu kichern, aber so sehr er sich auch auf die Noten konzentrierte, ein breites Grinsen verriet, dass sich die Erinnerung an diesen Kuss sich auch ihren Weg in seine Gedanken gebahnt hatte.

Endlich endete das Stück und Shinji verbeugte sich leicht vor seiner Frau, die übertrieben laut applaudierte, um dem Jungen Kind zu signalisieren das ebenfalls zu tun. Aber Aki stimmte nicht mit ein.

"Das ist alles so traurig", murmelte sie enttäuscht. "Warum spielst du kein fröhliches Lied?"

Shinji hob eine Augenbraue. "Ein fröhliches Lied?"

"Ja, du weißt schon, ein Lied das..." Das Mädchen sah auf den Boden und grübelte für einen Moment bevor sie ausdrucksvoll die Arme in die Luft warf. "Fröhlicher ist."

"Ahhh... ein 'fröhliches' Lied..." Shinji versuchte zu klingen, als würde er verstehen, aber er konnte nur vermuten, was sie meinte. Sie war vielleicht klug für ihr Alter, aber manchmal wünschte er sich, dass ihr Wortschatz ein wenig eindeutiger werden würde.

"Ich sag dir was", fuhr er, sich zu ihr herunter lehnend, fort. "Ich werde üben bis ich so gut bin, wie ich einmal war und dann werde ich das fröhlichste Stück spielen das es jemals gab. Und das – nur – für dich." Mit dem letzten Wort stupste er ihr leicht mit dem Bogen auf die Nase und löste damit ein Kichern bei seiner Tochter aus.

... Die ihn weiterhin mit großen und erwartungsvollen Augen ansah. "Jetzt?"

Shinji verschluckte sein Wimmern mit einem schwachen Lächeln. "N-nicht jetzt gleich, okay? Gib mir ein wenig Zeit..."

"Dann zum Mittag?"

Dieses Mal versteckte er sein Seufzen nicht einmal. "W-wir werden sehen..."

Er war sich nicht sicher, ob sich Aki mit dieser Antwort zufrieden geben würde. Doch Asuka griff dennoch ein und ließ ihre Tochter wieder auf den Boden. "Hast nicht ein besonderes Geburtstagsbild für Papa gemalt?"

"Oh richtig! Ich hole es!", rief Aki aus und war bereits auf den Weg in ihr Zimmer.

Shinji atmete erleichtert auf, bevor er einen flehenden Blick auf seine Ehefrau richtete. "Bitte sag mir, dass du ein 'fröhliches' Lied kennst, das ich hiermit spielen kann."

"Ich?", lachte Asuka und tätschelte seine Schulter. "Oh, nein, nein, nein. Die Suppe hast du dir selbst eingebrockt. Sie zu, wie du sie wieder auslöffelst."




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Der Tag war so sonnig, wie Akis Gesicht. Sie konnte sich nicht erinnern wie lange es her war, dass sie ihr letztes Picknick hatten, aber für sie war es wie eine Ewigkeit.

"Aki, nicht so schnell!"

Aber wie eine typische Dreijährige machte das Mädchen keine Anstalten auf die gut gemeinte Bitte seiner Mutter zu hören, von dessen Hand sie sich gerade losgerissen hatte. Jetzt, da das glitzernde Blau des Sees bereits in Sicht war, war die Versuchung einfach zu groß den Rest des Weges zu rennen, um so schnell wie möglich dort anzukommen. Natürlich hatte sie, im Vergleich zu ihren Eltern, den Vorteil, dass sie nur Kiko zu tragen hatte und keine Angelausrüstung, eine Kühlbox und zwei Tüten mit den restlichen Sachen, die sie für den Tag voll Schwimmen und Picknicken brauchten.

Aber wie typische, viel zu vorschnelle, Dreijährige bemerkte Aki, dass sie doch lieber auf ihre Mutter hätte hören sollen, als sie über eine Wurzel stolperte und flach ins Gras fiel. Der Schmerz war nicht schlimm genug um den vorherigen Enthusiasmus in ein lautes Heulen zu verwandeln, aber der Schock hatte ihr das Lächeln aus dem Gesicht gewischt. Und bevor sie überhaupt wieder auf den Beinen war, umschloss sie bereits die Wärme einer mütterlichen Umarmung.

"Oh, Aki, ist alles in Ordnung?", tröstete die beruhigende Stimme der Frau sie, als sie vorsichtig herumgedreht wurde. Aki nickte langsam, während Mamas besorgte Augen ihren kleinen Körper gründlich nach blauen Flecken absuchten, jedoch nur ein wenig Dreck auf ihren Knien fand, der schnell weggewischt wurde. Ein Kuss auf die Stirn des Kindes vollendete die kurze Untersuchung.

"Siehst du? Daum habe ich dir gesagt, du sollst nicht so schnell laufen", erklärte ihre Mama, glücklicherweise nicht zu tadelnd klingend.

Aki nickte erneut und ergriff die Hand ihrer Mutter als sie aufstand, zaghaft für den Rest des Weges neben ihren Eltern herlaufend. Aber egal wie erschreckend der Vorfall gewesen war, er verschwand schnell in einer Ecke ihres Verstandes, als sie den See erreicht hatten. Sofort rannte sie zum Ufer und fing an zu lachen, als das Wasser, das ihre nackten Füße umspülte, spritzte als sie hindurch lief.

"Geh noch nicht hinein", kam die unnötige Erinnerung von hinter ihr, wo ihre Eltern die große Decke ausbreiteten. Sie liebte den See, aber selbst, wenn sie es nicht zugeben würde, so hatte sie doch angst allein hinein zu gehen, ohne das Mama oder Papa auf sie aufpassten.

"Geh zu ihr", hörte sie Papa sagen. "Es sieht aus, als könne sie es kaum noch abwarten. Ich mach den Rest hier."

Sie drehte sich erwartungsvoll herum, um ihre Mutter mit zwei bekannten Objekten näher kommen zu sehen. Ihr breites Grinsen spiegelte Akis eigenes.

"Also, ist mein kleiner Goldfisch so eifrig darauf, wieder schwimmen zu gehen?", fragte sie, als sie sich zu ihrer Tochter herunter hockte, die mit einem wilden Nicken antwortete. Die Frau musste daraufhin lachen. "Ich verstehe nicht warum du nicht annähernd so begeistert bist, wenn du zu Hause ein Bad nehmen sollst. Naja, dann lass uns dich mal fertig machen, hm?"

Schnell half ihre Mama ihr aus ihren Kleidern, bevor sie die Schwimmflügel über ihre schmalen Arme streifte. Aki mochte sie nicht besonders, aber ihre Eltern bestanden auf sie und sie hatte schon lange gelernt, dass es sinnlos war in dieser Sache zu streiten. Sobald ihre Mutter sie entließ, watete sie langsam in den See, bis ihre Füße komplett vom Wasser bedeckt waren, bevor das unangenehme Gefühl wieder kam und sie sich nach ihrer Mama umdrehte, um darauf zu warteten, dass sie sich fertig auszog und ihr folgte.

Kiko musste vom Ufer aus zusehen, während sie tiefer ins Wasser gingen und Aki fühlte die Feuchtigkeit schnell zu ihrer Brust aufsteigen. Es gab ihr noch immer ein Gefühl der Gefahr, aber durch das Gewissen, dass ihre Mutter hinter ihr war, bereit ihr jeder Zeit zu helfen, machte sie sich keine Sorgen. Selbst als ihre Füße nicht mehr den Boden erreichten.

Sie wollte noch ein wenig weiter gehen, beweisen, dass sie mutig genug war um tiefer hinein zu gehen als je zuvor. Aber natürlich bemerkte Mama es sofort.

"Nein Aki, das ist weit genug!", ermahnte sie sie.

Aki wollte protestieren, versuchen die Erlaubnis zu bekommen, heute wagemutiger sein zu dürfen, aber sie bekam nicht einmal die Chance dazu. Ihr Mutter packte sie und wirbelte sie im Wasser herum, um sie anzusehen und Aki konnte nicht anders als lachen, als ihr eigener Körper die Wasseroberfläche durchschnitt und eine riesige Welle erzeugte.

Ihre Mama war zu groß um ganz unterzutauchen, aber sie bückte sich, sodass Aki direkt in ihr lächelndes Gesicht gucken konnte. Doch ihr Gesichtsausdruck wurde zu einem des Schocks, als das kichernde Mädchen sie mit Wasser vollspritzte.

"Oh, du kleine...!", drohte Mama scherzhaft, ihre Haare klatschnass.

Sofort brach eine Wasserschlacht aus, Kreischen und Lachen hallten über den See, bis beide über und unter der Wasseroberfläche beinahe gleich nass waren. Letztendlich ließ der Spaß jedoch nach und Aki wurde ein bisschen müde. Also wurde ein Waffenstillstand erklärt (fürs erste).

Sich umsehend, entdeckte sie eine entfernte Gestalt, die auf einem Stein saß, mit einer Angelrute in der Hand.

"PAPA!", schrie sie, wild mit den Armen Winkend. Er antwortete mit einem mehr zurückhaltenden.

"Warum ist er so weit weg?", fragte sie ihre Mutter.

"Naja, wenn wir zu nahe bei ihm wären würden wir die Fischchen verjagen und Papa könnte keine fangen."

"Fischchen?"

"Ja, natürlich", erklärte Mama ihr. "Hast du sie hier nie herumschwimmen sehen?"

Aki schüttelte ihren Kopf.

"Dann bist du wohl einfach ein bisschen zu laut, hm?", lachte Mama. "Wenn wir leise sind können wir vielleicht zu Papa herübergehen und die Fischchen beobachten?"

Ihre Neugier geweckt, nickte Aki eifrig, durch beide Hände vor dem Mund versprechend, dass sie still sein würde. Ohne irgendwelche unnötigen Geräusche zu machen glitten sie aus dem See. Und nachdem Mama ihr die Schwimmflügel abgenommen hatte, umrundeten sie ihn, um zu ihrem Vater zu gelangen.

"Hallo, Pa...!", fing sie an, sah aber sofort, wie ihre Eltern ihre Finger vor die Lippen legten und sie stimmte in das "Schhh" mit ein, bevor sie leise "...pa" flüsterte.

"Aki wollte die Fischchen sehen", erklärte ihre Mutter mit leiser Stimme und Aki nickte.

"Oh?", wunderte sich ihr Vater. "Willst du mir vielleicht auch helfen? Von hier aus kann man viele von ihnen sehen."

Akis Augen öffneten sich weit, genauso wie ihr Mund. Das Angebot mit ihrem Papa zu "arbeiten" war immerhin noch interessanter. Er nahm seine linke Hand von der Rute, bedeutete ihr näher zu kommen und half ihr auf seinen Schoß, als sie näher kam.

"Hier", flüsterte er, ihre Hände mit seinen zu der Angelrute führend. "Jetzt werden wir ein paar Fischchen fangen."

"Sieh, Aki", sagte ihre Mutter, als sie sie anstupste, auf eine graue Masse deutend, die sich flink unter der glitzernden Wasseroberfläche bewegte. "Da ist einer."

"Oh, und da ist noch einer", bemerkte ihr Vater. Der, auf den er zeigte, war größer und langsamer und beobachtete die Unterwasserwelt mit seinen glasigen Augen.

Ein Stück entfernt war ein Platschen, eine Schwanzflosse war noch immer in der Luft, als Aki hinsah. "DA IST NOCH EINER!", rief sie aufgeregt und verdeckte sofort wieder ihren Mund und gab ihren Eltern ein entschuldigendes Lachen, als sie ihren Fehler bemerkte. Doch keiner der beiden machte einen Versuch sie auszuschimpfen.

Es war sowieso vergessen, als plötzlich etwas fest am Ende der Angelschnur zog.

"Oh, wir haben einen!", erklärte ihr Vater. "Schnell, wir müssen ziehen!"

Sie griff die Angel und zog mit all ihrer Kraft, sich so weit wie sie konnte zurücklehnend, während ihr Vater ihr "half" den Fisch herauszuziehen. Ihre Mutter kicherte wegen irgendwas, aber Aki war zu beschäftigt um darüber nachzudenken, was es sein könnt. Keuchend und mit zugekniffenen Augen, kämpfte sie gegen ihren mächtigen Gegner.

"Juhu! Du hast ihn!", applaudierte ihr Mutter endlich und Aki öffnete ihre Augen um den Fisch zu sehen, der wild am anderen Ende der Angel zappelte. Ihr Papa zog ihn bereits heran. Er nahm ihn vom Haken und warf ihn in den roten Eimer an seiner Seite.

Strahlend vor Stolz, klettere Aki von ihrem Vater um ihren Fang (und vielleicht ein bisschen der ihres Vaters) zu begutachten. Das Fischchen zappelte noch immer aufgebracht in dem flachen Wasser im Eimer herum.

"Was machen wir jetzt mit ihm?" Sie drehte sich zu ihren Eltern um, dessen Lächeln ein wenig nachließ.

"Naja", begann ihr Vater zu erklären. "Ähm... du... du weißt, was wir normalerweise mit Fischen machen, die ich mit nach Hause bringe...?"

Die, die er mit nach Hause brachte...? Er würde sie in die Küche bringen und...

Sie brauchte ein paar Sekunden, um es zu realisieren, aber dann verzerrte sich ihr Gesicht im Schock. Ihr Fischchen sollte zum Mittagessen werden?

"NEIN!", schrie sie und stellte sich schützend vor ihren Fang.

"Aki...", versuchte ihre Mutter, aber sie würde es nicht zulassen.

"NEEEIIIN!", kreischte sie, mit den Füßen aufstampfend, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Sie würde ihnen ihr Fischen nicht zum Essen überlassen. Mit beiden Armen den Eimer greifend, der halb so groß war wie sie, warf sie ihn einfach auf die Seite.

Der Fisch sprang zweimal über den Boden, bevor er die Sicherheit und Freiheit des Sees erreichte.

Aki drehte sich wieder zu ihren Eltern um, ihr Lächeln stolz und trotzig.

"Irgendwie fürchte ich, dass wir von jetzt einen Weg finden müssen, ihr heimlich Fisch unterzujubeln", konnte sie ihren Papa zu ihrer Mama flüstern hören.




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Asuka lief nervös im Wohnzimmer auf und ab, darauf wartend, dass Shinji von Aki zurückkehrte. Was für Nerven der Idiot hatte, ihr zu sagen, sie solle gehen! Er sollte professionell genug sein, sich nicht von ihren Vorschlägen ablenken zu lassen. Was machte es schon, dass sie keine große Hilfe war?

Immerhin war ihr Baby krank!

Sicher, es war nicht so, dass Aki noch nie krank gewesen war, aber es war normalerweise nicht mehr als eine Erkältung. Ein hohes Fieber wie dieses war auf einer völlig anderen Stufe.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit aus besorgter Unsicherheit, bis Shinji endlich aus dem Zimmer kam.

"Und?", fragte sie sofort, als er näher kam.

"Ich denke, dass sie die Masern hat", legte er seine Diagnose dar.

"Masern?", wiederholte Asuka entsetzt, ihre Augen vor Angst geweitet.

"Ja, sie hat schon ein paar rote Pusteln", begann Shinji und hob sofort seine Hände, als er ihre Sorge bemerkte. "Aber keine Sorge. Wir haben noch einige Medikamente, die wirken sollten und ich habe ihr bereits ein Fieber stillendes..."

"Nein, nein, du verstehst nicht!", unterbrach sie seine Versuche sie zu beruhigen. "Ich... ich hatte nie die Masern!"

Er starrte sie in offensichtlichem Schock an, seine Augen noch immer weit und auf sie fixiert, als er sich auf den Sessel in seiner Nähe fallen ließ. Asuka begann sich Sorgen zu machen, als er sich nach einigen Sekunden noch immer nicht bewegt hatte. Seine Reaktion war kaum überraschend, diese Neuigkeiten hätten kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen können, selbst wenn es unwahrscheinlich war, dass sie auf einem anderen Weg herausgekommen wären.

"Aber...", gab er endlich ein Lebenszeichen von sich, seine Stimme eine Spur von Hoffnung tragend, "du wurdest doch sicher geimpft?"

"Keine Ahnung", murmelte Asuka und schüttelte den Kopf, "Ich meine, es ist wahrscheinlich so. Aber niemand hat mir sowas gesagt und ich habe mir nie die Mühe gemacht solche Dinge nachzuprüfen."

Er verfiel erneut in Schweigen, die Gedanken und Ängste, die durch seinen Kopf tobten waren beinahe sichtbar für sie. Wenn sie, als eine Erwachsene, eine Kinderkrankheit bekommen würde, könnte es schnell viel schlimmer werden und mit Komplikationen verbunden sein. Für sie könnte es sogar leicht...

"Okay..." Er atmete tief durch, sah so aus, als würde er noch immer nachdenken, obwohl er denn Satz begonnen hatte. "Es... es sollte kein allzu großes Problem sein, Aki da durch zu kriegen, aber für dich...", Shinji schluckte nervös und rieb seine Stirn. Plötzlich blickte er ihr genau in die Augen. Und sie mochte diesen Blick überhaupt nicht. "Es ist vermutlich das Beste, wenn wir alles tun um sicherzugehen, dass du dich überhaupt nicht erst ansteckst."



****************



Sichergehen, dass sie sich nicht ansteckte. Sie hasste den Klang dieser Idee, denn sie wusste bereits was sie bedeutete, bevor er es sagen konnte.

Isolation.

Solange Aki krank war, musste sie sich von ihr fernhalten. Für Tage getrennt werden, von ihrem kleinen Sonnenschein, wenn dieser sie am meisten brauchte.

Das zeitweilige Auf Wiedersehen war herzzerreißender, als die meisten endgültigen. Aki hatte schon begonnen zu weinen, bevor sie überhaupt in der Lage gewesen war, ihrem verunsicherten Kind die Gründe zu erklären und alle Hoffnungen Aki die Situation erklären zu können waren vergebens. Shinji musste das heulende Kind zurückhalten, daran gescheitert sie zu beruhigen, als sie verzweifelt die Arme nach ihrer Mutter ausstrecke, nichts mehr wollend, als von ihr in den Arm genommen zu werden. Es hatte sich für Asuka noch nie so schwer angefühlt nicht nachzugeben. Viele Tränen wurden in dieser Nacht vergossen, viel zu viele. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie ihr einfach aus dem Weg gegangen wäre, ohne es vorher anzukündigen.

Sie hatte wirklich ihre Zweifel, ob es das wert war. Die Pharmazeutik war in den Jahren nach dem Second Impact nicht auf dem besten Stand gewesen, aber die Chancen waren trotzdem hoch, dass Gehirn/NERV dafür gesorgt hatte, dass ihre Pilotenkandidaten keine simple Kinderkrankheit erleiden. Außerdem war es mehr als wahrscheinlich dass, wo immer Aki sich den Virus eingefangen hatte, sie ihn sich auch schon längst geholt hatte. Immerhin hatte sie während der Inkubationszeit eine Menge Zeit mit ihrer Tochter verbracht. Und selbst wenn sie durch reines Glück noch nicht angesteckt war, so würden ein paar Sekunden mit ihrer Tochter sie nicht umbringen.

Aber was wäre nach diesen paar Sekunden? Sie musste gestehen, dass sie wenig Glauben darin hatte, die Kraft für eine weitere Trennung zu haben. Sehend, wie die kleinen Arme nach ihr greifen, ohne die Möglichkeit zu haben ihr Kinde zu umarmen. Die großen, vertränten Augen, voll von Angst vor dem Verlassen werden ohne die Möglichkeiten, diese Sorgen zu vertreiben – es fühlte sich unglaublich selbstsüchtig an, aber sie konnte so eine herzensbrechende Szene nicht noch einmal ertragen.

Doch dies war auch nicht viel besser. Sie war zu besorgt um zu arbeiten, ihre Versuche sich abzulenken waren nie für mehr als ein paar Minuten erfolgreich. Also stand sie dort im Flur, neben Akis Tür, darauf beschränkt den Versuchen ihres Ehemannes zu lauschen, das kranke Kind aufzumuntern.

"Willst du, dass ich dir dein fröhliches Lied vorspiele?", hörte sie ihn fragen. Es war Schlafenszeit, das Lied als Gutenachtlied bestimmt.

Es kam keine hörbare Antwort, aber da war ein leises Rascheln, von dem Asuka annahm, dass es die Bewegung von Akis Kopf auf dem Kopfkissen war.

"Nein?" Shinji hörte sich übertrieben enttäuscht an. "Ich habe sogar das Cello mitgebracht. Soll ich vielleicht was anderes spielen?"

"Ich will nur Mama!" Akis müdes Jammern ließ Asuka zusammenzucken. Es war bittersüß zu hören, dass das Kind sie genauso vermisse, aber es schmerzte umso mehr ihr diesen Wunsch verwehren zu müssen.

"Aki...", seufzte Shinji bedrückt. Er hatte merkbar genug davon, ihr wieder und wieder, ob ihrer Tränen, sagen zu müssen, dass sie ihre Mutter nicht sehen konnte. "Ich spiele trotzdem und du versuchst ein wenig Schlaf zu bekommen, okay?"

Er begann das Stück zu spielen, das er extra selbst komponiert hatte, als er nichts hatte finden können, was ihrem Wunsch nach "fröhlich" entsprochen hatte und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden gewesen. Er hatte wirklich ein kleines Meisterwerk erschaffen, viel besser als alles, was er in Jahrhunderte alten Notenblättern hätte finden können und es war schnell zum Lieblingsstück im Haus geworden, ob es nun gesummt, oder auf dem Cello gespielt wurde. Heute hörte es sich jedoch nicht ganz so "fröhlich" an wie sonst, der natürlich melancholische Tonfall des Cellos schien immer öfter durch.

Aber Asukas Konzentration war sowieso wo anders. Sie lauschte angestrengt nach Geräuschen ihrer Tochter, ihre Bewegungen, ihr tiefes Atmen, der einzige Kontakt, den sie hatte. So vereinnahmt von den Zeichen, dass Aki einschlief, bemerkte Asuka nicht, dass das Lied geendet hatte, bis die Tür sich öffnete.

Shinji sah genauso überrascht aus wie sie. "Asuka!", flüsterte er wütend. "Was machst du hier?"

"Was denkst du denn, was ich mache?", zischte sie zurück, mit der Hand in das dunkle Zimmer, in Richtung des Bettes deutend. "Mein Baby ist krank und ruft nach mir! Du kannst nicht erwarten, dass ich einfach meine Arbeiten erledige und nicht mal nach ihr sehe! Ich halte das nicht mehr aus!"

"Natürlich ruft sie nach dir. Sie ist krank und hat Fieber, es ist also kein Wunder, dass sie ein wenig launig ist. Aber das wird sich nicht ändern, nur weil du da bist. Sie wird einfach nach irgendetwas anderem schreien."

"Irgendwas anderes kann man wohl kaum mit der Liebe ihrer Mutter vergleichen! Sicher, sie wird vielleicht weinen nur weil sie es will, aber du kannst mir nicht erzählen, dass es nicht etwas ist was sie wirklich braucht!"

Er wandte seinen Blick von ihr ab. "Ich kann und will das nicht bestreiten", gab er zu und sie nahm es als ein Zeichen der Niederlage und bewegte sich auf Akis Zimmer zu.

"Gut, dass wir uns darin einig si..." Sie verstummte als sein Arm sich um ihre Hüfte wickelte und sie zurückhielt, gerade als sie an ihm vorbei wollte.

"Ich fürchte das tun wir nicht", murmelte er und sah ihr wieder in die Augen. "Glaubst du, dass es einfach für mich ist? Sie hat Angst, Asuka. Und es schmerzt sie so zu sehen. Jedes Mal, wenn ich da rein gehe und ihr sagen muss, dass du im Moment nicht reinkommen kannst! Ich weiß, dass sie leidet und Angst hat, dass du sie im Stich lässt und sie nicht mehr wiedersehen willst, egal was ich ihr erzähle! Aber was glaubst du wie viel Angst sie hätte, wenn ich ihr sagen würde, dass es dich im Moment umbringen könnte, wenn du bei ihr bist?"

Die Ohrfeige kam für beide zu schnell, um sie zu verhindern. Aber selbst, wenn es die erste nach Jahren war, die nicht nur im Scherz war, bereute Asuka sie kein Bisschen. "Ich liebe dich Shinji", keuchte sie. "Aber wage es nicht, dich zwischen mich und mein Kind zu stellen."

Shinji festigte jedoch seinen Griff. "Es tut mir leid, Asuka. Du kannst mich verprügeln so viel du willst, aber ich kann nicht..."

"Mama...?"

Die leise Stimme beendete den Streit auf der Stelle, obwohl Shinji ihr noch einen letzten, warnenden Blick zuwarf, bevor er sich umdrehte und zurück in das Zimmer ging, die Tür hinter sich schließend.

"Hey, ich dachte du würdest schon schlafen?", hörte Asuka ihn fragen.

Doch Aki ignorierte die Frage. "Ich dachte ich hätte Mama gehört...", murmelte sie.

Shinji sagte etwas, aber Asuka konnte es nicht richtig verstehen. Sie Schritt näher heran und legte ihr rechtes Ohr an die Tür.

Doch die nächsten Worte, die gesprochen wurden, durchbohrten ihr Herz.

"Hasst Mama mich?"

Ihre Ohren hörten Shinjis Versuche, das kranke Mädchen davon zu überzeugen, dass das nicht der Fall war, aber ihr Verstand nahm es gar nicht wahr. Ihre Fäuste zitterten, als die grausame Anschuldigung in ihrem Kopf wiederhallte. Sie hatte Schwierigkeiten zu atmen.

Sie konnte es nicht mehr aushalten. Ohne zurückzublicken, lief sie so schnell sie konnte.


*********


"... liebt dich mehr als alles andere, aber..."

Shinji kam nicht weiter, als die Tür gewaltsam aufgestoßen wurde. Die Gestalt war durch das Licht im Flur hinter ihr in Schatten gehüllt, aber das änderte sich, als sie hereingestürmt kam.

"Mama!", rief Aki glücklich, ihre Arme nach Asuka ausstreckend, die die schnell geholte medizinische Maske aufsetzte.

"Asuka!", protestierte Shinji sofort, aber sie ließ ihn schnell durch einen Blick verstummen, der keinen Zweifel daran ließ, dass keine Diskussion in der Sache mehr zulassen würde.

"Mama!", wiederholte Aki, bevor ihr Gesichtsausdruck anklagend wurde. "Wo warst du die ganze Zeit?"

"Oh, es tut mir ja so leid", entschuldigte sich Asuka, als sie sich zu dem Bett herunter kniete und auf ihre weiße Maske deutete. "Ich muss die hier für eine Weile tragen und ich hatte Angst, dass du mich dafür auslachen würdest." Sie log offensichtlich, aber es war genug für die kranke Dreijährige.

"Das ist ein blöder Grund", wies Aki sie schmollend zurecht.

Das zerzauste braune Haar ihres Kindes streichelnd, lächelte Asuka hinter ihrer Maske und warf einen kurzen Blick zu ihrem Mann, der immer noch alles andere als Glücklich über die Planänderung zu sein schien. "Ich glaube dann bin ich ein bisschen blöd."



****************



"Und du hast mich immer Baka genannt!", murmelte Shinji kopfschüttelnd, ein paar Tränen glitzerten in seinen Augen.

"Gott verdammt, Shinji, ich bin noch nicht tot", brummte Asuka. Ihr tat einfach alles weh, als sie sich auf dem Bett herumdrehte, in dem sie die letzten beiden Tage gelegen hatte. "Krieg dich wieder ein! Was ist wenn Aki dich so sieht?"

Ja, er hatte recht gehabt. Ja, sie hatte sich angesteckt. Ja, sie fühlte sich, als würde sie verbrennen.

Aber sie bereute es nicht, nicht ein Bisschen. Das hier war viel besser, als Akis Liebe und Vertrauen zu verlieren.

Jedoch konnte sie eine gewisse Angst, dass er Recht hatte was den Ernst ihres Zustandes anging, nicht verleugnen. Sie war nicht groß, obwohl sie sich schlimmer fühlte als jemals zuvor. Aber der Gedanke ihn zurück zu lassen... und sie... plagte ihr Gewissen. Was für eine Mutter wäre sie, ihr Kind ohne sie aufwachsen zu lassen? Genau wie ihre eigene...

"Mama?"

Beide aufgeschreckten Gesichter flogen zur Tür, von wo der ängstliche Ruf gekommen war. Aki trug noch immer ihren pinken Schlafanzug, Kiko mit beiden Armen umklammernd.

"Hey", Shinji ging um sie abzufangen, "du solltest doch noch im Bett sein."

"Aber es geht mit wieder gut!", jammerte Aki und obwohl sie sich wirklich schon fast wieder gesund war, bewies ihre Stimme, dass es noch nicht ganz so weit war. Auch ihre Augen wurden schnell wieder weich, als ihr Blick von ihrem Vater zu dem Bett wechselte. "Und ich wollte Mama sehen..."

"Aki..."

"Lass sie", schnitt Asuka ihn so barsch ab, wie ihr schmerzender Kopf es zuließ. "Für ein paar Minuten."

Shinji war sichtlich dagegen, nickte aber zögerlich und Aki ging die wenigen Schritte zum Bett hinüber.

Asuka zwang sich selbst zu lächeln. "Hi, Schätzchen."

"Hi", murmelte sie schwach, ihre Augen abgewandt, während sie nervös an den Haaren ihrer Puppe zupfte. "W-wie geht es dir, Mama?"

"Nicht so schlimm", log der Rotschopf, aber sie merkte selbst, dass sie nicht besonders überzeugend war. "Und was ist mit dir?"

Aki antwortete nicht. Sie starrte noch immer den Boden an, ihre Unterlippe begann langsam zu zittern. "Ist... ist es meine Schuld?"

"Oh..." Asuka war selbst den Tränen nahe, als sie ihre Tochter so zerfressen von Schuldgefühlen sah. Ihre letzten Kräfte mobilisierend, bewegte sie sich zur Bettkannte und schlang ihre Arme um den bebenden Körper. "Oh, Aki..."

"Nein. Nein, es ist nicht deine Schuld. Wenn überhaupt, dann ist es..." Sie stoppte und überdachte ihre Worte. Die Schuld auf sich zu nehmen wäre edler und ehrlicher gewesen, aber es konnte zu Missverständnissen führen, die die Last auf den Schultern ihres Kindes nur noch größer werden lassen würde, falls wirklich etwas passieren sollte. "Es ist niemandes Schuld. Mach dir keine Sorgen, mir wird es bald wieder besser gehen. Genau wie dir."

Doch trotz Asukas beruhigenden Worten, flossen Akis Tränen nun frei und Schluchzen schüttelte ihren Körper. "Ich lieb' dich, Mama."

Asukas Herz setzte einen Schlag aus, als sie diese Worte hörte und ihr Lächeln war nicht länger gegen die Schmerzen erzwungen. Es wurde sogar noch breiter.

Es war nicht das erste Mal, dass Aki sie gesagt hatte. Schon ziemlich früh nachdem sie angefangen hatte zu sprechen, hatte sie ihr erstes "lib di" gemurmelt. Aber Asuka wusste, dass dies das erst Mal war, dass sie es gesagt hatte, ohne einfach den Satz zu wiederholen, den sie so oft von ihren Eltern gehört hatte. Dieses Mal, das wusste Asuka, meinte sie es von ganzem Herzen.

"Ich liebe dich auch, mein Schatz", hauchte sie als Antwort, das braune Haar ihrer Tochter in der engen Umarmung küssend. "Ich liebe dich so sehr."

Sie hielt Aki im Arm, bis sie sich beruhigt hatte. "Werde... werde schnell wieder gesund!", schniefte die Dreijährige halb flehend, halb befehlend.

Von einem weinenden Kind kommend, war es eher belustigend und Asuka versuchte nicht einmal das Lachen zu unterdrücken. "Ich werde mein bestes tun, okay?"

Aki nickte, die Feuchtigkeit auf ihren Wangen mit dem rechten Handrücken trocknend.

"Aki", brachte Shinji die Aufmerksamkeit zurück auf sich, "Mama muss sich jetzt wirklich ausruhen. Und du auch."

Wieder nickte Aki, drehte sich aber noch einmal zu ihrer Mutter um. Wortlos hielt sie ihre Puppe mit beiden Armen hoch.

"Du willst mir Kiko geben?", fragte Asuka verblüfft. Seit sie sie von ihr wiederbekommen hatte, war sie praktisch niemals von dem Spielzeug getrennt gewesen.

Aber wieder einmal, ein Nicken, wenn auch ein zaghaftes. "Sie kann auf dich aufpassen, wenn ich es nicht kann."

Mit einem riesigen Lächeln nahm Asuka Kiko entgegen. "Danke", sagte sie und gab ihrem Kind noch einen Kuss. "Jetzt geh wieder ins Bett, ja? Oder willst du, dass ich als erste wieder fit bin?"

Aki grinste schwach, sagte aber nichts. Gehorsam schlurfte sie zur Tür. Doch sie ging nicht, ohne sich noch einmal umzudrehen, um zum Abschied zu winken und eine angebrachte Antwort ihrer Eltern zu erhalten.

Asuka sah ihr noch eine Weile hinterher, auch als sie schon längst dir Tür hinter sich geschlossen hatte. Schließlich wechselte ihr Blick zu der rothaarigen Puppe in ihren Armen.

"Siehst du?", murmelte sie zu ihrem Mann, mit den Fingern durch die roten Strähnen des wertvollsten Besitzes ihrer Tochter streichelnd. "Ich könnte nicht weiter davon entfernt sein, tot zu sein."




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"Ich will niiiiicht!", jammerte Aki, wild in seinem Griff zappelnd.

"Nun, ob du willst oder nicht, du wirst jetzt ein Bad nehmen", sagte er ruhig.

"Aber ich kann nicht! Ich bin noch krank!"

"Du bist schon seit einer Woche gesund", nahm er ihre Ausrede nicht an, "Sogar Mama geht es schon lange wieder gut."

Er hielt seine Hand in das Wasser, das in die Badewanne floss, auch wenn es nicht wirklich einen Sinn hatte. Sein kleiner Racker hatte die erstaunliche Fähigkeit es zu bemerken, wenn die Temperatur auch nur um ein Grad abwich.

Und natürlich begann sie sofort zu kreischen und zu zappeln, als ihre Füße gerade so das Wasser berührten. "Zu heiß! Zu heiß!"

Shinji rollte mit den Augen und drückte den Wasserhahn mit Ellenbogen leicht in Richtung "kalt", sodass Aki sich endlich in die Wanne setzen ließ.

"Du musst das sowieso nicht mehr machen...", grummelte Aki schmollend und schob etwas von dem Schaum weg. "Ich kann selbst in die Wanne steigen."

"Ist das so?" Shinji lächelte sie an, als er Seife und Waschlappen holte, während sie anfing in dem Bad zu spielen, dem sie nur Augenblicke zuvor ihren ewigen Hass erklärt hatte.

"Ja, ich bin groß genug dafür!"

"Nun, das ist gut für dich", lachte er und zerzauste ihr das Haar. Das missmutige Kind begann sofort zu protestieren, so wie sie es in letzter Zeit öfter tat, wenn er das machte. Laut Kreischend wedelte sie mit den Armen im Wasser herum.

Lächelnd erinnerte er sich daran, als er zum ersten Mal diese bekannten Worte benutzt hatte. Er hatte ihren Ursprung erst später erkannt, als Aki schon längst zum Spielen davon gestürmt war und er wieder an seinem Schreibtisch über seinen Büchern brütete. Sie kamen ganz natürlich mit seinem Stolz, wann immer sie zu ihm gerannt kam, seine Aufmerksamkeit mit einem aufgeregten "Papa! Schau!" auf sich ziehend, um etwas zu zeigen, was sie gefunden oder gemacht hatte. Ein Bild, dass in ihren Augen besonders gut gelungen war oder wenn sie etwas gelernt hatte, was die Dreijährige völlig verblüffte.

"Das Problem ist, dass ich irgendwie Angst habe, dass du nicht besonders sauber wirst, wenn wir dich das selber machen lassen", begann er zu erklären, als er anfing sie zu einzuseifen.

Aki schmollte wieder, versuchte aber wenigstens nicht ihm zu widersprechen. "Warum muss ich überhaupt baden?"

Shinji lachte, sie fragte das immer ab einem gewissen Punkt. Aber nicht wie sonst meistens, hatte er diesmal eine bessere Antwort als "Weil du es musst".

"Du", betonte er, mit dem Waschlappen gegen ihre kleine Nase stupsend, "musst sauber sein, weil wir morgen einen besonderen Besuch machen."



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Es war ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick für ihre Eltern, Aki so furchtsam zu sehe. Das normalerweise so lebhafte Mädchen versteckte sich nun hinter seiner Mutter, mit einer Hand verängstigt an ihren Rock geklammert und mit der anderen die immer präsente Puppe an sich drückend.

"Was ist los, Aki?", fragte Shinji besorgt seine Tochter, die vor Angst kaum wagte aufzublicken.

"Was ist das alles?", erwiderte sie zaghaft und kaum hörbar.

Asuka reichte hinter sich, um beruhigend über den Kopf des Kindes zu streicheln. "Dies ist der Ort an den all die Leute, von denen wir die erzählt haben, gegangen sind", erklärte sie und warf ein beruhigendes Lächeln über die Schulter. "Du warst schon mal hier, erinnerst du dich nicht?"

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Als sich Tränen in ihren Augen sammelten, tauschten ihre Eltern einen schwermütigen Blick aus.

"Du... du musst nicht gehen, wenn du nicht willst", versuchte Shinji sie zu beruhigen, nachdem er auf die Knie gegangen war, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. "Aber ich verspreche dir, dass da nichts ist, vor dem du Angst haben müsstest."

Das Mädchen biss sich auf die Unterlippe, unsicher, ob es das Angebot zur Flucht annehmen, oder auf das Wort seiner Eltern vertrauen sollte.

"Hey", rief Asuka sanft, um ihre Aufmerksamkeit zurück zu bekommen, ihre Hand ausstreckend. "Du weißt, dass ich da sein werde. Egal, was passiert."

Zögerlich nahm Aki die angebotene Hand in ihre, ihr Griff wurde fester, sobald sie die Wärme ihrer Mutter spürte.

"Können wir dann gehen?", fragte Asuka und bekam ein schüchternes Nicken als Antwort.

Auf dem Weg zum roten See konnte sie fühlen, wie der Griff um ihre Hand immer fester wurde, während Aki die unheimliche Umgebung aufnahm. Es war vielleicht doch ein bisschen zu viel für jemanden in ihrem Alter, aber nachdem sie bei ihrem letzten Besuch so sorgenfrei gewesen war, hatten sie nicht mit so einem plötzlichen Sinneswandel gerechnet.

"Was sind die?", erreicht die beinahe flüsternde Stimme ihres Kindes sie. Dem Blick ihrer Tochter folgend, sah sie zwei gekreuzigte Statuen, die einmal zwei MP-EVAs gewesen waren.

"Sie... haben mich einmal verletzt...", erzählte sie ein wenig zu ehrlich. Sie bemerkte ihre schlechte Wortwahl erst, als sie fühlte wie Aki sich wimmernd an sie presste, weg von dem Monster. "Mach dir keine Sorgen", fügte sie hastig hinzu. "Die tun nichts mehr."

Schniefend beruhigte Aki sich wieder, zuckte aber zusammen, als sie die Form des weißen "Hügels" am Horizont ausmachen konnte. Aber sie hörte sich nicht so verängstigt an, wie zuvor. Neugier und vielleicht Mitleid für den traurig lächelnden Riesen hatten anscheinend übernommen, als sie ihren Kopf auf die Seite legte. "Wer ist sie?"

"Sie... sie war ein Freund...", antwortete Shinji ihr, die Melancholie in seiner Stimme unverkennbar, als er über den See starrte.

"Ein Freund...?", wiederholte Aki verwundert. "Waren alle Leute so?"

Die Augen ihrer Eltern trafen sich in Verwirrung, wie sie es oft taten, in der Hoffnung, der andere hatte verstanden, was sie meinte. Aber wie so oft war Fragen die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, was im Verstand der Kleinen vorging. "Waren alle Leute wie?"

"So groß!"

Mit einem leichten Lachen der beiden älteren, schien die Laune sich komplett umgedreht zu haben, durch die unschuldige Frage des erstaunten Kindes.

"Nein", sagte Shinji ihr lächelnd, "Sie war ziemlich... außergewöhnlich."


*********


"Hallo! Mama und Papa haben gesagt ich soll mit euch reden. Aber ich bin nicht sicher über was", das Mädchen kratzte ihr braunes Haar. "Ähhm... naja, ich bin Aki und das hier ist Kiko! Ich mag sie am meisten, weil sie rotes Haar hat, genau wie Mama und auch ein rotes Kleid! Ich mag rot wirklich gern! Und ich habe auch Mama und Papa wirklich lieb!

Sie haben oft gesagt, dass ich euch gemocht hätte und ihr mich auch, also warum seid ihr weggegangen? Mama und Papa sagen es mir nicht. Sie sehen oft traurig aus, wenn sie über euch reden. Ich mag es nicht, wenn sie traurig sind. Also weiß ich nicht, ob ich euch gemocht hätte, weil ihr sie traurig macht", schmollte Aki den See an. "Aber Papa sagt es war nicht eure Schuld und dass sie traurig sind, weil sie euch so gemocht haben, dass sie euch jetzt vermissen. Also hätte ich euch vielleicht doch gemocht!

Naja, ähhm...", sie warf einen kurzen Blick auf die Stelle, an der ihre Mama und ihr Papa lächelnd im Sand saßen. Ihr Papa nickte ihr zu. Sich noch einmal zum See umdrehend, winkte sie. "Tschüss dann, auf Wiedersehen!"


*********


Es war schon recht spät, als sie endlich zu Hause ankamen. Die Dunkelheit der Nacht wurde nur durch die Scheinwerfer des Autos durchschnitten, als es die letzten Meter auf die Auffahrt fuhr, bevor es zum Stehen kam. Asuka stellte den Motor ab und warf einen letzten Blick in den Rückspiegel. Aki saß natürlich noch immer angeschnallt in ihrem Kindersitz, Kiko an ihre Brust gedrückt.

Das Mädchen war vor einer Weile ungewöhnlich Still geworden, aber Asuka hatte es auf die Müdigkeit geschoben. Die Schlafenszeit war lange vorbei und eine Zeitlang hatte sie sich gefragt, ob ihr Kind nicht dem verlockenden Ruf des Schlafes nachgegeben hatte. Sie schien jedoch noch wach zu sein.

Shinji hatte seinen Gurt bereits abgelegt und war ausgestiegen, auf dem Weg zur Hintertür, um Aki zu holen. Asuka war gerade selbst ausgestiegen, als sie das leise Murmeln auf der anderen Seite hörte, als er sein Mädchen auf den Arm nahm.

"Papa? Was ist ein Freund?"

"Ein Freund...?" Nach seiner Stimme zu urteilen, war er genauso überrascht über Akis Frage, wie Asuka selbst. Sie war in dem Alter, in dem sie viele Fragen scheinbar aus dem Nichts heraus stellte und sie waren nicht immer leicht zu beantworten. Aber das hier war mit Sicherheit anders als "Warum ist der Himmel blau?"

"Nun...", begann Shinji sein Erklärungsversuch, zweifellos arbeitete sein Gehirn gerade auf Hochtouren. "Ein Freund ist jemand der... mit dir Spielt und... ähm... mit dem du über alles reden kannst, der für dich da ist..."

"Also sind Mama und du meine Freunde?", frage Aki müde weiter nach, kaum hörbar von der Position ihrer Mutter aus.

"Äh, nicht... nicht wirklich...", sagte Shinji halb seufzend, halb stöhnend. "Ein Freund ist normalerweise jemand, der nicht in deiner Familie ist."

"Also kann ich keine Freunde haben?"

Stille fiel über sie, wie ein alles erstickender Vorhang.

Asuka machte keine Anstalten einzuschreiten. Nicht nur wegen der Vereinbarung, die sie getroffen hatten, dass keiner von ihnen den anderen unterbrechen würde, wenn er Aki etwas erklärt, um zu verhindern, dass sie einen von ihnen als den Schlaueren vorzog. Sie sah ihn sogar durch die Scheiben des Autos, wie er ihr einen flehenden Blick zuwarf. Aber wie sollte sie ihm helfen, wenn ihr selbst die Worte fehlten?

"Papa?" Aki wartete auf eine Antwort.

"Schau, es ist nicht so schlimm. Mama und ich hatten nie...", er stoppte, was er dummerweise ausgeplaudert hatte und nahm einen beruhigenden Atemzug. "Wir... wir werden sehen, was wir tun können, um dir einen Freund zu finden, okay? Aber jetzt ist es wirklich Zeit fürs Bett."

Glücklicherweise protestierte Aki nicht gegen seinen Ausweg. Sie rieb sich die müden Augen mit ihren Armen, als ihr Vater sie ins Haus trug.

Asuka folgte ihnen nicht sofort. Ihr Blick wanderte zu der dunklen Stadt hinter ihnen.

Sie war nicht sicher, ob es der ganze Tag, der Besucht beim LCL-See, oder einfach Akis unschuldige Frage war, die einen viel empfindlicheren Punkt getroffen hatte, als das kleine Mädchen hätte erwarten können. Aber – das erste Mal seit Jahren – hatte sie ein ungutes Gefühl durch das Fehlen von Lichtern.





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