Die Ikaris

Kapitel 4: Geh ihr besser nicht auf den NERV...


NERV-Hauptquatier.
Letzte Bastion gegen die Engel.
Mittelpunkt der gigantischen Geofront.
Festung der Geheimnisse und Mysterien.
Arbeitsplatz von mehr als hundert Menschen.
Riesiges Labyrinth von Gängen, Laufbändern und Aufzügen, in dem man sich leicht verirren konnte.

Er jedoch war der Kommandant! Er war das konspirierende Genie! Er war der wahre Puppenspieler, der jeden hereinlegte! Er war derjenige, der die höchstrangigen und mächtigsten Menschen auf Erden gegeneinander ausspielte!
Er verirrte sich nicht!
Er... überprüfte nur die Malerarbeiten in den Korridoren...

Und dass er jetzt Jemanden folgte, von der er sicher sein konnte, dass sie früher oder später in die Nähe seines Büros gehen würde, war... rein zufällig.

Allerdings konnte das Laufen mit einer gewissen blauhaarigen Pilotin auf die Dauer recht langweilig werden.

"Rei?"

"Ja, Kommandant?"

"Wie geht es dir heute?"

"Gut. Ich habe seit gestern in der Schule einige interessante Informationen in Erfahrung gebracht."

"Oh? Wie geht es in der Schule?"

"Gut..."

Gendo seufzte innerlich. Dies hier führte zu gar nichts. Vielleicht hätte er die Kindererziehung nicht komplett Yui überlassen sollen. Dann hätte er Rei vielleicht zumindest ein paar Fähigkeiten im sozialen Bereich beibringen können. Andererseits gab es auch nicht viel, das er weitergeben könnte...

"Was liest du da gerade, Rei?"

" 'Das kleine ABC der Hochzeitszeremonien auf der Welt' "

Gendo's Augen funkelten überrascht. Hochzeitszeremonien?

"Rei?"

"Ja, Kommandant?"

"Gibt es da jemanden, von dem ich wissen sollte?"



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"Gratulation!"

"Gratulation!"

Shinji blickte um sich. Fast jeder den er, zumindest ansatzweise, kannte war dort, um ihn herum; freundlich lächelnd und applaudierend.

"Gratulation!"

"Gratulation!"

Was genau war passiert? Die letzten Ereignisse waren... 'seltsam', wenn dies das richtige Wort war. Er war durch die Hölle gegangen; sein Verstand wurde mehr durcheinander gebracht, als er überhaupt erfassen konnte. Aber er hatte seine Entscheidung gefällt und war bereit sich den Konsequenzen zu stellen. Und jetzt, als er in mitten all dieser Personen stand, die ihm zujubelten, störte es ihn seltsamerweise nicht mehr so sehr, wie es zuvor der Fall gewesen wäre. Genaugenommen spürte er einen inneren Frieden. Denn er wußte, dass dies das Ende sein würde...

"HöRT IHR WOHL ENDLICH DAMIT AUF?!?"

...weil Asuka aussah, als würde sie jeden Augenblick Alle bei NERV umbringen...



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Und da hatte sie gedacht, ihre Mitschüler seien schlimm gewesen. Aber wie es aussah, waren Erwachsene wesentlich schlimmer in dieser Hinsicht. Während sie durch die Gänge in Richtung Umkleide hastete und dabei diesen Knilch von Shinji hinter sich her zerrte, schien jeder das Bedürfnis zu haben ihnen zu gratulieren. Gratulieren! Asuka fragte sich, ob sie auch jemandem gratulieren würden, der in eine Bärenfalle getreten ist.

Hatten sie solch eine Torschlusspanik, dass sie die Ehe tatsächlich als etwas Gutes ansahen? Nun, sie konnten liebend gern mit ihr tauschen!

Nicht, dass irgendjemand gerne diesen Idioten haben würde. Wer würde schon mit jemanden verheiratet sein wollen, der sich immer nur entschuldigte und jammerte und Feigling war und ein Schwächling und ihr gehör... äh... gehörig auf die Nerven ging...

Sie schüttelte ihren Kopf frei von Gedanken, die... sie nicht hatte.
Wo war sie stehengeblieben? Ah ja, niemand würde mit ihm zusammen sein wollen. Abgesehen vielleicht von...

"Ikari?"

"Hä?" Überrascht von der leisen Stimme hinter ihm drehte sich Shinji um. "Oh... hallo, Ayanami."

Asuka verdrehte ihre Augen bei der Erwähnung des Namens der blauhaarigen Pilotin. Das hatte heute gerade noch gefehlt...

"...Ikari...?", fragte Rei nochmals, nach einigen Sekunden des Wartens.

"Äh... ja, Ayanami?"

Hatte er es nicht deutlich genug gemacht, dass er zuhörte? Die Puppe wurde mit jedem Tag seltsamer...

"...Nein...", fuhr sie nach weiteren Augenblicken unbehaglicher Stille fort. "Ich bat darum, mit Ikari zu sprechen..."

"Oh. T-tut mir leid, ich weiß nicht, wo mein Vater ist..."

"Eigentlich bezog ich mich auf deine... Ehegattin... " Sie zeigte auf Asuka.

"JETZT HöR MAL! ICH BIN NICHT..."

"Würdest du mir folgen?", schnitt Rei den wütenden Rotschopf ab, offensichtlich uninteressiert an dessen Ausschweifungen, da sie sich bereits umgedreht hatte und den Korridor hinabging.

Es war möglicherweise aus bloßer Neugier, aber anstatt Rei einfach laufen und bis zum Third Impact warten zu lassen, folgte Asuka der rätselhaften Pilotin.

"Okay, wir sind jetzt alleine! Also was ist..." Sie wurde abrupt unterbrochen, als ihr ein kleines Geschenkpaket, hübsch verpackt mit einer blauen Schleife, unter die Nase gehalten wurde.

Asuka funkelte ihr Gegenüber an. Sie konnte sich gut vorstellen, wo das hinführte. "Hör mal: Wenn du ein Geschenk für deinen kleinen Shinji hast, gib es ihm selbst...", spie sie.

"Nein. Obwohl er damit ebenfalls auf positive Weise beeinflusst sein wird, ist dieses Geschenk für dich bestimmt."

"Für... mich...?" Asuka war sprachlos.
"Was ist...?", fragte sie; doch selbst wenn sie eine Antwort bekommen hätte, wäre sie gerade viel zu verwirrt um es zu bemerken, während sie das unerwartete Geschenk auspackte. "...DAS?!?"

Mit ihren Fingerspitzen hielt sie die 'Kleidung' von ihr weg, als wäre es eine giftige Schlange.

"Das sind sogenannte 'heiße' Dessous", sagte Rei in einem beiläufigen Tonfall, als würde sie einem Kleinkind, das gerade den Windeln entwachsen ist erklären, wie man die Toilette benutzt. "Mir ist bewusst, dass du die Farbe Rot bevorzugst, aber ich habe zu ihr eine Abneigung. Auch kam ich zu dem Ergebnis, dass Schwarz ein adäquater Kontrast zu der Farbe deines Haares ist. Daher hoffe ich dies ist ein zufrieden stellender Kompromiss."

"Aber... ich... was... wieso...?", stotterte Asuka; ihre Gedanken rasend in ihrer völligen Verwirrung. Als wäre es nicht verrückt genug, dass Rei Geschenke machte (noch dazu Geschenke wie dieses), jetzt gab sie auch noch Modetipps? Vielleicht war der Third Impact näher, als sie dachte...

"Ich brachte in Erfahrung, dass Geschenke wie dieses bei einem Ereignis namens Junggesellinnen-Party überreicht werden, bei dem die Braut mit ihren Freundinnen das Ende ihres Single-Status feiert. Von dem, was ich in Erfahrung brachte ist Unterwäsche wie diese dazu gedacht, das Paarungsverhalten zu stimulieren; was einen positiven Einfluss auf die Familiengründung hat."

Asuka wurde bleich. "Fa- Familiengründung?!?"

"Ja. Ist das nicht der Grund um zu Heiraten?"

"Nun ja, normalerweise...", begann der Rotschopf zu ruhig zu erklären, aber stoppte dann abrupt zähneknirschend.
"Hör zu", fuhr sie langsam in einem sarkastisch-freundlichen Ton fort. "Ich weiß nicht, ob du überhaupt in der Lage bist, das zu verstehen, aber: Dies ist nur passiert, weil wir verdammt betrunken waren und weil der Baka etwas gemacht hat, um mich reinzulegen, dass ich mitmache. UND MIT SICHERHEIT NICHT ZUR 'FAMILIENGRÜNDUNG' !!"

Rei sah sie nur an, still wie immer, während Asuka langsam und vom Ausbruch schnaufend wieder zur Ruhe kam. Aber dann passierte etwas mit dem Gesicht des First Children, das die sonst hitzige Deutsche mehr ängstigte, als wenn ihrem Gegenüber Flügel gewachsen wären und sie sich zu einem Engel erklärt hätte, der jeden auf Erden vernichten würde. Sie... lächelte warm...
"Wenn du meinst...", sagte sie, bevor sie sich umdrehte und leise den Korridor hinabging; eine verwirrte Asuka zurücklassend.

Es brauchte ein paar Sekunden für den verblüfften Rotschopf, bevor sie ihr logisches Denken wiederfand. Ihre Augen wanderten zu der Unterwäsche am anderen Ende ihres nach wie vor ausgestreckten Arms.

"Na ja, immerhin ist ihr Geschmack nicht so übel...", murmelte sie vor sich hin, als sie einen näheren Blick darauf warf. Wer weiß, vielleicht gab es ja doch mal einen Verwendungszweck dafür...
"Argh! Zur Hölle mit diesen Gedanken! Manchmal stinkt es wirklich ein Teenager zu se..."

"Asuka?"

Ihr Gesicht errötete augenblicklich, angesichts der Stimme hinter ihr.

"WAS?", kreischte sie panisch ohne sich umzudrehen, während sie schnellstens versuchte das 'Geschenk'  unter ihrer Kleidung zu verstecken.

"Ähm... was wollte Ayanami von dir?"

"Gar Nichts! Nicht das Geringste!", fuhr sie Shinji an.

"Sicher? Du hörst dich an, als wärst du wegen irgendetwas aufgere..."

"SOLLTEST DU DICH NICHT GERADE FÜR DEN TEST UMZIEHEN?!?"

"J-ja... 'tschuldige... Ich wollte nur... äh... schon gut...", murmelte Shinji zusammenzuckend und machte sich in Richtung der Jungen-Umkleide davon.

Wütend seufzend folge Asuka Rei, um sich selbst für den Synch-Test fertig zu machen.
"Dämlicher Shinji, dämliche Rei mit dämlichem Geschenk, dämlich... dämliches NERV!"

Sie bemerkte nicht mal den Techniker, der gerade den Korridor entlang lief und ihr mit einem verletzten Gesichtsausdruck nachsah. 
"Aber... aber, ich hab doch gar nichts gemacht...?", jammerte er schniefend.



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Misato ließ einen tiefen Seufzer entfleuchen, nachdem sie ihre, durch die lange Fahrt zur NERV-Abteilung bei Matsushiro müde gewordenen Glieder streckte.
"Weißt du Rits, ich hatte das hier fast vergessen. Jetzt verpasse ich den ganzen Spaß..."

"Wenn du mich fragst: Es war höchste Zeit, dass du zurück an die Arbeit kamst!", grummelte ihre blonde Begleiterin von LKW-Sitz. "Seit diesem 'Zwischenfall' bist du nur noch aufgetaucht, um über 'das glückliche Paar' zu tratschen."

"Du musst zugeben, es war lustiger, als hier im Nirgendwo auf eine weitere Massenvernichtungs-Maschine zu warten..."

"Nun, technisch gesehen ist ein EVA keine..."

"Ja, ja, wie auch immer", unterbrach der Major ihre Freundin schnell, bevor sie sich in einer weiteren langweiligen Lektion wieder fand, von der sie eh kein Wort verstehen würde. "Aber weißt du, was das Schlimmste daran ist?"

"Das du sie nicht zu ihrer ersten Beratung begleiten und sie blamieren kannst?", antwortete Ritsuko leicht genervt.

"Nein...", Misato verstummte kurz, bevor sie schelmisch grinsend die Achseln zuckte. "Ah, okay, das auch. Aber was ich meinte war, dass ich nicht mal die Chance hatte ihnen zu sagen, wer das Fourth Children ist..."

Sie verstummte erneut für einen Augenblick. Dann, langsam, drehte sie ihren Kopf zu der Doktorin.

"Wie war sein Name noch gleich?"



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"Ah, klasse...", murmelte Asuka, "Das muss das Peinlichste sein, das mir je passiert ist..." Sie hielt kurz inne.
"Oh, Moment... das Zweit-Peinlichste, natürlich...", fügte sie stöhnend hinzu.

"Ah, schon okay", sagte Lt. Ibuki, in dessen kleines und scheinbar selten benutztes Büro sie gerufen wurde, nachdem sie... ein wenig länger als nötig im Test-Plug geblieben war, freundlich. "Ich schätze es kann während den Tests recht langweilig für euch Piloten werden. Und man hat mir gesagt, ich sollte dich besser nicht wecken..."

Das Second Children seufzte. "Es ist nur, dass... ich mag es nicht in jemandes Schuld zu stehen, und immerhin mussten Sie länger hierbleiben wegen mir. Also... ähm... es tut... tut mir Leid, okay? Ich hatte in letzter Zeit einfach nicht viel Schlaf."

"Oh, kein Grund zu entschuldigen", versicherte die junge Technikerin. "Es ist völlig normal, wenn Frischvermählte nachts recht 'beschäftigt' sind."

"Oh, bitte, Sie nicht auch noch...", stöhnte Asuka vor dem Lieutenant, welche Kicherte, wie ein Schulmädchen, das seinen ersten versauten Witz gemacht hat.

"Sorry, sorry", versuchte sie zu beschwichtigen. "Um ehrlich zu sein, ich hatte sowieso noch eine ganze Menge zu tun. Ihr beide habt uns einen ganzen Haufen Arbeit beschert, weißt du? Allein deinen Namen überall in Asuka Langley Ikari zu ändern hat uns einige Stündchen gekostet..."

"IHR HABT WA-Argh, sagen Sie mir einfach die Testresultate und ich bin hier weg..."

"O-kay, mal sehen...", sagte die kurzhaarige Frau, während sie mit Augen und Zeigefinger über den unordentlichen Schreibtisch. Schließlich nahm sie den Ausdruck, der direkt vor ihr gelegen hatte.
"Oh, ich fürchte, deine Synch-Rate ist ein paar Punkte gesunken..."

Asuka seufzte. "Nun, es war zu erwarten, nach all dem, nicht wahr? Ich wette Shinjis ist noch schlimmer..."

"Eigentlich hat er sein letztes Resultat mehr oder weniger gehalten", hob Maya hervor. "Und überraschenderweise ist Reis Rate sogar ein wenig gestiegen..."

"...klasse...", zischte die Pilotin zähneknirschend. "Nun, wenn das alles ist, werd ich jetzt gehen..."

"Oh, warte noch einen Moment! Wo du gerade hier bist...", begann die junge Frau, bevor sie sich über den Inhalt ihrer Schreibtischschublade beugte. Nach einer Weile fand sie offenbar die Akte, die sie gesuchte hatte. "Familienangehörige haben Zugriff auf die Personalakten der Anderen; also wenn du einen Blick auf Shinjis werfen willst..."

Asuka starrte nur auf den vorgezeigten Ordner.

Shinjis Akte...
Alles, was NERV über ihn wusste war darin; seine Vergangenheit, seine Ausbildung, seine Interessen; alles, was ihn ausmachte; alles, das erklärt warum er so ist, wie er ist...

Sie schüttelte abrupt den Kopf.
"Ich bezweifle, dass ich dafür eine Verwendung hab", grummelte sie so höflich es ging.

Die Andere kicherte nur. "Weißt du, ihr seid euch wirklich recht ähnlich."

"Wir sind ni...", fing Asuka genervt an, aber dann ergriff sie eine plötzliche Furcht. "Einen Augenblick! Hat... hat er sich meine Akte angesehen?"

"Nein", lächelte Maya; offenbar ohne den nervösen Blick in Auskas Augen zu bemerken. "Das meinte ich ja gerade: Er hatte fast das Gleiche gesagt; etwas wie: 'Wenn du wolltest, dass er etwas über dich erfährt, würdest du es ihm sagen.' "

Der Rotschopf starrte sie eine Weile an, aber ihr Gesicht verriet nichts von dem Durcheinander in ihrem Kopf.

"Wie auch immer...", murmelte sie schließlich. "Wenn sonst nichts mehr ist, würde ich jetzt gerne gehen..."

"Sicher, mach's gut!" entließ sie Maya, ohne noch einmal von ihrem Monitor aufzusehen, an dem sie bereits wieder arbeitete.



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Asuka eilte so schnell sie konnte zum Ausgang, um so vielen Gratulanten wie möglich aus dem Weg zu gehen. Die waren das letzte, das sie jetzt gebrauchen konnte. Erst das Ding mit der First, dann hat sie sich lächerlich gemacht, indem sie während des Synch-Tests eingeschlafen ist, dann fällt ihre Synch-Rate, und jetzt auch noch das mit den Personalakten!

Oh, warum dachte sie überhaupt darüber nach? Da stände doch eh nichts außer einfachster personellen Informationen, wie Name, Alter, Gesundheitszustand und der Rest wäre eh zensiert. Und warum sollte irgendjemand an dem bisschen Informationen von diesem dummen...

"Asuka!"

Sie blieb zuckend stehen. Warum musste sich heute jeder von hinten anschleichen?

"Was zur Hölle machst du noch immer hier, Shinji?", fauchte sie ihn an, als er sie eingeholt hatte.

"Ich... hab... auf dich... gewartet...", keuchte er, bereits außer Puste nach seinem kleinen Sprint.

"W-wieso?", fragte Asuka verblüfft. "Äh... Ich mein, du könntest längst Zuhause sein und mein Essen mittlerweile fertig haben!"

"A-aber wir sind in einer halben Stunde mit Herrn Matsura verabredet!", jammerte Shinji, verschreckt durch ihren Ausbruch. "Wir haben unsere erste E-eh... unsere Eh... unsere erste Beratungssitzung, erinnerst du dich?"
Er hatte noch immer Probleme das 'E-Wort' auszusprechen, ohne extrem zu stottern und rot zu werden.

"Ah, verdammt!", murrte sie. "Und ausgerechnet heute musste Misato sich daran erinnern, dass sie auf diesen Trip muss!"

"Oh? Wolltest du, dass sie mit uns kommt?"

"Natürlich nicht, Baka! Aber jetzt kann sie uns nicht fahren und wir müssen sehen, wie wir dahin kommen! Na, dann komm jetzt!"

Mit diesen Worten griff sie einen Ärmel von Shinjis Hemd und zerrte ihn zum nächstgelegenen Ausgang.


Als sie jedoch hinausgingen wurden sie von Rei, die sich ihnen in den Weg stellte, aufgehalten. Bevor sie fragen konnten, was sie in ihrer geschlossenen Hand hatte, warf das blauhaarige Mädchen deren Inhalt über sie.

"WAS ZUM TEUFEL...??", fluchte Asuka, während sie versuchte, die Reiskörner aus ihrem Haar zu bekommen.

"Äh... Ayanami, wieso...?", schaffte es der perplexe Shinji zu fragen.

"Es ist ein alter Brauch, Reis über das verheiratete Paar zu werfen; der Reis gilt als Symbol für Fruchtbarkeit. Während es in anderen Kulturen Alternativen dazu gibt, ist Reis das Üblichste." Sie verbeugte sich leicht. "Ich entschuldige mich, da ich mir bewusst bin, dass dies bei eurer Hochzeitszeremonie hätte stattfinden sollen, aber da es mir nicht möglich war dort anwesend zu sein, beschloss ich, dies nun nachzuholen."

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sie sich, wie schon zuvor, einfach um und ging, zwei verwirrte Jugendliche hinter sich lassend.

Asuka war die Erste, der es gelang wieder etwas zu sagen. "Was zur Hölle denkt sie sich?!?", fluchte sie, ihre Stimme mit jedem Wort lauter werdend. "Oh, wenn ich dieses kleine...!"

Und während sie vor sich hin fluchte fand auch Shinji seine Stimme wieder; auch wenn sie nicht mehr war, als ein leises Quieken.

"F-Fruchtbarkeit...?"



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Hiroya gelang es nicht ein weiteres Gähnen zu unterdrücken, als er auf seine Uhr sah. Die Ikaris waren nun 20 Minuten zu spät. Dazu seine Angewohnheit, bei einer Verabredung eher als vereinbart zu erscheinen (damit er zumindest auf keinen Fall zu spät wäre) bedeutete, dass er nun fast 42 Minuten vor dem Hochhaus wartete, in dem diese Frau Tagawa ihr Büro hatte.

Beiläufig hatte er die Visitenkarte wieder hervorgezogen.

[Wir versagen nie, hörst du?]

Etwas Nachforschung hatte gezeigt, dass dies wirklich stimmte. Nun, nicht, dass er einen geschriebenen Text hören konnte. Aber, wie es schien wurde kein Paar, das sie als Beraterin hatte, hinterher tatsächlich geschieden.

"Herr Matsura?"

Er zuckte bei dem plötzlichen Ruf seines Namens zusammen.
"Gott, erschreckt mich doch nicht so", bat er die Neuankömmlinge keuchend. "Ich bin nicht mehr der Jüngste!"

"Ich dachte, Sie hätten noch nicht mal die Dreißiger erreicht...", hakte der Rotschopf nach.

"Mag sein, aber ich fühl mich in letzter Zeit um einiges gealtert", gab er zu. "Und was hat euch so lange aufgehalten? Ich dachte, ihr wolltet das Ganze so schnell wie möglich hinter euch bringen?"

"Oh, entschuld...", fing der Junge an, doch wurde sofort von seiner 'Frau' unterbrochen.

"Wir sind in einen Hinterhalt geraten!"

"Hinterhalt?", murmelte Hiroya, aber eigentlich wollte er es gar nicht wissen...



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Nur ein paar Minuten später betraten sie ein recht geräumiges, gemütliches und gut beleuchtetes (zumindest verglichen mit der Dämmerung draußen) Büro. Hiroya musste zugeben, dass er ein kribbelndes Gefühl hatte, dass möglicherweise Neid war - oder ein wachsendes, Stress-bedingtes Magengeschwür. Der große Raum war mit einigen Pflanzen, einem schon fast protzig-großen Schrank und sogar einer Couch. Und natürlich ein großer Schreibtisch, vor dem ein paar bequem aussehende Stühle standen.

Dahinter saß eine junge Frau Mitte Zwanzig mit kurzen, relativ strubbeligen, dunkel-blonden Haaren.

"Hallo, Herr Ikari!" Sie erhob sich um Hiroyas Hand zu schütteln, als sie die Gruppe hereinkommen sah. "Aber ich hatte eigentlich erwartet, dass sie ihre Frau mitbringen und nicht ihre Kinder! Und ich fürchte ihr Anwalt ist sogar noch später als sie..."

"Ähem, ich glaube es gibt hier ein kleines Missverständnis, Frau Tagawa", murmelte der verwirrte Anwalt.
"Ich bin Hiroya Matsura." Er wies auf die zwei Jugendlichen. "Das sind die Ikaris."

"Falsch!" kam es sofort vom Rotschopf. "Ich sehe hier nur einen Ikari!"

"Oh, nicht schon wieder..." stöhnte Hiroya vor sich hin.

Die junge Beraterin warf einen verstörten Blick zwischen den drei Anwesenden hin und her.
"Nun, ich muss zugeben, das ist ein Fall, den man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt", meinte sie verwundert. "Äh, gut, warum setzen Sie sich nicht, damit wir anfangen können?"

Als die drei ihrer Anweisung gefolgt waren zog sie einen Stift hervor und machte sich offensichtlich bereit alles aufzuschreiben, das möglicherweise von Bedeutung war.

"Wieso fangen wir nicht damit an, wie Sie... ihr euch kennen gelernt habt?", fragte sie freundlich.

"Er hat auf mein Höschen gestarrt!" "Sie hat mich geohrfeigt!" kamen gleichzeitig die Antworten von beiden Kindern, die jeweils auf den anderen zeigten.

"Äh... ein... interessanter Erstkontakt, vermute ich...?" hakte Saori leicht verwundert nach.

"Ha! Das war noch längst nicht alles! Kurz danach hat er gespannt, als ich mich umgezogen hab!"

"I-Ich wollte nur mal nachsehen, was du da so lange gemacht hast!"

"Äh... und was ist dann passiert?" Mittlerweile bewegte sich der Stift kaum noch auf dem Papier.

"Sie hat mich in ihren EVA gekriegt."

"Sie hat dich..." Sie stoppte und lehnte sich rüber zu Hiroya. "Ist 'EVA' ein neues Wort für 'Kiste'?"

"Das fragen sie mich?"

"Na klar!" Versunken in ihrem Gezanke bemerkten die beiden Teens sie offensichtlich gar nicht mehr. "Als nächstes behauptest du, du hättest es nicht genossen, mit mir in diesem Entry-Plug zu sein. Du hast jede sich bietende Gelegenheit benutzt, um mich am ganzen Körper zu betatschen!"

"Du warst doch diejenige, die mir unbedingt zeigen wollte, wie gut sie ist. Es ist nicht meine Schuld, dass wir es in diesem engen Ding machen mussten."

Es wäre vermutlich noch für ein paar Stunden so weiter gegangen, wenn sie nicht auf einmal vom Klingeln zweier Handys unterbrochen worden wären.

"Oh, könntet ihr die bitte ausschalten?" fragte die Beraterin freundlich. "Ich fürchte es ist nicht sonderlich produktiv, wenn wir von so etwas gestört werden..."

Die Kinder schienen jedoch nicht zuzuhören, als sie hektisch nach ihren Telefonen suchten.

"Sie verstehen nicht", murmelte der Junge sichtlich nervös.

"Das bedeutet, dass ein Engel angreift!", fügte Asuka zuversichtlich hinzu.

"Engel?" fragten die beiden Erwachsenen gleichzeitig, wurden aber ignoriert.

Nur wenige Worte wurden am Telefon gewechselt; und während ein Gesicht mit jeder Sekunde ernster wurde, wuchs das Grinsen auf dem Anderen breiter und breiter.

"Tja, sieht so aus, als möchte ein weiter Engel einen Tritt in den Hintern von der einzigartigen Asuka Langley I... Soryu! VERDAMMT! Jetzt seht nur, was ihr angerichtet habt! Ich hätte es fast selbst getan! Arrr... Jemand hol mir Seife, damit ich mir den Mund auswaschen kann..."

"Asuka, hast du nicht gehört? Matsushiro... Das... da ist Misato heute!"

"Phht! Es ist ihre eigene Schuld, wenn etwas passiert..."

"Asuka!"

"Misato?", fragte Saori flüsternd, als sie sich zum Anwalt rüberlehnte. "Eine Rivalin?"

"Nicht, dass ich wüsste...", antwortete Hiroya, aber sie schien sich schon ihre Notizen gemacht zu haben.

"Jetzt komm schon, Baka! Du musst mir zusehen, wie ich diesen Engel in den Boden stampfe!", erklärte das Mädchen, während sie ihren 'Ehemann' zur Tür schob.

"Ist das nicht süß?", fragte die junge Frau niemand speziellen.

Hiroya warf ihr einen fragenden Blick zu. "Sie scherzen, nicht wahr?"

"Aber... aber... Asuka...", stammelte Shinji.

"Kein 'Aber'! SOFORT!"

Ein paar Momente der Stille vergingen, in denen die Erwachsenen nur unwissend in Richtung der zugeworfenen Tür blickten.

"Puh, endlich!" seufzte der Anwalt, als er aufstand. "Diese beiden... Ich hab keine Ahnung, wie ich das Ganze hier verlangsamen soll. Ich mein, es ist ziemlich offensichtlich, dass es keine große Chance gibt, diese 'Ehe' zu retten, denken Sie nicht? "

Aber die junge Frau schien gar nicht zuzuhören. Verschwunden war die unschuldige und naive Erscheinung. Sie hatte sich in eine Position sinken lassen, die ihn irgendwie an die des Blin... der Kommandanten erinnerte.

"Endlich eine Herausforderung!" sagte sie mit einem Grinsen, das Hiroya erzittern ließ.





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A/N: Ja, mit nur wenigen Monaten Verspätung ist nun auch dieses Kapitel ins Deutsche übertragen. Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich es auch schon seit einer ganzen Weile fertig, aber mich nie dazu durchringen können, einen letzten Check zu machen (und um ganz, ganz ehrlich zu sein hab ich das jetzt auch nicht - hab nur noch mal die Rechtschreib-/Grammatikprüfung drüber laufen lassen. Wenn es also noch gröbere Schnitzer gibt: Schiebt es auf meine Faulheit...)

Es ist auch immer wieder interessant zu sehen, was man doch für einen Schund geschrieben hat, sobald man ihn übersetzt. Allein die ständigen Widerholungen, wie "redhead/Rotschopf" sind mir im Original kaum aufgefallen. >_<
Natürlich hätte ich das Ganze auch noch mal verbessern können, aber dann wäre es ja nicht mehr authentisch… und es wäre noch mehr Arbeit gewesen... :P

All rights belong to their respective owners. Which means mostly Gainax in this case...