Die Ikaris

Kapitel 2: Recht und Ordnung...    und diese Sache mit dem Video...




Hiroya Matsura fühlte sich unwohl, wie üblich, wenn es um dieses Thema ging. Um genau zu sein, dies war was er am meisten an seinem Beruf als Anwalt, den er nun seit etwa fünf Jahren ausübte, hasste.
Scheidungen erzählten immer eine traurige Geschichte von zerschüttertem Vertrauen, Missverständnis und/oder falsch eingeschätzten Gefühlen, von denen sie dachten es wäre Liebe.
Am schlimmsten war es für die Kinder, sofern das Paar welche hatte.

Jedoch konnte er nicht sagen, wie es ist, wenn die Kinder das Paar sind.

"So", begann er, als er sich seine Akte über die zwei Teenager, die vor ihm an seinem Schreibtisch saßen, ansah, "Herr und Frau Ikari..."

"Soryu!" unterbrach das rothaarige Mädchen, das ihre Ruhe offenbar schon vor langer Zeit verloren hatte.

"Verzeihung?"

"Der Name lautet Soryu!"

Verwirrt schielte er zurück auf den Ordner. "Oh, ich schätze, dann hat man mir die falsche Akte gegeben."

"N-nein", stotterte der Junge. Er schien das genaue Gegenteil des wütenden Mädchens zu sein; sah kaum zu ihm und noch weniger zu ihr auf; war nervös, als wäre er bei seiner Hinrichtung. "Ich bin Shinji Ikari."

"Dann...?"

"Es gibt nichts was mich dazu bringen könnte seinen Namen anzunehmen!"

"Oh, aber die Akte besagt, dass Sie das haben, Frau Ik-"

"Sagen Sie's nicht!"

"Aber-"

"NEIN!"

"Schon gut, schon gut!" seufzte Hiroya. 'Kein Wunder, dass der Junge so ist, mit so einer Frau.'
"Für wie lange sind sie eigentlich verheiratet?"

"L-letzte Nacht..." murmelte der junge Herr Ikari.

Nochmals überrascht, nahm der Anwalt einen weiteren Blick in die Akte. Der Junge hatte recht. 'Wer auch immer diese Dinger schreibt; er ist verdammt schnell...'
"Also könnt ich mir denken, dass es nicht gerade eine sonderlich erfüllende Ehe war?" fragte er.

"Nun ja, sehen Sie, wir..."

"Er hat mich betrunken gemacht!" schnitt ihm das Mädchen das Wort ab.

"HAB ICH NICHT!" protestierte der andere Jugendliche, bevor er seine schüchterne Einstellung wiedererlangte. "D-dass heißt, zumindest glaub ich nicht..."

"Sehen Sie? Er ist immer so! Wie könnte ihn irgendjemand aushalten?"

"T-tut mir leid."

Hiroya sah zwischen den Beiden hin und her, während sie weiter stritten.

"Sie sind sicher, dass Sie nicht schon länger verheiratet sind?" unterbrach er. "Nach Ihrem Verhalten, könnte man annehmen Sie seinen schon seit Jahren verheiratet..."

Er bereute seinen Witz augenblicklich, als er mit dem "Todesblick" des Rotschopfs konfrontiert wurde.

"Äh, okay, bringen wir das hier hinter uns..." Er blätterte nervös durch die Seiten seines Dossiers, ohne wirklich nach etwas zu suchen. Letztendlich erlangte er seine professionelle Haltung wieder, räusperte sich und faltete seine Hände. "Ich kann davon ausgehen, dass Sie beide sich mit dieser Scheidung einverstanden erklären?"

"Das sollte er besser!" fauchte Frau Ikari (oder war es Soryu?)  ihren Mann an.

Der Junge nickte nur.

"Gut, das bedeutet, wir können das Ganze ein wenig beschleunigen. Weiter, wir brauchen Antrag D-14 nach §UW-36, die dreifache Ausführung des IHM-73 Erklärung, grüner und gelber Abschnitt, Passierschein A-38..." er verstummte, als er merkte, dass zwei ausdruckslose Gesichter ihn ansahen, "...äh, ich sag Ihnen was, ich überspring den Teil. Es wird eh viel schneller gehen, wenn ich mich um den meisten Bürokram kümmere." Und sein Instinkt riet ihm, dass er eine Menge seiner Nerven retten könnte, je schneller er die Beiden loswürde.
"Wie auch immer", seufzte er, "als Teil der 'Familien Zwang Erklärung' von 2002 werden Sie eine Eheberatung besuchen müssen; die Anzahl der Sitzungen wird sich entscheiden, je nachdem wie schnell Sie den Berater überzeugen können, dass Ihre Ehe nicht gerettet werden kann. Die Mindestanzahl ist drei. Ich werde Sie begleiten in der Funktion eines Notars. Noch irgendwelche Fragen?"

Die junge Frau Ikari/Soryu/Wie-auch-immer presste ihre Nägel in die Armlehnen ihres Stuhls. "Wie lange?" fragte sie kalt.

"Nun ja, wie ich schon sagte, dass kommt drauf an. Ein paar Monate mindestens..."

"Monate? Ich muss mit IHM verheiratet bleiben für einige MONATE??"

Hiroya sagte ein letztes Lebwohl zu den Armlehnen und seinem Trommelfell.



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"Sieh an, wenn das nicht die Ikaris sind. Willkommen daheim, in eurer kleinen Familienresidenz", begrüßte ein viel zu fröhlicher Major die Beiden als sie zurück ins Apartment kamen. Anscheinend von ihr unbemerkt flog einer von Asukas Schuhen an ihr vorbei; verfehlte ihr grinsendes Gesicht gerade mal um ein paar Zentimeter.

"SCHNAUZE, MISATO!"

"Oooh, so gereizt. Aber das kann ich verstehen. Scheidungen sind kein Grund zum Lachen."

"Ah, Misato, wie kommt's, dass du so gute Laune hast?" versuchte Shinji kläglich einzugreifen, bevor der nächste Weltkrieg in dieser Wohnung ausbrechen würde.

"Oh, ihr müsst wissen, PenPen hier", begann sie, plumpste auf den Boden und tätschelte dem abgelenkten Vogel auf den Kopf, "hat ein paar Dosen Bier vor eurer Verlobungsfeier gerettet."

"Oh, bitte..." Asuka verdrehte die Augen.

Misato hörte gar nicht erst hin, stattdessen streifte sie weiter über den Kopf ihres, zumindest derzeit, geliebten Haustiers. "Ja, du bist ein guter Pinguin, nicht wahr?"

"WARK!"

"Hey, kein Grund wütend zu werden! Da war nicht dein Name auf den Dosen!"

"Wark!"

"Schnabelabdrücke zählen nicht!"

Schnell verloren in ihrem 'Gespräch' vergaß sie die zwei Teenager, die ungläubig ihren Vormund und Vorgesetzte mit einem Pinguin redend beobachteten.

Asuka beugte sich rüber zu ihrem ungewollten Ehemann. "Sagst du oder ich ihr, dass sie nichts von dem, was er von sich gibt versteht?"

Shinji nickte leicht. "Du hast recht. Er hat kein Wort über das Bier gesagt..."

Ihr Unterkiefer fiel hinab. Wurden jetzt alle außer ihr verrückt? Aber andererseits, Shinji war schon immer...
Moment mal, sie war noch immer sauer auf Shinji!
Gerade, als sie ihn wieder anmeckern wollte schellte die Türklingel und er, pflichtbewusst wie üblich, ging sie zu öffnen.

Etwa eine Minute später kam er zurück, ein Päckchen unterm Arm tragend; sein Gesicht knallrot.

"Wer war's?" fragte Misato, ihre Aufmerksamkeit offenbar wieder vom dankbaren Vogel auf das Ehepaar gerichtet.

"E-ein Lieferjunge..."

"Und was hat er geliefert?" knurrte der Rotschopf.

"E-ein Packet..."

Zwei Paare ungeduldiger menschlicher- und ein Paar fragender Pinguinaugen auf sich sehend fuhr er rasch fort. "...a-an d-die Ikaris..."

"Was? Gib das her!" verlangte Asuka, als sie versuchte, ihm das Päckchen aus der Hand zu reißen.

Unglücklicherweise für sie war ein gewisser grinsender Major schneller.

"Misato!"

"Mal sehn, was haben wir denn hier...?" Gegen den Protest der Children riss sie das Packet während des Laufens auf, während sie den Versuchen des Rotschopfs das Packet "sicherzustellen" offenbar leichtfüßig auswich.
"Uuh, es ist von der 'Kleinen Tokyo-3 24/7 Hochzeitskapelle'."
Misato begann den beigefügten Brief vorzulesen, innerlich lachend über Asukas nutzlose Versuche, sie zu stoppen.
" 'Sehr geehrte Herr und Frau Ikari, wie wir bemerkten, haben Sie das Video ihrer glückseligen...' uuhh, glückselig? '...Hochzeit, welches Teil unseres  'Wed'n'Go'-Service ist, den Sie wählten. Daher senden wir es Ihnen hiermit. Wir hoffen, Sie erfreuen sich Ihrer Ehe.
Wir würden uns glücklich schätzen, wenn wir Ihnen unsere Dienste erneut anbieten könnten...' "

"V-video?" stotterte der knallrote Shinji.

*Bums*

"Autsch!" Asuka fiel rückwärts auf den Boden, nachdem sie gegen die Wand rannte, als Misato ihrem letzten kräftigen Stoß, das gefürchtete Packet zurückzuerlangen, auswich.

"VIDEO TIME!" verkündete die beschwipste Frau, als sie die veraltete VHS-Kassette hochhielt und zum Fernseher stürmte.

Sich die Stirn haltend kam das Second Children langsam wieder zu Sinnen und zwang sich aufzustehen. "Hey, warte! NICHT!"

"Misato, ich denke nicht, dass wir...", versuchte Shinji das Unabwendbare aufzuhalten.

Zu spät.

Der Major hatte bereits die Kassette in den altertümlichen Videorekorder gelegt, 'play' gedrückt und sich selbst schützend davor gestellt. Anscheinend unnötig, denn, mag es die Angst vor dem Kommenden oder pure Neugier gewesen sein, weder einer der Jugendlichen, noch der ignorierte Pinguin versuchten diesmal einzugreifen.
Die Video- und Audioqualität war - wie zu erwarten - ziemlich schlecht, aber es war möglich zwei offensichtlich völlig betrunkene EVA-Piloten und einen scheinbar recht nervösen Geistlichen auszumachen.
Asuka sagte etwas zu ihm, zeigte zuerst auf sich und dann auf Shinji.

"Ah... äh... okay. Ähem, so, willst du Asuka Langley Soryu diesen Shinji Ikari zum Ehemann nehmen, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass..."

"Ja, ja, ich will. Komm schn, isch hab nich alle Scheit der Welt, weischu?"


"Uärgs! Ich kann nicht glauben, dass ich das gesagt hab!" Asuka verzog das Gesicht, nah genug vor dem Fernseher sitzend, dass sie die Hälfte der Sicht versperrte. Direkt daneben saß Misato, an einem Bier schlürfend, das sie scheinbar aus dem Nichts hervorgeholt hatte.

"Nun, offensichtlich hast du's", ärgerte sie ihren Schützling.

"Ähm... Müssen wir uns das wirklich ansehen? Ich mein...", fragte Shinji, während er verlegen versuchte das Bild von oben zu betrachten.

PenPen sah sich einfach das seltsame Verhalten seiner Mitbewohner an. "Wark?"

"Äh... also gut, willst du Shinji Ikari diese Asuka Langley Soryu zur Ehefrau nehmen, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?"

"Eeeee... Jepp!" Shinji grinste Asuka an. "Ha! Si..."
Der Rest war nicht zu verstehen.

"Ich könnt ihn dafür umbringen!" Asukas Auge begann zu zucken.

"Das solltest du besser nicht. Als seine Frau wärst du eine Hauptverdächtige, die nur hinter seinem Erbe her ist."

"Ich hab eh nicht soviel, nur meinen SDAT und mein Cello..."

"Wark..."

Der Geistliche fuhr fort. "Somit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Du kannst die Braut nun küssen."

Vier Augenpaare weiteten sich blitzartig.

"OH NEIN, WIRD ER NICHT!"

Sie sahen sich an...

"Ich denke, er wird..."

Ein paar Worte wurden gewechselt...

"Könnte ich tatsächlich...?"

Sie näherten sich einander zu...

"Waaark!"

Sie schlossen die Augen...

"NEEEEIIIN!"

"Aaawww..."

*Schluck*

"Wa-hark!"

KUSS! 

Asuka war stinkwütend.

Misato war quietschvergnügt.

Shinji war steif vor Scham und Angst.

PenPen war hungrig.

Ziemlich langer Kuss...

"Ich würd fast sagen, du mochtest das, Asuka!" unterbrach Misato die Stille.

"Siehst du das nicht?!? Ich wehre mich gegen den Perversling!"

"Ich find, es sieht eher danach aus, als würdest du dich an ihn klammern..."

"TU ICH NICHT!!"

Währenddessen pickte PenPen weiter gegen Shinji, der immer noch auf den Bildschirm starrte; nicht blinzelnd, nicht bewegend.

'Menschen...'




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A/(T)/N: *seufz* Ich war irgendwie nie ganz zufrieden mit der englischen Version dieses Kapitels und bin es dementsprechend eher noch weniger mit der deutschen. Aber ich fürchte viel besser würde es auch nicht mehr. Na ja, was solls, mit dem dritten Kapitel fängt ja ein brauchbarer Schreibstil an...
Das Gute an der übersetzung ist immerhin, dass man jetzt die meisten Leser den bisherigen "Insider" mit dem "Passierschein A38" verstehen ;-)

Der erste von bislang zwei geplanten ACCs wird eingeführt (und kriegt gleich einen ganzen Abschnitt aus seiner Sicht). Hiroya Matsura wird uns noch des Öfteren begegnen (so wird er im nächsten Kapitel ein kleines Gespräch mit einem gewissen Kommandanten einer gewissen Organisation haben). Als Anwalt wollte ich ihn (zumindest fürs erste) halbwegs formal gegenüber seinen Klienten machen, unabhängig von deren Alter. Das macht sich im Deutschen noch wesentlich bemerkbarer, da wir im Gegensatz zum Englischen noch die Höflichkeitsform des Siezens haben. Aber keine Angst, das wird sich mit der Zeit legen (nicht zuletzt, da er so seine Probleme mit den Nachnamen hat...)

"Die Sache mit dem Video" ist der Teil, mit dem ich mich schwer getan hab. Nachdem meine pre-reader nahezu einhellig meinten, das Ganze sollte länger sein und benötige mehr bzw. ausführlichere Beschreibungen. Gesagt - getan, allerdings bin ich der Meinung, dass die Änderungen sich nicht unbedingt positiv auf den Lesefluss des Kapitels ausgewirkt hat.

Okay, mehr fällt mir jetzt nicht ein, was noch zu sagen wäre, also bis zum nächsten Mal, wenn es heißt: "Zurück in die Schule".

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